APX investiert in sehr frühen Phasen. Wie das von Axel Springer und Porsche getragene Unternehmen Start-ups findet, erklären Jörg Rheinboldt und Henric Hungerhoff.

In regelmäßiger Folge fragen wir Geldgeber, wie sie ticken – und worauf es ihnen bei einem Investment ankommt. Heute ist APX dran. Der Risikokapitalgeber ist 2018 aus dem Axel Springer Plug and Play Accelerator hervorgegangen und wird außer von dem Berliner Medienkonzern vom Autobauer Porsche unterstützt. Beide Gesellschafter haben gerade das Wagniskapital auf 55 Millionen Euro erhöht, mit dem APX in den kommenden Jahren investieren kann. Mit der neuen Finanzierung ändert sich die Ausrichtung: Statt als Accelerator mit einem 100-Tage-Programm versteht sich APX nun als Frühphaseninvestor, der Gründer länger unterstützt – auch finanziell. Was dahinter steckt und wie sich ihr Unternehmen von anderen Geldgebern unterscheidet, erklären die Geschäftsführer Henric Hungerhoff (links im Bild) und Jörg Rheinboldt (rechts) im Interview.

Investor im Profil

Portfoliofirmen: 70
Fondsvolumen: 55 Millionen Euro
Normale Ticketgröße: 50.000 Euro, Nachfolgeinvestments bis insgesamt 500.000 Euro möglich
Mitarbeiter: 17

Im Gespräch

Sie haben gerade frisches Kapital bekommen – und wollen APX neu ausrichten. Was werden Sie anders machen als vorher?
Rheinboldt: Wir sind 2018 als Accelerator-Programm gestartet. Der Deal war einfach: Start-ups bekommen gegen fünf Prozent der Anteile 50.000 Euro, ziehen in unser Büro ein, werden von uns 100 Tage lang aktiv unterstützt und erhalten Zugang zu unserem Netzwerk. Damit waren wir erfolgreich unterwegs: Im Schnitt haben die Start-ups, in die wir investiert haben, ihre Kapitalbasis versiebenfacht. Schon bisher haben wir aber mit unseren Portfoliounternehmen über die 100 Tage hinaus zusammengearbeitet, das befristete Accelerator-Modell ergab deswegen immer weniger Sinn für uns.

Hungerhoff: Durch das neue Investment unserer Gesellschafter haben wir nun die Möglichkeit, uns nicht nur an mehr Start-ups zu beteiligen, sondern diese auch finanziell länger zu begleiten. Bisher haben wir in Folgerunden überwiegend nur die Verwässerung unserer Anteile ausgeglichen. Nun können wir unsere Anteile nach dem initialen Investment aktiv ausbauen. Konkret werden wir besonders schnell wachsende Start-ups mit bis zu 500.000 Euro noch vor der Series A unterstützen und je nach Opportunität auch anschließend noch nachschießen. Kurz gesagt: Wir können uns nun wie ein richtiger Investor benehmen, auch wenn wir sicher kein Standard-VC sind.

Es ist viel Kapital im Markt, der Wettbewerb um erfolgsversprechende Start-ups wächst. Was unterscheidet Sie von anderen Investoren?
Rheinboldt: Wir beteiligen uns in einer extrem frühen Phase. Wir sind in vielen Fällen der erste Investor überhaupt – noch bevor ein Business Angel an Bord kommt. Und oft haben die Gründer noch nicht viel mehr als eine Idee. Unsere Stärke ist das Venture Development, also den Gründern zu helfen, ihr Geschäft zu entwickeln. Da bringen wir sehr viel Erfahrung und unser Netzwerk aus Mentoren und Experten ein.

Hungerhoff: Zunehmend ergeben sich auch Synergien innerhalb unseres Portfolios. Die Herausforderungen, vor denen Start-ups in frühen Unternehmensphasen stehen, gleichen sich: Wir können Gründer mit anderen vernetzen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Da verstehen wir uns als Moderator und Impulsgeber. Was wir ausdrücklich nicht machen: Wir nehmen den Gründern nicht den Job ab, indem wir Teile des Tagesgeschäfts übernehmen würden.

Bisher haben sie von den Start-ups im Accelerator-Programm verlangt, dass diese auch Ihre Büros nutzen. Warum sind Sie davon abgekommen?
Rheinboldt: Tatsächlich waren wir anfangs davon überzeugt, dass alle zusammen in einem großen Raum sitzen sollten. Aber wir haben – auch durch die Erfahrungen während der Corona-Krise – gemerkt, dass die räumliche Nähe total überschätzt wird. Der Austausch funktioniert auch digital in virtuellen Formaten. Vielen Gründern genügt das. Trotzdem stellen wir auch künftig Büroflächen zur Verfügung, wenn es die Situation wieder erlaubt. Wir haben dafür vor einem dreiviertel Jahr sogar neue Räume angemietet.

