Investoren katapultieren das populäre Kleidertausch-Start-up zu einer Milliardenbewertung. Aktuell kostet der Aufbau der Plattform jedoch noch viel Geld. 

Sechs Euro für Stiefel von H&M, acht Euro für ein schwarzes Kleidchen von Zara oder elf Euro für eine Jogginghose von Nike: Auf Kleiderkreisel findet sich wieder, was in deutschen Kleiderschränken aussortiert wird. Die Plattform ist ein virtueller Second-Hand-Store, auf der Privatnutzer gebrauchte Kleidung und Schuhe untereinander handeln.

Wie die Beispiele zeigen, geht es dabei oft um Produkte zum kleinen Preis. Die Investoren hinter dem Start-up glauben jedoch an das ganz große Geschäft. Das Digitalunternehmen Vinted, zu dem neben Kleiderkreisel noch Plattformen in zehn weiteren Ländern gehören, ist jetzt in den erlesenen Kreis der Start-ups mit einem sogenannten Einhorn-Status aufgestiegen. Die Investoren bewerten das Start-up dabei mit mindestens einer Milliarde Dollar.

Hohe Verluste beim Plattform-Aufbau

Grundlage für diese virtuelle Zahl ist eine aktuell abgeschlossene Finanzierungsrunde über 128 Millionen Euro. Die wird angeführt von dem amerikanischen Risikokapitalgeber Lightspeed Venture Partners. Auch der deutsche Medienkonzern Burda stockt seinen Anteil im Rahmen der Finanzierungsrunde auf – laut Handelsblatt ist der Verlag mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag investiert.

Noch sind die Finanzierungen jedoch eine Wette auf die Zukunft. Ein Blick in die kürzlich veröffentlichte Bilanz des Mutterkonzerns Vinted (hier geht es zum PDF) zeigt: Im vergangenen Jahr haben die Portale zusammen 32 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Operativ verzeichnete die Firma jedoch mehr als acht Millionen Euro Verlust. Alleine 20 Millionen Euro flossen in Ausgaben, um die Plattformen bei möglichen Nutzern bekannter zu machen.

Man erwarte aufgrund der kräftigen Investitionen in Marketing und Plattform-Entwicklung auch für 2019 einen Verlust, heißt es im Jahresabschluss. Gleichzeitig sieht sich das Portal aktuell auf einem starken Wachstumskurs: Man erwarte Verkäufe im Wert von 1,3 Milliarden Euro in diesem Jahr, das bedeute eine Vervierfachung innerhalb von knapp eineinhalb Jahren, heißt es gegenüber Techcrunch.

Preissensible Nutzer machen Gebührenerhöhungen schwierig

Damit steckt Vinted auch im elften Jahr seines Bestehens in der Aufbauphase. Die Hoffnung bei einer Plattform: Irgendwann ist das eigene Angebot so groß und so unverzichtbar für Käufer und Verkäufer, dass die Nutzungszahlen stetig steigen – und dann über Provisionen und Zusatzgebühren die Umsätze und Gewinne in die Höhe schnellen können. Amazon oder auch Auto1 gelten als Vorbild für dieses Geschäftsmodell. Aber auch in zahlreichen anderen Nischen versuchen sich Plattformanbieter. „Wir sind sehr dankbar, dass unsere neuen und bestehenden Investoren an unsere Mission glauben, Second-Hand weltweit zur ersten Wahl zu machen“, sagt Vinted-Vorstandschef Thomas Plantenga in einer Pressemitteilung.

Die Herausforderung für Plattformen, auf denen gebrauchte oder günstige Produkte gehandelt werden: Nutzer reagieren in der Regel äußerst empfindlich auf Versuche, Gebühren einzuführen oder zu erhöhen. Die Plattform Dawanda, auf der selbstgemachte Accessoires verkauft werden konnten, kapitulierte vor einem Jahr auf der Suche nach einem funktionierenden Geschäftsmodell. Ende 2014 führte der deutsche Vinted-Ableger Kleiderkreisel erstmals Verkaufsgebühren ein – und erntete heftige Kritik aus der Community. Die suchte sich schnell alternative Portale, die auf Provisionen verzichtete.

2016 ruderte Kleiderkreisel dann wieder zurück. Heute ist der Verkauf auf der Seite kostenlos. Käufer können ebenfalls kostenlos shoppen – Kleiderkreisel legt jedoch die Nutzung des sogenannten Käuferschutzes nahe. Der kostet etwas mehr als vier Prozent des Verkaufspreises, umfasst jedoch auch eine Versicherung des Produkts.

Suche nach der richtigen Balance

Um die Milliardenbewertung zu rechtfertigen, wird Vinted mit seinen Ablegern weiter nach der richtigen Balance suchen müssen. In einigen Ländern experimentiert das Digitalunternehmen etwa mit der Möglichkeit, Verkaufsangebote gegen eine kleine Gebühr prominenter auf der Seite darzustellen. Die Einnahmen aus dem Marktplatz machten im vergangenen Jahr 90 Prozent der Umsätze aus, etwa zehn Prozent entfielen auf Werbeeinnahmen.

Vorstandschef Plantenga weiß um die Aufgabe, wie ein weiteres Zitat aus der Pressemitteilung zeigt: „Wir wollen, dass Menschen ihre Sachen schneller verkaufen und aus einem breiteren Produktsortiment als jede andere Plattform in Europa auswählen können – und das zu möglichst niedrigen Kosten für unsere Mitglieder.“