Wohlstand haben wir längst erreicht. Nun geht es nicht mehr allein darum, viel zu verkaufen – sondern hochwertiges. Ein Plädoyer von Günter Faltin.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer:  Einmal im Monat analysiert Günter Faltin, emerierter Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin und Autor von Büchern wie „Wir sind das Kapital“, die Start-up-Szene. In seinem heutigen Beitrag erklärt er, wie wir binnen weniger Generationen den Überfluss erreicht haben und wie es nun weitergehen muss.

Von Günter Faltin

In meiner Kindheit wurde das Märchen vom Schlaraffenland wirklich als Märchen angesehen. Wir Kinder und auch die Erwachsenen konnten uns nicht im Traum vorstellen, dass noch in unserer Generation dieses Märchen Wirklichkeit würde und man so viel Kuchen und überhaupt so viel essen kann, wie man will.

Ja, mehr als das: Wir sind durch das Stadium eines erfüllten Menschheitstraums hindurchgegangen, ohne es richtig zu merken. Die Glocken haben nicht geläutet, keine Feier wurde veranstaltet, und wir sind heute jenseits des Märchens. Aus dem Traum, so viel Kuchen essen zu können, wie man will, ist fast schon ein Albtraum geworden.

Sieg über den Mangel

Die Ökonomie hat ihre Schuldigkeit getan. Sie hat uns von materieller Not befreit. Jedenfalls in den reichen Ländern. Jetzt, wo wir diese Stufe erreicht haben, sollten wir einen Moment innehalten. Das Ziel ist erreicht. Wie soll es weitergehen?

Heute stehen wir vor der Situation, unser Wirtschaftssystem für eine neue Aufgabe vorzubereiten. Der Sieg über den Mangel ist im Großen und Ganzen gelungen. Eine Epoche geht zu Ende.

„Kulturen blühen auf, wenn auf Fragen von heute Antworten von morgen gegeben werden. Kulturen zerfallen, wenn für Probleme von heute Antworten von gestern gegeben werden“, sagte Arnold Toynbee, britischer Historiker und Kulturtheoretiker. In Zukunft wird es darum gehen, sich anderen Herausforderungen zu stellen, statt wie automatisch die Schlachten der Vergangenheit weiterzuführen.

Anders gesagt: Wir haben die Chance, ja die Pflicht, einen Entwicklungssprung zu machen. Wenn wir nach mehr Glück streben, müssen wir es nicht auf dem Weg eines Mehr an materieller Güterversorgung suchen. Es geht also nicht nur um den ökologischen Umbau unserer Industriegesellschaft und ein sozial verträglicheres Wirtschaften. Es geht auch keineswegs um Verzicht.

Wir bewegen uns vielmehr in einer uralten Hoffnung der Menschen in ihrem Streben nach Glück. The Pursuit of happiness – wie es die Gründungsväter der Vereinigten Staaten in ihre Verfassung schrieben.

Dieser Gedanke ist nicht neu, auch wenn es so klingen mag. Es geht um den Übergang von einer quantitativen Sicht- und Denkweise zu einer qualitativen Betrachtung. Im Grunde stimmen die Weisheitslehren und Religionen aller Kulturen darin überein, dass das Akkumulieren materieller Güter kein Weg zum Glück sei.

Eine Renaissance des Teilens

Längst gibt es, ganz offiziell, Versuche, den „Wohlstand“ einer Nation nicht nur an dem Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen zu messen, sondern um andere Faktoren zumindest zu ergänzen. Wir erleben bereits heute eine zunehmend kritische Haltung gegenüber dem Besitz möglichst vieler Konsumgüter – wir erleben eine Renaissance des Teilens, und dies, ohne unser Wirtschaftssystem grundlegend verändern zu müssen.

Mischen wir uns ein, konkret, überzeugend und sinnlich erfahrbar. Zeigen wir, dass wir Ökonomie zukunftsfähiger gestalten können.

Wir sind das Kapital. Wir sind es, die neue Akzente setzen, die Alternativen ins Spiel bringen können.

Wir haben die Chance, eine bessere Welt zu gestalten. Liebevoller, witziger, feinfühliger und künstlerischer, als es je zuvor möglich gewesen war. Aber wir müssen selbst in den Ring steigen, müssen selbst aktiv werden. Als Entrepreneure, als genügsame, aber als zukunftsfähig Handelnde. Bescheidener, was den Verbrauch an Ressourcen angeht, anspruchsvoller, wenn es um geglücktes Leben geht.