Welchem Unternehmen haben Sie besonders gut weitergeholfen?
Rheinboldt: Spontan fällt mir da das Coaching-Start-up Sharpist ein, das über uns seinen ersten Großkunden gewonnen haben. Das kam über einen von Springer initiierten Workshop zustande. Darin ging es darum, Großkonzernen zu helfen, digitale Innovationen besser zu bestehen. Ich habe zu der Veranstaltung mehrere Start-ups mitgenommen. Die Idee war, dass die Gründer sich mit Konzernmitarbeitern austauschen. In Kleingruppen sollten sich die Teilnehmer erst gegenseitig vorstellen, überlegen, wie sie zusammenarbeiten könnten – und dann Gründe dafür finden, warum das auf keinen Fall funktionieren wird. Die Personaler des Baukonzerns Strabag waren zufällig in einer Gruppe mit den Sharpist-Gründern. Dort stimmte die Chemie sofort und noch im Workshop gab es einen Handschlag-Deal. Für die Entwicklung des Start-ups war das extrem wichtig, weil so ein Großunternehmen natürlich eine gute Referenz ist.

Ein anderes Beispiel stammt noch aus der Zeit des Axel Springer Plug and Play Accelerators. Dort war ein Start-up namens Papayer bei uns Programm. Das wollte eine Prepaid-Kreditkarte für Kinder auf den Markt bringen. Daraus ist das heutige N26 erwachsen. Wir haben selbst investiert und den Gründern geholfen, weitere Investoren zu finden. Auch der Kontakt zu Peter Thiel geht auf die Zeit zurück: Der Investor war zu Gast bei Springer und hat sich anschließend die Firmen im Accelerator angeguckt. Ich kannte Thiel noch aus meiner Zeit als Geschäftsführer von Ebay Deutschland.

In welche Themen investieren Sie bevorzugt?
Hungerhoff:  Man könnte meinen, dass wir aufgrund unserer Geldgeber nur in Medien und Mobilität machen. Das ist definitiv nicht so. Für uns sind erst einmal alle digitalen Geschäftsmodelle interessant. Und oft sind das Themen, die erst in ein paar Jahren relevant werden. Bisher haben wir in mehr als 70 Start-ups aus über 20 Branchen investiert. Künftig wollen wir auch geografisch noch mehr in die Breite gehen. Der Anteil an Auslandsinvestments liegt aktuell bei etwa 20 Prozent. Das werden wir deutlich steigern. Insgesamt wollen wir in diesem Jahr in 50 Start-ups investieren, bis Ende 2022 wollen wir 200 Unternehmen im Portfolio haben.

Wie identifizieren Sie interessante Start-ups? Die Unternehmen, in die Sie investieren, sind ja in der Regel in der Öffentlichkeit noch kaum präsent.
Hungerhoff: Zum einen haben wir ein klassisches Bewerbungs-Formular, über das sich Gründer mit ihrem Pitch-Deck vorstellen können. Zum anderen nehmen wir an vielen Events teil, auch virtuell, und veranstalten selbst auch regelmäßig welche. Mit Abstand am wichtigsten sind aber persönliche Empfehlungen. Die kommen beispielsweise von unseren Portfolio-Unternehmen oder den mehr als 100 Co-Investoren, mit denen wir schon zusammengearbeitet haben. Außerdem suchen wir die Nähe zu Entrepreneur-Klubs an Top-Universitäten wie der RWTH Aachen, der TU München, der WHU, der Universität St. Gallen und der TU Berlin. Dort gibt es „APX Scouts“, die uns auf interessante Gründungs-Teams aufmerksam machen.

Und wie können Gründer in einem Pitch bei Ihnen punkten?
Rheinboldt: Wichtig ist erst einmal: Gründer stellen sich uns nicht in einem klassischen Pitch vor. Wir suchen immer das Gespräch auf Augenhöhe. Wir können uns aufgrund der frühen Phase kaum angucken, was die Firma schon gemacht hat. Also geht es um die Idee, das Timing und vor allem um das Team. Die Gründer sollten für ihre Idee brennen, sich gegenseitig möglichst gut ergänzen – und sich bewusst sein, wo ihnen Know-how fehlt. Die Geschäftsidee muss noch nicht perfekt sein: Wie bei N26 damals kommt es oft nach den ersten Wochen noch zu einem Pivot. Wir erwarten, dass Gründer offen dafür sind, an ihrem Konzept zu arbeiten und es gegebenenfalls noch zu verändern.

 Wie ruiniert ein Start-up den ersten Eindruck zuverlässig?
Hungerhoff: Die sicherste Methode dafür, dass wir ein Team nicht spannend finden, ist, wenn sich die Gründer uneinig sind. Es kommt vor, dass die Gründer jeweils unterschiedliche Ideen und Visionen haben, darüber aber nie sprechen. Oder dass die Anteile so verteilt sind, dass nicht alle happy sind. Ein Ausschlusskriterium ist auch, wenn die Gründer nicht authentisch sind und im Gespräch stur im Pitch-Modus verharren.

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