Ob Seminare und Führungskräfteentwicklung, Mode oder Übersetzungsarbeiten: Diese Start-ups helfen bei der Integration.

Von Daniela Schumacher

Mit Mode das Denken verändern: Das ist die Vision von Anastasia Umrik. Die 28-Jährige gründete das Label InkluWAS, das die ganze Vielfalt der Gesellschaft zeigen soll, ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen und damit Mut machen will. Sie wolle nicht mit dem Zeigefinger auf ein Problem deuten, sondern ein Design entwickeln, das Spaß mache und Gedanken anstoße, sagt sie: „Wir heben niemanden hervor: weder Frauen noch Männer, Menschen mit Behinderung oder ohne, Dicke oder Dünne, Alte oder Junge.“

Das zeigen auch ihre Fotos, auf denen die Shirts, Pullover, Tops und Taschen in Szene gesetzt werden. Die Models auf den Mode-Fotos entsprechen nicht dem typischen Top-Model-Standard. Bärtige Männer, kleine Frauen, dicke und dünne Models, Models mit und ohne Behinderung posieren auf den Bildern. Neben einer lässig auf einer Treppe sitzenden Frau fährt ein Rollstuhlfahrer einen Stunt – beide mit den Shirts gekleidet.

Ein Statement durch Kleidung

Aufstehen gegen Diskriminierung durch Nationalität, Geschlecht, Behinderung oder sonstige Merkmale ist ein Thema mit persönlichem Bezug für Anastasia Umrik. Sie wurde in Kasachstan geboren und kam später nach Deutschland. Und sie sitzt selbst im Rollstuhl: Sie hat eine spinale Muskelatrophie. Durch einen Rückgang von motorischen Neuronen im Rückenmark kommt es bei dieser Erkrankung zu Muskelschwund und Lähmungen, die mit der Zeit zunehmen. Das Statement, das mit dem Tragen der Kleidung verbunden sein soll ist: Ich bin auch einer von denen, die für eine tolerante Welt sind.

Die Kleidungsstücke werden fair und nachhaltig produziert. Außerdem geht ein Teil der Erlöse an soziale Projekte. „Mein Traum ist, dass das blinde Konsumieren weniger wird. Ich möchte, dass man sich gerne etwas gönnt, aber das mit dem Wissen: Keiner leidet für mich und meine Produkte“, so Umrik. Geld solle nicht nur an ein Unternehmen gegeben werden, sondern an eine Idee und so den Menschen, die hinter dieser stehen, Möglichkeiten eröffnen.

Gedruckt werden die Shirts und Pullover in einer Druckerei in der Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten. Aus einer Idee, die aus Spaß entstanden ist, wird nun mehr: „Jeder hat ein Teil von H&M oder Ikea – warum kann nicht auch jeder ein Teil von InkluWAS tragen und sein Geld damit in gute Projekte fließen lassen?“

Ein weiteres solches Projekt ist BeAble, das Workshops, Seminare und Schulungen der besonderen Art bietet. Hier treffen Chefs aus den Führungsetagen mit Menschen mit Behinderung zusammen. Unter Anleitung von Designvermittlern und Personalentwicklern werden kreative Ideen für neue Produkte entwickelt.

Für Gründerin Isabelle Dechamps eine eindeutige Win-Win-Situation: „Die Menschen mit Behinderung sind sehr ehrlich, offen und direkt im Kontakt. Die Mitarbeiter aus den Unternehmen ziehen viel aus den gemeinsamen Workshops mit anders befähigten Menschen und beschreiben, dass sie sich nachher ganz geerdet fühlen.“

Die Menschen mit Behinderung profitieren ebenfalls enorm von dem Angebot. Sie bekommen einen kreativen Raum, in dem ihre Vorschläge umgesetzt werden und sie sich als selbstwirksam erleben können. So erzählt Isabelle Dechamps von einer jungen Autistin, die bereits seit fünf Jahren an den Workshops teilnimmt: „Sie ist im Verlauf unserer Zusammenarbeit menschlich unglaublich gewachsen. Früher hat sie niemanden an sich herangelassen und war sehr verschlossen. Durch die Seminare ist sie viel offener geworden, kommuniziert viel und hat einfach mehr Teil am Leben.“

Teambuilding-Maßnahme mit Perspektivwechsel

Unternehmen schicken ihre Führungskräfte und Mitarbeiter als Schulungsmaßnahme zu den Kursen. Hier können die Führungskräfte ihren eigenen Führungsstil in einem anderen Kontext erfahren und das hat weitreichende Effekte: Die Inklusionsformate sind eine Teambuilding-Maßnahme, die einen Perspektivwechsel ermöglicht.

