John Caffier ist 20 Jahre alt, studiert in Tübingen Politik- und Medienwissenschaften. Nebenbei stellt der junge Mann sein eigenes Start-Up auf die Beine – und programmiert hocherfolgreich Apps.

von Tim Kummert

John Caffier sitzt in einem Seminarraum der Universität Tübingen, das Semester hat wieder begonnen. Eines seiner beiden Fächer ist heute dran, Medienwissenschaft. Der Vortragende doziert zum Thema „Medienrezeption“: Wie wirken Medien? Wie lässt sich diese Wirkung beschreiben? Auf Caffier wirkt gerade vor allem ein Medium: Sein Laptop. Er tippt einen Befehl die Kommandozeile ein und lässt sich das Ergebnis des kleinen Programms, das er gerade verändert hat, anzeigen. Er ist erleichtert: „Großartig. Es geht.“

John Caffier ist eigentlich Student im vierten Semester in Tübingen, Hauptfach Medienwissenschaft, im Nebenfach studiert er Politik. Doch nebenher betreibt er „jocapps“, sein eigenes Start-Up mit dem er Apps entwickelt. Nicht allein, er beschäftigt diverse Freelancer, die für ihn arbeiten, auch in Indien, Portugal oder den USA: „Ich bin oft lange wach – manchmal kann ich erst um zwei Uhr nachts gleichzeitig mit den Entwicklern auf den verschiedenen Kontinenten telefonieren.“

Seit zwei Jahren hat er die Firma, und mittlerweile schon an die 35 Apps entwickelt. Caffier ist ein lockerer Typ – er wirkt nicht wie ein verbohrter Computer-Nerd. „Ich glaube, man darf auch kein klassischer ‚Nerd‘ sein, wenn man neue Apps, neue Programme auf den Markt bringen will. Sondern man braucht ja eine gewisse Alltagsnähe: Die meisten Apps sind entstanden, weil ich ein gewisses Problem gesehen habe und dann eine Lösung dafür suchte.“

Dabei kam unter anderem eine Mathe-Lern-App heraus, die er in Zusammenarbeit mit einer Diplom-Mathematikerin entwickelte. Hunderte Schüler lernen mit der App seit Jahren auf Matheklausuren. Die Rezensionen sind positiv, die Nutzer begeistert. „Mit dieser App habe ich mein Matheabitur überstanden. Herzlichen Dank.“, kommentiert einer im Apple-App-Store.

Caffier programmiert, seit er die Grundschule verlassen hat. In der fünften Klasse fing es an, mit einfachsten Codes. Er entwickelte sich weiter, seine Programme wurden komplizierter, der Anspruch an sich selbst wuchs. Seine Motivation? „Ich fand es cool, dass man im Internet viel selbstmachen kann – das klingt platt, aber im Grunde ist das Internet ja ein riesiger Spielplatz.“ Mit zehn Jahren programmierte er seine erste Homepage. Mit HTML-Code. Dort postete er dann die „Links der Woche“ und er richtete auch eine eigene Chatbox ein, seine Freunde tauschten sich dort aus. Bescheiden räumt er ein: „Dann kamen ja aber Facebook und damals noch SchülerVZ auf den Markt – damit interessierte sich natürlich kein Mensch mehr für meine Chatbox.“

Dann, mit 12 Jahren, konzipierte er einen „Straußenführer“, als Webseite und App. „Straußen“ nennt man in Baden-Württemberg kleine Gastwirtschaften, die sehr unterschiedlich – je nach Saison – geöffnet haben. Durch die Applikation konnte man auf einen Blick sehen, welche „Straußen“ gerade geöffnet hatten. Fast 20 000 Menschen luden die Anwendung herunter. “Für eine Regional-App echt eine Hausnummer”, sagt Caffier.

Als Teenager bekam er dann erste begeisterte Mails von Benutzern: „Wildfremde Menschen schrieben mir, wie sinnvoll meine Webseite ist und wie einfach sie ihnen Lösungen an die Hand gibt.“  Caffier ist redegewandt, er formuliert druckreif. Er programmierte weiter Apps, Webseiten.

Und war schon zu Schulzeiten ein umtriebiger Charakter: Er gründete eine Schülerzeitung, wurde Chefredakteur und blieb es bis zum Abitur. Dann entschied er sich für ein Studium – aber kein technisches. „Ein Informatikstudium würde mir so nichts bringen, dafür engagiere ich regelmäßig echte Fachleute – ich bin ja kein reiner Programmierer. Ich wollte ein Fach machen, das mich kreativ fordert, trotzdem etwas mit Medien zu tun hat und politisch bin ich trotz allem interessiert.“

Caffier tüftelt gerade an seinem neusten Projekt: „Custolarm“ – ein intelligenter Wecker, seit wenigen Tagen ist die App online. Caffier klingt völlig völlig begeistert, wenn er davon erzählt: „Das ist doch eigentlich völlig irre, dass man sich im Zeitalter von Putzrobotern und künstlicher Intelligenz morgens von einem monotonen Piepen wecken lassen muss.“ Stattdessen werden bei „Custolarm“ die Benutzer mit Nachrichten geweckt, die ihnen andere Nutzer der App im Laufe des vorherigen Tages aufgesprochen haben. Eine Art Anrufbeantworter zum Aufwachen.

Und Caffier träumt schon von den nächsten Dimension in seiner App: „Da sind wir bei Jocapps aber noch in der Entwicklungsphase, verraten will ich noch nicht zu viel. Eines ist aber sicher: Unsere große Zeit kommt erst noch.“ Er selbst verdient an den Apps auch noch nichts. Die Einnahmen aus Werbung oder kostenpflichtigen Pro-Versionen werden für die Mitarbeiter und andere Entwicklungskosten ausgegeben.

Und so feile er auch schonmal noch an einer App in den Uni-Vorlesungen. Der junge Mann schiebt dann noch nach: „Aber in der Regel passe ich natürlich auf!“ und grinst dabei. Manchmal muss er bei der Produktion eines Updates für die neueste App trotzdem warten. Weil dann gerade Uni-Klausuren geschrieben werden.