Der Zukunftsfonds soll Deutschland als Start-up-Standort attraktiver machen. Jetzt braucht es politischen Mut zu raschen Entscheidungen, sagt Jenny Boldt.

Montags ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Zur Start-up-Welt gehört es, dass sich alles ständig verändert. Neue Technologien, neue Geschäftsmodelle, neue Märkte. Da ist es schon ein wenig verwunderlich, dass es in einem Punkt eine ziemliche Konstante gibt: Als größtes Hemmnis für Start-ups gilt bei 55 Prozent und damit einer Mehrheit der Gründer die schwierige Finanzierung. Das war 2016. Und heute sagen zwei Drittel der Gründer, in Deutschland gäbe es zu wenig Venture Capital für Start-ups. Die Folge ist, dass jedes vierte Startup zumindest darüber nachdenkt, wegen besserer Finanzierungsbedingungen ins Ausland zu gehen. Das ist die schlechte Nachricht. Wem etwas am Standort Deutschland liegt, der muss das beunruhigend finden. Die gute Nachricht ist: Es gibt aktuell die Chance, dass wir hier einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung machen – und zwar mit dem im Koalitionsvertrag versprochenen Zukunftsfonds, dessen Ausgestaltung immer konkreter wird. Der Appell an die Politik kann nur sein: Bringt den Fonds jetzt auf den Weg, und zwar schnell!

Deutschland überlässt erfolgreiche Start-ups den anderen

Damit man versteht, warum hier die Politik gefordert ist, muss man sich das Thema Start-up-Finanzierung genauer anschauen. Es gibt neben dem angesprochenen Schatten nämlich auch viel Licht. Die Finanzierungssituation von Start-ups in der Seed- und Early-Stage hat sich in den vergangenen Jahren bereits deutlich verbessert. Das liegt nicht zuletzt an der Einrichtung, Fortführung und Weiterentwicklung öffentlicher Förderinstrumente wie EXIST, INVEST oder dem High-Tech Gründerfonds. Es gibt auf Bundes-, Länder- und teilweise auch kommunaler Ebene eine Vielzahl von Angeboten für Leute, die eine Start-up-Idee haben. Wenig getan hat sich dagegen in der Later Stage –also dann, wenn es um größere Summen geht, die e für Wachstum und Expansion braucht. Hier fehlt es in Deutschland (und eigentlich auch in ganz Europa) nach wie vor an Wagniskapital. Das kann man leicht an ein paar Zahlen sehen: Europäische Finanzierungsrunden sind im Vergleich zu Asien um etwa zwei Drittel kleiner, im Vergleich zu Nordamerika um fast die Hälfte. 2018 sammelten US-VC-Fonds rund 54 Milliarden US-Dollar ein, deutsche nur 1,2 Milliarden US-Dollar. Und während in Deutschland Finanzierungsrunden in einer Größenordnung bis zu einer Million Euro in neun von zehn Fällen ausschließlich von deutschen Investoren gestemmt werden, sind bei Runden ab 10 Millionen Euro in neun von zehn Fällen ausländische Investoren mit dabei – oder sogar komplett unter sich.

Wer auf institutionelle Anleger verzichtet, hat einen krassen Wettbewerbsnachteil

Das ist  eine Schieflage, die korrigiert werden muss. Denn auf diese Weise wandert zum einen das Know-how gerade von erfolgreichen Start-ups ins Ausland ab. Zum anderen fließt so auch die Rendite aus diesen Start-ups nicht nach Deutschland, sondern in andere Länder, vor allem in die USA und Asien. Und das, nachdem das große Risiko in der Frühphase häufig der Staat mit seinen Förderprogrammen wie EXIST getragen hat.

