So ging es auch Dieter Büchl mit seiner Flaschenpost. Das Start-up bietet innerhalb der Stadt Münster einen Getränkelieferdienst an.

Der Clou: Die Bestellungen werden innerhalb von maximal 90 Minuten direkt vor die eigene Haustür gebracht. „Ich habe mich selbst bestimmt zehn Jahre geärgert, dass es so einen Service nicht gibt“, sagt Büchl, „jeder muss trinken, aber keiner mag die Getränke schleppen.“

Getränkelieferdienst Flaschenpost: “Es war ein richtiger Hype”

Um seine Geschäftsidee in der Praxis zu auszuprobieren, startete Büchl im Sommer 2015 einen dreimonatigen Testlauf: „Ich wollte wissen: Gibt es dafür einen Markt? Wie groß ist die Nachfrage? Wie viele Lieferwagen brauche ich? Und wie kann man die Touren effizient planen?“

Mit einem kleinen Getränkelager, sechs Autos und handgeschriebenen Rechnungen ging es los. Und die Münsteraner waren von Büchls Idee begeistert. „Ich möchte keine genauen Zahlen nennen, aber die tatsächliche Nachfrage hat meine Erwartungen um ein Vielfaches überstiegen. Wir reden hier nicht von 10 oder 20 Prozent, es war ein richtiger Hype“, so der Gründer.

Nur mit großem Personalaufwand und einigen schlaflosen Nächten gelang es Büchl und seinem Team, die drei Monate mit der angestrebten Qualität und Kundenzufriedenheit über die Runden zu bringen.

Dann verordnete sich der Gründer eine Zwangspause: „Es war klar: Dieses Setup war nicht für eine Skalierung geeignet und es muss wie ein Uhrwerk funktionieren, um dem enormen Druck der großen Nachfrage gerecht zu werden.“

Ein größeres Lager musste gefunden, die Logistik automatisiert und die Tourenplanung optimiert werden. Außerdem verabschiedete sich Büchl von den Lieferscheinen aus Papier, schaffte Handgeräte für die Auslieferung an und stellte die Buchhaltung um. „Wir haben alle Systeme selbst entwickelt. Deshalb hat unsere Pause letztendlich auch ein Jahr gedauert.“

Entscheidung für den Lieferstopp

Die Kunden waren zunächst gar nicht einverstanden mit dem Lieferstopp: „Es haben immer wieder Leute angerufen, die wissen wollten, wann es weitergeht. Wir haben allen versprochen, dass wir wiederkommen“, erinnert sich Büchl.

Seit Mai 2016 liefert die Flaschenpost wieder und die Nachfrage ist genau so hoch wie vor der Pause. Trotzdem war der Rückzug ein mutiger Schritt, findet Experte Finn Age Hänsel. „Die Gefahr ist immer da, dass in der Zeit ein aggressives Team – unterstützt von einem Investor – die Idee aufgreift und mit viel Geld und Manpower in den Markt drängt, während das Original in der Ruhephase ist.“

Bei Flaschenpost ist das zum Glück nicht abzusehen. Trotzdem rät Hänsel Gründern eher, sich von Anfang an Skalierungsszenarien zu überlegen: „Wie groß ist mein Businessmodell und kann ich es aufrecht erhalten, auch wenn es übermäßig wächst?“ Auch wenn es Geld kostet, könne es beispielsweise sinnvoll sein, Mitarbeiter auf Abruf breit zu halten oder in eine höhere Serverleistung zu investieren.

Aber was tun, wenn die Situation trotz aller Vorkehrungen außer Kontrolle gerät? Dafür gibt es in Deutschland mittlerweile ein großes Netzwerk an erfahrenen Gründern Business Angels und Investoren, die man um Rat fragen kann, so Hänsel.

Auch der Bundesverband Deutsche Start-ups könne solche Kontakte herstellen. „Wenn man zu schnell wächst und es businesskritisch wird ist es ist besser, das einzusehen und sich durch Angels oder durch sein Netzwerk helfen zu lassen.“ Wenn der Investor eingreifen muss und einen Supervisor für überforderte Gründer einstellt, dann ist es meistens schon zu spät.