Alles auf Anfang: Erfolgreiche Gründer blicken in unserer Serie zurück auf ihre Studienzeit. Über ihre Verbindung zur TU München berichten Maria und Dominik Sievert von Inveox.

In turbulenten Zeiten gerät die Rückschau schnell in Vergessenheit. Deshalb bitten wir Gründerinnen und Gründer zum Jahreswechsel, sich auf ihre Anfänge zurückzubesinnen. Und sich zu erinnern, wie ihr Studium zu den heutigen Erfolgen beigetragen hat – und was in der Förderung hätte besser laufen können. Es antworten jeweils Alumni der Hochschulen und Universitäten, die im vergangenen Jahr laut einer Auswertung der PR-Agentur Tonka die meisten Exits hervorgebracht haben. Bereits dran waren Veronika Schweighart von Climedo Health (LMU München) und Eike Langbehn von Curvature Games (Universität Hamburg).

Im dritten und vorletzten Teil berichten Maria und Dominik Sievert, die 2017 das Medizintechnologie-Start-up Inveox mit Sitz in Garching bei München gründeten. Die junge Firma mit knapp 90 Mitarbeitern will die Krebsdiagnostik unterstützen – mit einem einfacheren und effizienteren Prozess für Probenuntersuchungen im Labor. Konkret digitalisiert das Start-up die Daten der Probe und des entsprechenden Patienten und vernetzt so die Labore mit den Kliniken, damit die Ergebnisse richtig zugeordnet werden und den Ärzten schneller vorliegen. Seit diesem Jahr versorgt Inveox auch rund 300 Gesundheitseinrichtungen und Pflegeheime in Europa und den USA mit Covid-Tests und Schutzausrüstung für das Personal. Mit der Idee nahm das Gründerpaar bereits 2016 am Neumacher-Wettbewerb der WirtschaftsWoche teil und kam im vergangenen Jahr ins Finale des Deutschen Innovationspreises.

Kennengelernt hatten sich die beiden während ihres Studiums an der Technischen Universität München (TUM) – die im Exit-Ranking auf dem zweiten Platz landet. Wirtschaftsingenieurin Maria Sievert hat dort vor fünf Jahren ihren Master abgeschlossen, in Management mit Schwerpunkt Innovation und Entrepreneurship. Dominik Sievert erhielt 2016 seine Masterabschlüsse in Molekularer Biotechnologie und BWL. Im Interview erklärt das Gründungsteam, warum es auf einen längerfristigen Kontakt zu seiner Hochschule setzt.

Womit hat die Uni am meisten zu den bisherigen Start-up-Erfolgen beigetragen?
Maria: Wir haben uns durch unsere Mentorin im sogenannten Manage-and-More-Programm kennengelernt, an dem wir beide unabhängig voneinander teilnahmen. Sie wusste, dass wir uns beide mit demselben Problem beschäftigten, und brachte uns zusammen. Wären Dominik und ich uns damals nicht begegnet, gäbe es Inveox in der heutigen Form wahrscheinlich gar nicht.

Dominik: Auch ein entscheidender Meilenstein war das Exist-Stipendium, das wir über das TUM Entrepreneurial Research Institute erhalten haben. Das Stipendium war sozusagen der initiale Kickstarterdie erste Finanzierung, die es uns ermöglichte, ein Büro anzumieten, um von dort aus unsere Idee in ein Unternehmen umzusetzen. Während uns der Lehrstuhl für Medizintechnik sehr unterstützte bei unseren Abschlussarbeiten, griff uns der Lehrstuhl für Industrial Design beim Branding und Produktdesign unter die Arme. Die TUM hat uns in vielerlei Hinsicht entscheidend geholfen: ob es um den Zugang zu Praktikanten und Werkstudenten ging, um die Gelegenheit, unsere Idee bei verschiedenen Programmen zu präsentieren, oder um den Kontakt zu Branchenexperten.

Was war das beste Studienfach?
Dominik: Es fällt mir schwer, mich auf ein spezielles Fach festzulegen, da die Realität etwas anders aussieht. Wir haben beide ein Kombistudium durchlaufen – dadurch haben wir von einem breiten Kursangebot, vom interdisziplinären Austausch und einem breiten Spektrum an Einflüssen aus den unterschiedlichsten Richtungen profitiert. Für mich war diese Kombination das „beste Studienfach“, da gerade die Interdisziplinarität das ist, was mir im Unternehmeralltag heute am meisten Perspektive gibt.

Maria: Das ist für mich ähnlich – BWL könnte man zwar als allgemein essenzielle Grundlage für unsere Unternehmensführung herausheben. Nichtsdestotrotz ist es aber vor allem die Breite unserer fundierten Ausbildung, die uns heute zugute kommt: neben dem betriebswirtschaftlichen Know-how helfen uns die technischen und ingenieurswissenschaftlichen Fähigkeiten, unser Unternehmen im Gesamtkontext zu verstehen.

