Heal Capital beteiligt sich an Start-ups, die das Gesundheitswesen digitalisieren. Das Geld kommt überwiegend von privaten Krankenversicherungen. Worauf der Investor achtet, erklärt Geschäftsführer Christian Weiß.

In regelmäßiger Folge fragen wir Geldgeber, wie sie ticken – und worauf es ihnen bei einem Investment ankommt. Heute ist Heal Capital dran. Der Risikokapitalgeber ist im Herbst 2019 gestartet und beteiligt sich an Start-ups an den Schnittstellen von Gesundheitswesen und Technologie. Im kürzlich geschlossenen ersten Fonds stecken nun 100 Millionen Euro. Der größte Teil davon stammt von 21 privaten Krankenversicherungen aus Deutschland. Daneben haben sich auch die Mit-Initatioren Heartbeat Labs und Flying Health finanziell am Fonds beteiligt. Heal-Capital-Geschäftsführer Christian Weiß (rechts im Bild), der den Fonds gemeinsam mit Eckhardt Weber leitet, berichtet im Interview, wie sich der Risikokapitalgeber von breiter aufgestellten Fonds unterscheiden will – und wie sich die perfekten Healthtech-Gründerteams aus Investorensicht zusammensetzen.

Investor im Profil

Portfoliofirmen: 3 (Siilo, Infermedica, Ceregate)
Fondsvolumen: 100 Millionen Euro
Normale Ticketgröße: Zwischen 1 und 5 Millionen Euro
Mitarbeiter: 6 Mitarbeiter im Kernteam, dazu 5 bis 10 weitere Experten

Im Gespräch

Investoren gibt es in vielen Größen und Formen. Wie können ausgerechnet Sie bei einem Start-up einen Unterschied machen?
Wir haben uns vorgenommen, uns ausschließlich auf die Schnittstelle von Gesundheit und Technologie zu fokussieren. Hier entsteht eine neue Kategorie von Start-ups mit umfangreichen Chancen. Um hier langfristig erfolgreich zu sein sind ein tiefgehendes Verständnis und Expertenwissen unerlässlich. Insbesondere in den vergangenen Monaten haben sich viele Risikokapitalgeber mit anderen Fokusthemen wie Mobilität entschieden, sich nun auch auf Digital Health zu stürzen. Hier wollen wir mit einer glasklaren Spezialisierung einen Unterschied machen.

Welche Rolle spielen dabei Ihre eigenen Geldgeber, die vor allem private Krankenversicherungen sind?
Wir sind ein finanzgetriebener und unabhängiger VC-Fonds, der den möglichen Beteiligungen vor allem Kapital, Expertenwissen und Zugang zum Gesundheitsmarkt bieten will. Und wenn es um diesen Zugang geht, spielen unsere Investoren eine Schlüsselrolle im System. Auf der Metaebene möchten wir an und mit Unternehmen arbeiten, die die Gesundheitsversorgung verbessern – das kommt dann im Endeffekt dem gesamten Gesundheitssystem, und somit auch den Krankenversicherungen, zugute.

Worauf lässt sich ein Start-up mit Ihnen als Geldgeber ein? Wo packen Sie an?
Wir verstehen uns als aktiver Investor, der helfen und unterstützen möchte. Aber wir suchen nach den besten Gründerteams, die ihre Herausforderungen am Ende auch allein lösen können. Wo wir sicherlich helfen können: Wenn es um eine strategische Zusammenarbeit mit Krankenversicherungen oder Krankenhäusern geht, können wir den Start-ups zum Beispiel bei den Vorbereitungen auf einen Pitch helfen: Auf welche Themen wird besonders geachtet, wie schauen die Akteure auf bestimmte Themen – da haben einige Gründer Vorstellungen, die nicht immer der Realität entsprechen.

Müssen Sie nicht auch im Gesundheitswesen Aufklärungsarbeit für Ihr Modell leisten?
Ja. Etwa ein Drittel unserer Arbeit entfällt auf die Suche nach neuen Deals – das ist jetzt in der Startphase etwas mehr. Ein Drittel entfällt auf die Betreuung unserer Portfoliofirmen. Und das letzte Drittel auf das Ökosystem und Management-Aufgaben. Dafür haben wir beispielsweise unseren Innovationsrat ins Leben gerufen. In dem sitzen unter anderem der Präsident der Bundesärztekammer, der Vorstandsvorsitzende der Sana-Kliniken, die Vorstandsvorsitzende des Medizinbedarfherstellers B.Braun und natürlich auch Vertreter der Versicherungen, wie der Vorstandsvorsitzende der Signal Iduna.

