Der Frühphaseninvestor Antler vernetzt Gründungswillige – und will ihnen so den Start erleichtern. Über den Ansatz berichten die neuen Partner in Berlin.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. In regelmäßiger Folge fragen wir Investoren, wie sie ticken – und worauf es ihnen bei einem Investment ankommt. Heute ist Antler dran. Der Frühphasenfinanzierer aus Singapur hat im November ein Büro in Berlin eröffnet, um näher heranzurücken an die Start-up-Ökosysteme in Europa: In den nächsten vier Jahren will Antler in 160 neu gegründete Firmen rund um Berlin, München, Wien, Zürich und Warschau investieren. Die Teams zieht sich der Investor in einem Inkubator-Programm selbst heran. In unserer Serie berichten die Partner Alan Poensgen und Christoph Klink (re. im Bild), welchen Konstellationen sie die größten Chancen ausrechnen. Und warum sie von Gründungsteams auch Mut zur Trennung verlangen.

Investor im Profil

Portfoliofirmen: mehr als 200
Fondsvolumen: Zielwert sind 50 Millionen Euro für den lokalen Fonds (DACH-Region und Osteuropa)
Normale Ticketgröße: Initial 100.000 – 200.000 Euro pro Runde
Mitarbeiter: 90 weltweit, davon 10 in Berlin

Im Gespräch

WirtschaftsWoche: Antler gibt es erst seit drei Jahren, in Berlin starten Sie gerade ganz neu. Was machen Sie anders als etablierte Investoren?
Christoph Klink:
Was uns besonders macht, sind die ersten zwei Tickets, die Unterstützung der Gründer durch erfahrene Unternehmer mit Branchenwissen und Kontakten sowie unsere Hilfe bei der Komplettierung des Co-Founding-Teams. Zu den Tickets: Wir investieren früher als die meisten Risikokapitalgeber – mit Summen in Größenordnungen, die sonst von Business Angels gestemmt werden. Zu dem Zeitpunkt existiert oft noch nicht viel außer einer Idee und herausragenden Gründern.

Alan Poensgen: Um die Idee und das Potenzial der Gründer besser bewerten zu können, arbeiten wir vor einem Investment zehn Wochen lang mit den Gründungsteams auf unseren Flächen zusammen – soweit die Pandemie das zulässt. Wir begleiten die Teams in einem insgesamt sechsmonatigen Programm: Als Einzelpersonen starten die Gründer mit ihrer Idee zuerst in eine Matching-Phase, insgesamt 65 bis 70 bringen wir pro Kohorte zusammen. Davon hat eine Hälfte technischen Hintergrund und die andere Hälfte einen Business-Hintergrund. In den ersten zehn Wochen finden sich so 20 bis 25 Start-up-Teams zusammen, die schließlich vor uns pitchen. Davon erhalten etwa fünf bis 15 Teams ein Investment. Sie bleiben anschließend noch drei bis vier Monate bei uns.

Wie können Sie den jungen Firmen weiterhelfen?
Klink:
Wir investieren vor allem in Start-ups, denen wir mehr helfen können als nur mit Kapital. Wir wollen Gründern die Infrastruktur bieten, sich zu vernetzen und auszuprobieren: Passen die Persönlichkeiten und Arbeitsweisen zusammen? Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Gründerteams und damit auch ihre Firmen stark davon profitieren, wenn sie sich nach einer Testphase notfalls wieder trennen und neu zusammensetzen können. Wir wollen da unterstützen, wo zur Vollkommenheit der Idee oder des Teams noch ein Schritt oder eine Person fehlt.

Poensgen: Wir stellen sozusagen eine Plattform, auf der Gründer ihr Unternehmen bestmöglich bauen können. Sie fangen bei uns an, konkret an ihrer Idee zu arbeiten, Prototypen zu entwickeln, Businesspläne und Finanzierungsstrategien zu erarbeiten, Pitches vorzubereiten, Pläne für den Markteintritt zu definieren und Mitarbeiter zu rekrutieren. Der größte Teil des Antler-Teams hat selbst schon Unternehmen aufgebaut. Zudem haben wir ein großes Netzwerk mit knapp 500 Advisors weltweit, darunter ehemalige Gründer und Kapitalgeber. Sie sitzen gerade am Anfang des Programms mehrere Stunden pro Woche mit den Teams zusammen. So sind die Start-ups kurz nach der Gründung schon vergleichsweise weit fortgeschritten.

Wie positionieren Sie sich neben anderen potenziellen Kapitalgebern?
Poensgen:
Wir treten nie als Hauptinvestor auf und gehen nur Minderheitsbeteiligungen bis ungefähr zehn Prozent ein. Deshalb stehen wir auch nicht in Konkurrenz zu anderen Investoren. Wir sind für sie eher eine willkommene Ergänzung, weil wir den Dealfluss sichern. So helfen wir gleichzeitig den Start-ups, eine Anschlussfinanzierung zu finden.

Womit wecken Gründer Ihr Interesse?
Klink:
Spannend sind für uns junge Firmen, die Technologie als Kern ihrer Wertschöpfung haben. Darüber hinaus stellen wir uns breit auf: neben B2B-Start-ups werden wir auch einige mit B2C-Fokus ins Portfolio nehmen. Interessant sind für uns zum Beispiel Innovationen aus den Bereichen Medizintechnologie, Bildung sowie Automatisierungstechnik mit Robotik und Künstlicher Intelligenz.

Poensgen: Die besten Ideen kommen unserer Meinung nach aus der Praxis. Deshalb suchen wir weniger nach den direkten Uniabsolventen und eher nach Personen mit signifikanter Berufserfahrung. Im Durchschnitt haben unsere Gründer etwa zehn Jahre Berufserfahrung. Etwa die Hälfte von ihnen hat davor schon ein Unternehmen aufgebaut und will jetzt mit einem neuen, eigenen Projekt starten. Wir glauben außerdem stark an komplementäre Gründungsteams: idealerweise kommen Branchenexpertise, Start-up-Erfahrung, technisches Know-how und ein guter Blick für die Vermarktung zusammen.

Worauf achten Sie in der Zusammenarbeit besonders?
Klink:
Uns ist wichtig, dass die Gründer komplementäre Teams und Vielfalt als Geschenk sehen. Natürlich kann es ab und an anstrengend sein, mit Personen zu arbeiten, die einen anderen Hintergrund haben – und deshalb anders denken und arbeiten als man selbst. Jeder kennt das ja aus eigener Erfahrung. Wir suchen aber nach Teams, die erkennen, dass sie gerade das besser macht.

Und was ruiniert bereits den ersten Eindruck?
Klink:
Ein Alarmzeichen ist für uns eine zu leichtfertige Sichtweise auf das investierte Kapital. Gründer sollten das Geld wie ihr eigenes betrachten, statt es in Kauf zu nehmen, innerhalb kurzer Zeit hohe Summen zu verbrennen.

Poensgen: In späteren Phasen der Zusammenarbeit gibt es manchmal Missverständnisse über unsere Rolle. In der frühen Phase der ersten sechs Monate arbeiten wir sehr eng mit den Gründerteams zusammen und unterstützen so gut wie überall. Ab diesem Zeitpunkt, zu dem sich die Portfoliofirmen auch der breiteren Investorenlandschaft vorstellen, unterstützen wir typischerweise reaktiv und bringen uns ein, wenn die Gründer eine besonders harte Nuss zu knacken haben und aktiv auf uns zukommen.

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