Welches Erlebnis aus der Studienzeit ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Maria: Ganz klar: Eine Begegnung während meines Auslandssemesters in den USA. Ich erzähle diese Geschichte auch heute noch oft, denn diese Begegnung war mein persönlicher Zündungsmoment für die Idee, aus der später Inveox wurde. Ich kam in den USA zufällig mit einem Pathologen ins Gespräch, der mir von den Prozessen bei seiner Arbeit erzählte und mich dann auch zu einem Rundgang in sein Labor einlud. Das war der Punkt, an dem ich zum ersten Mal auf ein großes Optimierungspotenzial bei den präanalytischen Prozessen in der Histopathologie aufmerksam wurde und begann, über mögliche Lösungsansätze nachzudenken.

Dominik: Ich hatte während der Studienzeit ein ähnliches Schlüsselerlebnis. Ich nahm im Rahmen meines Biotech-Studiums an einem Praxisseminar teil, bei dem es darum ging, durch Beobachtung in einem selbstgewählten Bereich Probleme oder Defizite zu erkennen und Lösungsansätze zu entwickeln. Ich befasste mich mit den Vorgängen in einem OP und stellte fest, dass dort beim Handling von Gewebeproben ein großes Verwechslungsrisiko bestand. Daraufhin begann ich mit der Entwicklung erster Lösungsansätze und Prototypen. Daraus entstand Schritt für Schritt das Konzept der Digitalisierungs- und Automatisierungslösung, an der wir heute arbeiten.

Welche Erfahrungen aus der Studienzeit haben Sie zuletzt im Start-up-Alltag weitergebracht?
Dominik: Für mich ist es die Geisteshaltung, die wir in einem sehr interdisziplinären Umfeld entwickelt haben – und die uns in unserem Alltag gerade in der Medtech-Branche sehr nützlich ist. Diese Haltung könnte man am besten so beschreiben: als einerseits Vertrauen in eine ganzheitliche Sichtweise sowie andererseits Flexibilität, sich verschiedener Ansätze zu bedienen. Dazu kommt das Verständnis für die Notwendigkeit und den enormen Vorteil einer interdisziplinären Zusammenarbeit.

Maria: Was Dominik anspricht, sind genau die Grundelemente der hochpersonalisierten Medizin unserer Zukunft: ein möglichst ganzheitlicher Ansatz und größtmögliche Interdisziplinarität und Vernetzung – der behandelnden Ärzte mit Fachspezialisten, KI-Experten und Datenspezialisten aus aller Welt. Damit in jedem Einzelfall das Optimum bei der Behandlung erreicht werden kann. Für die Vernetzung von Fachrichtungen und Kombi-Ausbildungen ist gerade die TUM bekannt.

Und was kann die Uni in der Gründerförderung verbessern?
Dominik: Hier muss ich betonen, dass die TUM Gründern unglaublich viel bietet. Für die Zukunft aber ließe sich möglicherweise ein Ansatz mit aufnehmen, der noch etwas mehr in eine Venture-Richtung geht, wie es zum Beispiel in Stanford der Fall ist – dort werden die Gründer direkt gefördert durch die Uni als erster Kapitalgeber in der Anfangsphase.

Maria: Ich könnte mir vorstellen, dass auch mittelgroße Unternehmen über die Gründungsphase hinaus von der Unterstützung durch die Uni sehr profitieren könnten. Zumindest phasenweise – ich denke zum Beispiel an das berühmte und gefürchtete „Valley of Death“, das zwei bis drei Jahre nach der Gründung immer wieder zum Scheitern junger Unternehmen führt. Außerdem könnte eine längerfristige Förderung durch die Uni die Tür offenhalten für einen nachhaltigen Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis.

Davon abgesehen ist es mir persönlich sehr wichtig, mit der Uni eine lange Beziehung zu pflegen – die auch durch gegenseitige Unterstützung und Einsatz von unserer Seite lebt. Deshalb ist es mir eine Freude und große Ehre, dass mich die TUM School of Management kürzlich als Mitglied in ihren Beirat berufen hat. Durch diese spezielle Zusammenarbeit kann ich etwas zurückzugeben und den Austausch noch einmal auf eine ganz neue Art intensivieren.

Weitere Folgen

Teil Eins – LMU-Alumna und Mitgründerin von Climedo Health, Veronika Schweighart: „Interdisziplinäres Arbeiten stärker fördern“

Teil Zwei – VR-Experte der Universität Hamburg und Mitgründer von Curvature Games, Eike Langbehn: „Schneller auf Anfragen reagieren“