Dass es im Ausland mehr Wagniskapital gibt, hat eine ganze Reihe von Gründen. Ein ganz entscheidender ist aber, dass dort institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionseinrichtungen die enormen Summen, die sie verwalten, teilweise auch in die renditestarke Tech-Branche investieren. Hierzulande ist das aus verschiedenen Gründen bisher eher die Ausnahme. Da spielen die Kleinteiligkeit und Intransparenz der deutschen Startup-Landschaft ebenso eine Rolle wie bislang zu kleine VC-Fonds, sodass sich ein Investment für die großen institutionellen Anleger im Verhältnis zum Aufwand meist nicht lohnt. Aber es fehlt dort häufig auch an Erfahrung mit und Expertise für den VC-Markt, so dass keine fundierten Investitionsentscheidungen getroffen werden können. Und schließlich sorgt die strenge Regulierung zum Beispiel mit hohen Eigenkapital-Anforderungen für solche Investments dafür, dass sie wenig attraktiv sind. Das alles ist ein riesiger Wettbewerbsnachteil, dem aber jetzt mit dem Zukunftsfonds entgegengewirkt werden könnte.

Zukunftsfonds: Der Staat federt das Risiko ab, verzichtet aber nicht auf Gewinne

Die Idee des Zukunftsfonds ist so einfach wie bestechend und kann zum Beispiel ungefähr so umgesetzt werden: Staat und institutionelle Anleger investieren gemeinsam in diesen Zukunftsfonds, wobei es für die staatlichen Einlagen “Junior Shares” gibt, für die privatwirtschaftlichen “Senior Shares”. Der Zukunftsfonds selbst beteiligt sich auch zur Risikominimierung selbst überwiegend an VC-Fonds ab einer bestimmten Größe – und zwar ohne jede politische Einflussnahme, sondern auf Grundlage marktwirtschaftlicher Überlegungen. Die Erträge aus den Investments fließen dann vorrangig an die Senior Shares, bis diese ihre Investition zurückerhalten haben, erst danach werden die Junior Shares bedient. Darüber hinaus fließen Gewinne bis zu einer vorher vereinbarten Rendite wieder an die Senior Shares, alles darüber hinaus erhalten die Junior Shares. Der Staat federt bei diesem sogenannten Wasserfallmodell das Risiko für die privatwirtschaftlichen Investitionen ab, ohne aber selbst auf Gewinne aus den Investments zu verzichten. Eine solche Lösung gilt unter Experten auch als beihilferechtlich unbedenklich. Das ist wichtig, denn wenn der Staat sich stärker in die Start-up-Finanzierung einklinkt, werden die Wettbewerbshüter aus Brüssel darauf einen strengen Blick werfen, das steht fest.

Von Start-up-Erfolgen sollen nicht mehr nur die Reichen profitieren

Es gibt aber noch ein weiteres gewichtiges Argument für den Zukunftsfonds, der in der Debatte manchmal zu kurz kommt. Es geht hier nicht um Wohltaten für Start-ups, von einem solchen Fonds würden in einer Welt des Null- und Negativzinses gerade auch die institutionellen Anleger wie Versicherungen und Pensionseinrichtungen profitieren. Und damit die Millionen Menschen, deren Gelder dort verwaltet werden und die alleine nie in der Lage sein werden, in Start-ups zu investieren und von deren Wachstum zu profitieren. Ein Zukunftsfonds ist indirekt eine Maßnahme, um breite Bevölkerungsschichten am wirtschaftlichen Erfolg innovativer technologiegetriebener Unternehmen teilhaben zu lassen.

Die Diskussion über den Zukunftsfonds ist bei den Parteien im Bundestag weit fortgeschritten. Wir haben jetzt die Chance, einen ganz entscheidenden Schritt zu machen, damit Deutschland als Standort für Start-ups noch attraktiver wird und wir unsere Wettbewerbsnachteile gegenüber Startup-Nationen wie den USA oder China reduzieren können. Dazu braucht es jetzt den politischen Mut, rasch Entscheidungen zu treffen und die erste Milliarde Euro für den Fonds bereitzustellen. Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus hat beim Bitkom-Gründerfrühstück vergangene Woche auf jeden Fall angekündigt, dass der Zukunftsfonds noch in diesem Jahr kommt. Womöglich entscheiden sich dann nicht nur Start-ups dafür, hier in Deutschland zu bleiben, sondern es kommen sogar junge Technologie-Unternehmen und damit Know-how und Wertschöpfung aus dem Ausland zu uns.