Die Aufmerksamkeit auf das Thema digitale Gesundheit steigt. Mit welchen Thesen blicken Sie auf das Segment?
Es gibt aus unserer Sicht drei Wellen. Die erste waren die Tech-Lösungen und Produkte für Early Adopters, die sich proaktiv mit digitalen Lösungen im Gesundheitswesen auseinandergesetzt haben und nach spannenden Themen gesucht haben. Dazu zählen einige Telemedizin-Anbieter, aber auch beispielsweise das Femtech Clue oder Fitness-Wearable-Hersteller wie Fitbit. Die zweite Welle digitalisiert das Gesundheitssystem an sich, da geht es beispielsweise um Themen wie digitale Gesundheitsanwendungen. Und zugleich sehen wir den Beginn der dritten Welle. In der wird durch Technologie das Gesundheitssystem neu definiert. Wir setzen auf die Wellen zwei und drei.

Was für konkrete Geschäftsmodelle oder Konzepte sind da spannend für Sie?
Wir schauen zum einen auf vertikal integrierte Anbieter, sogenannte Vimpros, das steht für Vertically Integrated Micro-Provider. Hier geht es um telemedizinische Konsultationen, aber auch die eigentliche Therapie und das Monitoring wird dazu angeboten. Da gibt es in vielen Fällen noch einen Bedarf von Patienten, der heute nicht abgedeckt ist. Zum anderen geht es um horizontale Plattformen. Da gibt es international bereits Anbieter wie One Medical oder Amazon Care – in Deutschland wollen die aber noch aufgebaut werden.

In der Pandemie haben digitale Gesundheitsanwendungen einen enormen Schub erhalten. Ist das gut oder schlecht für Sie als Investor?
Corona hat dem Thema tatsächlich einen unglaublichen Boost gegeben, der stärker kaum hätte sein können. Das Interesse von Gründern, Geldgebern und auch den Gesetzgebern ist enorm gestiegen. Das hat den großen Vorteil, dass sich nun mehr Start-ups in dem Bereich aufmachen und auch mehr Kapital für Healthtech-Start-ups bereitsteht. Für uns ist natürlich der Wettbewerb auf Finanzierungsseite deutlich angestiegen. Seit vergangenen März ist das Thema sicher kein Geheimtipp mehr. Zumal auch US-Investoren sich hierzulande stark umschauen. Wir wollen und müssen die Expertise haben, um die für uns relevanten Firmen schneller zu identifizieren und einen klaren Mehrwert zu bieten.

Bislang haben Sie trotzdem erst in drei Start-ups investiert.
Da sehen wir uns auf Kurs. Wir wollen unser Investmentportfolio in etwa vier bis fünf Jahren aufbauen und uns an etwa 20 bis 30 Start-ups beteiligen. Das macht rechnerisch ungefähr einen Deal pro Quartal.

Wie überzeugt Sie ein Gründerteam?
Die Schnittstelle zwischen den Bereichen ist der entscheidende Punkt. Früher waren Gründer im Gesundheitswesen häufig nur Mediziner, oft sogar ergraute Professoren – das entsprach eher der Daniel-Düsentrieb-Herangehensweise. Heute sind natürlich auch oft Mediziner an Bord, aber eben nicht nur. Dazu kommt häufig ein Coder und jemand mit Erfahrung im Aufbau von Software-Start-ups für Geschäftskunden. Natürlich muss man wissen, wie das Gesundheitssystem tickt. Aber man braucht auch die Umsetzungsgeschwindigkeit aus der Tech-Welt.

Und worauf sollte ein Start-up beim Pitch lieber verzichten?
Am Ende des Tages ist es eine Industrie mit vielen Herausforderungen für junge Unternehmer. Es gibt viele Beschränkungen und lange Vertriebszyklen. Es hilft, ein missionarisches Ziel zu haben. Das schnelle Geld ist in der Gesundheitsbranche nicht zu holen. Start-ups brauchen sich beim Pitch noch keine Gedanken darüber zu machen, an wen sie ihre Firma einmal verkaufen wollen. Sie sollen stattdessen etwas Großartiges aufbauen wollen – der Rest wird sich dann finden!

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