Jens Spahn will das Gesundheitswesen vom analogen ins digitale Zeitalter führen. Endlich, sagt Jenny Boldt. Ein Schritt, von dem auch Start-ups profitieren.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative “Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Gegen was bin ich eigentlich geimpft? Muss ich irgendeine Impfung auffrischen? Wer sich solche Fragen stellt, kann nur hoffen, dass er das gelbe Impfbuch irgendwo bei den wichtigen Papierunterlagen abgelegt hat – sonst ist er ziemlich aufgeschmissen, weil sich diese oft Jahre oder Jahrzehnte alten Informationen nirgendwo anders – geschweige denn zentral – finden lassen. Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie analog das deutsche Gesundheitswesen immer noch ist. Doch das soll nach Willen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn endlich anders werden. Er hat jetzt den Entwurf für ein Digitalisisierungsgesetz im Gesundheitswesen vorgestellt.

Mehrwert für Patienten und Mediziner

Darin geht es um die großen Themen wie die Aufnahme digitaler Lösungen in die Versorgung (was gerne auch mit “Apps auf Rezept” etwas verkürzt zusammengefasst wird), neue Anwendungen für die elektronische Patientenakte mit echtem Mehrwert für die Versicherten und weitere verbindliche Fristen für die Anbindung der Leistungserbringer, also zum Beispiel Ärzte und Krankenkassen, an die Telematikinfrastruktur. Auch die telemedizinische Versorgung soll weiter gefördert werden. Und ja, tatsächlich soll das Fax (die Älteren, die nicht als Mediziner praktizieren, erinnern sich eventuell noch vage an diese Technologie) nun durch sichere digitale Kommunikationsmittel ersetzt werden.

Wenn das Gesundheitswesen digitaler wird, dann profitieren davon ganz besonders auch Start-ups. Die, die bereits auf dem Markt sind und es dann endlich leichter haben, mit ihren Angeboten Ärzte oder Patienten zu adressieren, und die, die endlich in die Lage versetzt werden, ihre Ideen in die Tat umzusetzen und ihre Lösungen nicht nur im Ausland, sondern auch hierzulande anzubieten.

Wie Start-ups das Gesundheitssystem verändern wollen

Schon heute gibt es eine ganze Reihe Health-Start-ups aus Deutschland, die in ganz verschiedenen Bereichen neue, innovative Dienstleistungen für Ärzte und Versicherte anbieten. So bündelt Thryve die Gesundheitsdaten von verschiedenen Geräten und Diensten wie Fitness-Armbändern und Smartphone-Apps und stellt diese Informationen über eine zentrale Schnittstelle (API) auf Wunsch des Nutzers Anbietern von digitalen Therapie- und Präventionsprogrammen zur Verfügung. Zudem können die zusammengestellten Daten optional auch analysiert und so etwa bei Patienten mit Depressionen Schübe vorhersagen. Das hinter der Marke stehende Berliner Start-up mHealth Pioneers konnte erst vor wenigen Tagen von einer Investorengruppe um Carsten Maschmeyer einen Millionenbetrag einsammeln.

Einen ganz anderen Weg der Krankheitserkennung geht Biomes. Die Ausgründung der Technischen Hochschule Wildau bietet eine DNA-basierte Darmflora-Analyse für Zuhause. Denn eine ganze Reihe von Gesundheitsproblemen wie Reizdarm, Allergien oder Übergewicht haben ihren Ausgangspunkt mit hoher Wahrscheinlich in den Körperbakterien. Während eine klassische Stuhlanalyse nur etwa zehn bis 15 Prozent aller Mikroben überhaupt erfasst, kann eine DNA-Analyse nahezu 100 Prozent der rund 1.000 verschiedenen Bakterien identifizieren. 

Mehr Spielraum für Krankenkassen

Aber nicht nur die Patienten profitieren direkt von Start-ups, auch für Ärzte gibt es Angebote. So entwickelt Cellmatiq eine Software, die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz medizinische Bilddaten analysiert. Das können zum Beispiel Aufnahmen des Augenhintergrundes sein, mit denen Glaukom (“Grüner Star”) erkannt werden kann, oder auch Röntgenbilder für den Kieferorthopäden. Dabei ersetzt die Lösung nicht den Arzt, sondern unterstützt ihn bei der Diagnose und kann auf Anomalien mit größerer Zuverlässigkeit als der durchschnittliche menschliche Mediziner hinweisen.

Fragt man Health-Start-ups, was ihnen das Leben leichter machen würde, dann werden immer wieder zwei Punkte genannt: Zum einen muss der Weg in die sogenannte Regelversorgung erleichtert werden. Denn nur dann können gesetzliche Krankenkassen die Kosten einfach und problemlos für ihre Versicherten übernehmen. Die Wege dahin sind bislang sehr starr und langwierig, so werden etwa mehrjährige klinische Studien vorausgesetzt. Damit Start-ups das Gesundheitswesen voranbringen können, brauchen wir flexiblere und dynamischere Wege, etwa dass ein schrittweiser Erprobungsprozess mit klar definierten Meilensteinen den Weg in die Regelversorgung ebnet. Und zweitens wünschen sich Gesundheits-Start-ups, dass die Krankenkassen selbst mehr Spielraum erhalten, um neue Wege mit Digital-Health-Anbietern zu gehen. Notwendig sind dafür neue Erstattungsmöglichkeiten, da die bisherigen Kategorien wie Medizinprodukt und Hilfs- oder Heilmittel aus der analogen Welt stammen und zum Beispiel nicht zu Software und deren Entwicklungszyklen passen.

Antworten darauf, ob Start-ups mit diesen Veränderungen rechnen dürfen und wie die künftige Rolle von Start-ups im Gesundheitswesen aussehen wird, gibt es beim Get Started Gründerfrühstück mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 13. Juni in Berlin.