Die Teilnehmer entwickeln ihre Problemlösefähigkeit und ihr Prozessdenken weiter und nutzen Kreativität und aktives Innovationsstreben stärker aus. Das klare Ziel: Mehr Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Teams haben, lernen, Verantwortung zu übertragen, ein gestärktes menschliches Miteinander und insgesamt ein partizipativer Führungsstil.

In Integrationsunternehmen arbeiten Menschen mit und Menschen ohne Behinderung zusammen. Die Unternehmen sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständig und dem ersten Arbeitsmarkt zugehörig. Bei Capito Frankfurt sind Menschen mit Behinderung in Festanstellung und als Honorarkräfte tätig. Für die Beantragung von Zuschüssen für die Beschäftigung behinderter Menschen können sich Integrationsunternehmen an die Integrationsämter, die örtlichen Agenturen für Arbeit oder den Integrationsfachdienst vor Ort wenden.

Bei dem Stichwort Barrierefreiheit, denkt man in erster Linie an die Bordsteinkante, die für Menschen im Rollstuhl nahezu unüberwindbar ist. Es gibt jedoch noch viele weitere Barrieren in unserem Alltag wie zum Beispiel in der Kommunikation. Homepages und Texte sind häufig zu komplex formuliert: 21 Millionen Menschen in Deutschland kommen laut einer Studie der Universität Hamburg da nicht mehr mit.

Laut der Studie können 40 Prozent der Menschen im arbeitsfähigen Alter nicht richtig lesen und schreiben. Unter diesen sind 300.000 Analphabeten und sieben Millionen funktionale Analphabeten. Sie haben Probleme längere Texte zu verstehen. In dem Integrationsunternehmen Capito Frankfurt werden Menschen mit Behinderung zu Experten in eigener Sache und übersetzen Texte in leicht verständliche Sprache.

Mit Sprache inkludieren

Fragebögen für Veranstaltungen, Bedienungsanleitungen für technische Geräte, Texte von Behörden und Ämtern, Internetseite, Arbeitsverträge, Fahrpläne und Anweisungen zum Arbeitsschutz: Alle Menschen sind darauf angewiesen, diese Informationen zu verstehen. In unserer Informationsgesellschaft ist es daher wichtig, eine leicht verständliche Sprache zu verwenden, um Menschen mit einer Lernbehinderung eine barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen.

Capito Frankfurt hat sich mit den Übersetzungen von Texten in leicht verständliche Sprache ein neues Geschäftsfeld erschlossen. „Wenn wir Inklusion wollen, müssen wir Zugänge schaffen – es sind Wählerinnen und Wähler, Nutzerinnen und Nutzer, Mieter, Kunden, an denen die Informationen sonst vorbei gehen“, so Claudia Fischer, Leiterin Beratung und Kommunikation.

Bekommt das Unternehmen Capito Frankfurt einen Auftrag, so wird der Text überarbeitet und geht dann als Prüfauftrag weiter. Es wird eine Prüfgruppe aus Menschen zusammengestellt, die der Adressatengruppe entspricht. Dabei wird sowohl auf Alter, thematische Ausrichtung, den Grad der Behinderung und das generelle Sprachverständnis geachtet.

Je nach Zielgruppe geht der Auftrag dann zum Beispiel an Menschen mit Behinderung, Seniorengruppen oder Menschen, die noch nicht lange Deutsch sprechen. Niemand könne besser beurteilen, ob ein Text verständlich sei als die Nutzer selbst, meint Claudia Fischer. Die Menschen mit Behinderung optimieren den Text. Ihr Urteil wird ernst genommen und umgesetzt.

Eine Arbeit, die den eigenen Fähigkeiten entspricht, vielfältig ist und der Weiterentwicklung der Kompetenzen dient, ist wichtig für jeden Menschen. Eine Arbeit fördert nicht zuletzt die Motivation, die Persönlichkeitsentwicklung und die Gesundheit. Bei monotonen Tätigkeiten oder Arbeitslosigkeit werden viele Menschen psychisch oder körperlich krank. Integrationsunternehmen bieten Menschen mit Behinderung die Chance, einer Tätigkeit nachzugehen, die ihren Interessen und Fertigkeiten berücksichtigt.

Sensibilisiert für verständliche Sprache

Neben dem Übersetzungs-Service bietet Capito Frankfurt Workshops für Unternehmen zum Thema Barrierefreiheit an. Hier erfahren die Unternehmen aus erster Hand, was beachtet werden muss. Durch praktische Übungen werden die Mitarbeiter dafür sensibilisiert, was leicht verständliche Sprache ist.

Für die Unternehmen ein enormer Vorteil: Wenn Texte nicht verständlich sind, muss das Unternehmen einen immensen Aufwand darin beitreiben, einen Kundendienst für Nachfragen bereit zu stellen. Beispielsweise für Versicherungsanbieter oder Banken sei dies ein hoher Kostenfaktor.