Hochleistungsfähige Rechner für den praktischen Einsatz: Um diesem Ziel näher zu kommen, erhält das Start-up mit Sitz in Finnland einen Millionenbetrag von Investoren.

Medizinische Wirkstoffe entwickeln, Finanzmärkte und Verkehrssysteme optimieren: So lauten nur einige der Visionen, die mit Quantenrechnern verbunden sind. Die hochleistungsfähigen Computer können komplexe Rechenaufgaben in Stunden lösen – statt, wie derzeit, in mehreren Jahren. Zur Entwicklung eines Quantenrechners für die praktische Anwendung will das Start-up IQM aus Espoo in Finnland beitragen. Gründer und Geschäftsführer Jan Goetz, der in München zu supraleitenden Quantenprozessoren promovierte, spricht von einer Marathonaufgabe: „Experten gehen davon aus, dass erste kommerziell einsatzbare Maschinen in fünf bis zehn Jahren am Markt sein werden“, sagt er auf Anfrage von WirtschaftsWoche Gründer. IQM plane, in zwei Jahren einen ersten Protopyen am Laufen zu haben, so Goetz.

Finanzielle Unterstützung kommt von einem internationalen Investorenkreis. Knapp 11,5 Millionen Euro an Startkapital fließen an das junge Unternehmen. Zu den Kapitalgebern gehören der Münchener Risikokapitalgeber Vito Ventures sowie die Venture-Capital-Gesellschaften Maki.vc und Open Ocean aus Helsinki. Ebenfalls beteiligen sich an der Finanzierungsrunde Matadero QED, die Münchener MIG Fonds, der staatliche finnische Industrieinvestor Tesi sowie Unternehmern aus der Halbleiterindustrie.

Arbeit an Hybrid-Lösungen

Um die Technologie voranzutreiben, bauen die vier IQM-Gründer derzeit ein Team aus Quantenexperten auf. 20 Mitarbeiter soll das Unternehmen bis Ende des Jahres beschäftigen, so Goetz zu WirtschaftsWoche Gründer. „Damit haben wir eine Teamgröße erreicht, die sich durchaus mit anderen international führenden Teams im Bereich Hardware-Entwicklung für Quantencomputer messen kann.“

Neben finanzstarken Tech-Konzernen wie Google und IBM, die das Thema mit Hochdruck verfolgen, fokussiert IQM auf einzelne Komponenten. So konzentriert sich das Start-up derzeit auf die Verbesserung der Hardware: Die Rechenschritte sollen beschleunigt und Fehler reduziert werden. Zudem tüftelt IQM an sogenannten hybriden Maschinen, bei denen ein klassischer Rechner Unterstützung erhält von einem Quantenprozessor.

Fortschritte konnte die junge Firma nach eigenen Aussagen bereits bei der Kühlung der Rechner erzielen, die notwendig ist, um die volle Leistung auszuschöpfen. An der Aufgabe arbeitet unter anderem auch das Start-up Kiutra aus Gilching bei München, das sich im Mai eine Millionenfinanzierung sichern konnte.

Eine Herausforderung dürfte für die sogenannten Deep Techs die Suche nach geeignetem Personal darstellen: „Um einen Quantencomputer zu bauen, braucht man echte Quantenexperten und von denen gibt es nicht so viele auf der Welt. Wir haben in Helsinki eine kritische Masse erreicht und werden gemeinsam nun die Entwicklung unserer Technologie vorantreiben“, sagt IQM-Gründer Jan Goetz. Die Kapitalgeber sollen Zugang zu Tech-Netzwerken öffnen: „Unsere Investoren bilden einen erfahrenen Kreis aus ehemaligen Physikern, Halbleiter- sowie Software-Experten“, so Goetz. Die Mischung an Know-how und das daraus resultierende Netzwerk in der Technologieszene seien sehr hilfreich. Allerdings fordert der Gründer stärkere Anstrengungen für die Ausbildung junger Wissenschaftler in dem Bereich.

Spin-off zweier Forschungseinrichtungen

Die wissenschaftliche Basis für IQM entstand an der Aalto University und dem VTT Technical Research Center of Finland in Helsinki. Die Investoren rechnen der Ausgründung hohe Chancen aus: „In IQM treffen äußerst seltenes Expertenwissen und Ökosystemfaktoren aufeinander: Aalto ist ein Hotspot für relevante Fertigungstechnologien und für Tieftemperaturkühlung”, lässt sich Herbert Mangesius von Vito Ventures in einer Pressemitteilung zitieren.

Das Start-up wolle jedoch nicht isoliert aus Finnland heraus agieren, wie CEO Goetz sagt. „Wir hoffen, dass wir gemeinsam mit Universitäten, Start-ups und Konzernen einen europäischen Weg gehen können.“ Von Konzernen fordert er mehr Mut zu neuen Technologien: „In Europa gibt es leider nur wenige Großkonzerne vom Kaliber IBM oder Google, die eigene Entwicklungsabteilungen im Bereich Quantentechnologie aufbauen“, so der IQM-Gründer. Gemeinsame europäische Forschungsinitiativen wie etwa das im vergangenen Jahr gestartete „Quantum Technologies Flagship“ der Europäischen Kommission seien enorm wichtig, um in Europa nicht den Anschluss zu verlieren.

Der Internetkonzern Google kooperiert künftig mit dem Forschungszentrum Jülich, um an den Quantenrechnern der Zukunft zu forschen, wie heute bekannt wurde.