Die digitalen Technologien haben viele Kritiker. Aber was wäre die Welt ohne sie, fragt Jenny Boldt und wirft einen Blick auf vielversprechende Start-ups.

Wann hat euch eigentlich zuletzt jemand gesagt, wie toll diese Digitalisierung ist? Wenn wir in Deutschland über Digitalisierung sprechen, dann geht es meistens um Funklöcher oder um die gefährliche Künstliche Intelligenz, vor der uns ein Algorithmen-TÜV schützen soll. Wir fragen uns, was aus unseren Dieselmotoren werden soll, wenn autonom fahrende E-Autos das Straßenbild beherrschen, anstatt genau solche innovativen Fahrzeuge endlich selbst auf die Straße zu bringen. Und mit Blick auf analoge Klassenzimmer, die aussehen wie vor 30 Jahren, fragt sich mancher Politiker nicht, wie wir da schnellstmöglich digitale Medien reinbekommen, sondern regt ernsthaft ein Schulfach “Digitale Selbstverteidigung” gegen soziale Netzwerke und allen anderen digitalen Unbill an. 

Chancendebatte? Fehlanzeige. Da wundert es nicht wirklich, dass drei von zehn Bundesbürgern sagen, sie sehen die Digitalisierung eher als Risiko, 16 Prozent stehen digitalen Technologien grundsätzlich negativ gegenüber.

Ein Tag für die Digitalisierung

Nur können wir uns eine solche Haltung auf Dauer nicht leisten. Wenn wir uns der Digitalisierung verweigern, dann hört die nicht einfach auf, sondern sie macht allenfalls einen Bogen um uns. Und dann sind irgendwann unsere Unternehmen ebenso wenig konkurrenzfähig wie unsere Bildungseinrichtungen oder unsere Verwaltung. Wir müssen die Chancen der Digitalisierung erkennen, über sie sprechen und jeden Einzelnen mitnehmen und begeistern, ohne dass wir Ängste und Sorgen ignorieren oder Herausforderungen leugnen. Genau das ist auch das Ziel des bundesweiten Digitaltages, der am 19. Juni 2020 zum ersten Mal stattfindet und von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis aus mehr als 20 Organisationen getragen wird.

An Beispielen, wie digitale Technologien unser Leben besser machen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, mangelt es hierzulande nicht. Ganz besonders Start-ups sind mit innovativen Projekten und Produkten ganz vorne mit dabei.

Vom Nachbarschafts-Netzwerk bis zur App-Sprechstunde

Während große soziale Netzwerke auf einen globalen Austausch setzen, will nebenan.de einen digitalen Austausch mit den Menschen in der eigenen direkten Nachbarschaft unterstützen. Denn häufig ist es ja gerade in Städten so, dass man allenfalls noch die Menschen im eigenen Haus oder der unmittelbaren Nachbarschaft kennt. Bei nebenan.de kann man gemeinsame Aktivitäten planen oder einfach erfahren, welche Veranstaltungen es in der Nähe gibt und was lokale Geschäfte oder Restaurants für Angebote haben.

Nicht nur das Zusammenkommen mit Nachbarn ist nicht immer einfach, auch der Kontakt mit Ämtern und Behörden ist oft kompliziert. Wer zum Beispiel schon einmal versucht hat, einen Kita-Platz zu bekommen, der steht auf einer Vielzahl von Listen bei verschiedenen Trägern, muss dort seinen Wunsch immer wieder erneuern und erfährt oft erst kurz vor knapp, ob es was wird mit der Kinderbetreuung. Little Bird hat eine Lösung entwickelt, die sowohl auf Seite der Kitas, als auch der Eltern, einfach und komfortabel ist und wohl bei den wenigsten von ihnen den Wunsch aufkommen lässt, aus dem Digital- wieder ins Analogzeitalter zu wechseln.

Verbesserte Luftqualität und digitalen Nachhilfe

Gerade Vereine, aber auch Kommunen leiden darunter, dass sich die Mitglieder bzw. Einwohner nicht in dem Maße engagieren, wie es möglich wäre. Oft fängt es schon bei notwendigen Wahlen an – viele haben schlicht nicht die Zeit, nachmittags oder am frühen Abend in einen Versammlungsraum zu kommen und ihre Stimme abzugeben. Polyas hat deshalb eine Lösung für Online-Wahlen entwickelt, die den Anforderungen frei, gleich, geheim, allgemein und unmittelbar entspricht und damit rechtsgültig ist.

Zudem gibt es eine Vielzahl von digitalen Angeboten, die versuchen, den Einzelnen besser über Entwicklungen vor Ort zu informieren. So bietet FixMyBerlin die Möglichkeit, sich über Radwege-Planungen in Berlin zu informieren und Breeze Technologies stellt auf einem Online-Portal Daten über die Luftqualität bereit. Und jeder kann sich mit dem Aufstellen eines Mess-Sensors an der Bereitstellung der Daten beteiligen und somit die Qualität des Angebots verbessern.

Digitale Technologien helfen uns aber auch, besser und Neues zu lernen. Die ReDI School bietet verschiedene Kurse an, um Wissen über Programmiersprachen oder neue Technologien wie IoT zu vermitteln. Eine Zielgruppe dabei sind Menschen, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind. Aber auch Schüler und Lehrer können von digitalen Angeboten direkt profitieren. Ob mit einer Online-Nachhilfe wie von Sofatutor oder mit einer Plattform für Unterrichtsmaterial von Lehrern für Lehrer auf lehrermarktplatz.de.

Alltagsprobleme mit digitalen Technologien lösen

Ganz konkreten und spürbaren Nutzen bietet die Digitalisierung uns, wenn wir krank sind – oder damit wir gesund bleiben. Ob dank Online-Sprechstunde per App bei der TeleClinic, direkter Hilfe bei psychischen Belastungen über Selfapy oder neuer Tinnitus-Therapieformen von Sonormed. Dabei geht es nicht darum, den Arzt durch die App zu ersetzen, aber oft sind in der Stadt die Wartezimmer übervoll oder auf dem Land der nächste Arzt viele Kilometer entfernt.

Und natürlich sind es nicht nur Start-ups, die mit digitalen Technologien unsere Alltagsprobleme lösen. Die elektronische Steuererklärung kostet zwar immer noch Zeit, aber man muss sich nicht mehr durch Formularstapel quälen. Die Drohne hilft der Feuerwehr bei der Bekämpfung des Waldbrandes. Und Oma und Opa tauschen sich heute dank Smartphone und Messenger sehr viel öfter mit dem Enkel aus als noch die Generation vor ihnen. Mein Wunsch ist es, dass wir nächstes Jahr beim “Digitaltag 2020” gemeinsam viele solcher Beispiele erleben können. Und weil der Tag vom Mitmachen lebt, kann sich auch jeder mit eigenen Aktionen beteiligen.