Die Stadt am Niederrhein lockt Start-ups derzeit mit einem Rundumsorglos-Paket. Im Interview erklären die Initiatoren, was sie sich davon versprechen.

Ein Jahr mietfrei in der Innenstadt wohnen, kostenlose Arbeitsräume, Freiminuten fürs elektrische Carsharing – und eine Mitgliedschaft im Sportverein: Mit diesem Paket will Mönchengladbach Gründer anlocken. Denn trotz ihrer 260.000 Einwohner wird die Großstadt bei jungen Unternehmern oft nicht wahrgenommen. Bewerbungen für das Start-up-Paket sind noch bis zum 30. September möglich.

Was steckt hinter Aktion? Und wollen die Initiatoren sogar Gründer aus Berlin überzeugen? Darüber sprechen im Interview Ulrich Schückhaus (r.), Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach und Mark Nierwetberg (2.v.r.), Vorsitzender der lokalen Start-up-Initiative nextMG und im Hauptberuf Innovationsmanager bei der Deutschen Telekom.

Ein Rundumsorglos-Paket für Gründer: Ist das mittlerweile die einzige Chance für Städte abseits von Berlin oder München, Start-ups anzulocken?
Schückhaus: Mit der Aktion wollen wir auf uns aufmerksam machen, klar. Aber das kommt nicht aus heiterem Himmel. Mit nextMG ist hier ein sehr aktiver Verein entstanden, der unglaublich viel tut, um die Gründerszene in Mönchengladbach zu fördern. Es gibt zahlreiche Events, Coachings und Kongresse. Dabei ziehen die Stadt, engagierte Einzelpersonen und private Unternehmen an einem Strang. Alle haben erkannt, wie wichtig Start-ups für die Zukunftssicherung eines Standorts sind. Durch neue Technologien werden manche bestehenden Arbeitsplätze wegfallen – im Idealfall entstehen dafür neue Jobs in innovativen Feldern.

Aber ist ein mietfreies Wohnen in der Innenstadt Ihrer Einschätzung nach tatsächlich ein Argument für Gründer?
Nierwetberg: Wir richten uns an Start-ups in der Gründungsphase, die planen, mit ihrem Produkt oder Service innerhalb von zwölf Monaten im Markt zu starten. Diesen Menschen wollen wir ein sorgenfreies Nachdenken und Ausprobieren ermöglichen. Zu einem Start-up-Ökosystem gehört durchaus auch die Lebensqualität in der Stadt – das kann am Ende den Ausschlag bei der Standortwahl geben.

Sie schreiben die Aktion bundesweit aus. Hoffen Sie, sogar Gründer aus Metropolen wie Berlin zu einem Umzug zu bewegen?
Nierwetberg: Das ist nicht so abwegig, wie es scheint. Die Gründer von Megamarsch, die 100-Kilometer-Wanderungen als Event organisieren, waren lange in Berlin – sind dann aber zurückgekommen. Übrigens ist Megamarsch auch der erste große Exit hier: Das Start-up wurde kürzlich für einen nicht unerheblichen Betrag vom Sportmarketing-Konzern Infront übernommen.

Schückhaus: Es geht nicht darum, dass alle ihren Rucksack packen und nach Mönchengladbach kommen. Wir sind sicherlich nicht das neue Berlin – das würde uns niemand abnehmen. Im Vordergrund steht es, Gründungswilligen hier aus der Region eine Perspektive zu bieten und ihnen zu zeigen, dass sie nicht wegziehen müssen, um ihre Geschäftsidee zu realisieren. Wir müssen zum Beispiel Studierenden nach ihrem Abschluss attraktive Angebote über eine Festanstellung hinaus machen.

„Investoren ist völlig egal, ob die Gründer sie mit dem Fahrrad besuchen können“

 

Was kann Mönchengladbach denn besser als Nachbarstädte wie Köln oder Düsseldorf – oder eben Berlin? Zählt am Ende nicht auch eine Nähe zu Investoren?
Nierwetberg: Das Argument ist Humbug. Investoren ist in der Regel völlig egal, ob die Gründer sie mit dem Fahrrad besuchen können oder sich in einem VW-Bus setzen und ein paar Kilometer fahren. Wir haben hier zwar keine riesige Gründerszene, aber dafür eine, die sehr gut vernetzt ist. Und es gibt zahlreiche Mittelständler, die als Kunden, Investoren oder Kooperationspartner in Frage kommen. Das ist auf Dauer interessanter als eine hippe Szene, die sich um sich selbst dreht. Start-ups erhalten hier Hilfe in ganz praktischen Angelegenheiten – egal ob es um die Wahl der Unternehmensform oder das Anmieten einer Lagerhalle geht. Viele Dinge lassen sich schneller umsetzen als in einer anonymen Metropole.

Wie groß ist denn die Szene?
Nierwetberg: Es sind um die 20 Start-ups, aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Da ist beispielsweise Altmann 1902: Der Gründer hat ein altes Familienunternehmen wiederbelebt und stellt nun Sportbandagen her. Das knüpft schön an die Geschichte Mönchengladbachs als Standort für die Textilbranche an. Dann haben wir mehrere Food-Start-ups – nicht zuletzt deswegen, weil die Hochschule Niederrhein hier stark in Ernährungswissenschaften ist. Mit Masasana ist aber auch ein Tech-Start-up dabei, das andere Unternehmen beim Machine Learning unterstützt. Auch E-Health und E-Commerce sehen wir als Themenfelder, bei denen es viele Anknüpfungspunkte zur regionalen Wirtschaft gibt

„Wir werden nicht mit Kamelle beworfen“

 

Zeigen sich  die etablierten Unternehmen aufgeschlossen gegenüber Start-ups?
Schückhaus: Zugegeben – anfangs war es ein bisschen zäh. Inzwischen haben aber alle verstanden, dass sie von Start-ups profitieren können. Mit Scheidt & Bachmann haben wir sogar einen Mittelständler hier, der vor zwei Jahren ein Start-up übernommen hat: Evopark aus Köln.

Nierwetberg: Es ist nicht so, dass wir für jeden Vernetzungsversuch mit Kamelle beworfen werden. Aber es findet ein Umdenken statt. An unseren Meetups haben sogar schon Handwerker teilgenommen, die nach neuen Innovationsmethoden für ihren Betrieb gesucht haben. Die Digitalisierung stellt sämtliche Branchen vor Herausforderungen – und die Zusammenarbeit mit Start-ups wird zunehmend als hilfreich wahrgenommen.

Erwarten Sie, dass Städte aus der zweiten Reihe angesichts der Übermacht von Berlin dauerhaft auch mit wirtschaftlichen Vorteilen um Gründer werben müssen?
Schückhaus: In einen solchen Wettbewerb werden wir jedenfalls nicht eintreten. Es wird keine dauerhaften Subventionen geben. Es soll auch niemand aus Mitleid in Mönchengladbach bleiben, das brauchen wir nicht. Der Standort ist attraktiv – und hier kann etwas entstehen. Da geht es mir weniger um die Quantität an Start-ups als um deren Qualität.

Ab wieviel Bewerbungen verbuchen Sie das Starter-Paket als Erfolg?
Schückhaus: Der Erfolg lässt sich nicht allein an Bewerberzahlen messen. Wenn es am Ende nur eine Bewerbung ist, die aber super ist, bin ich auch zufrieden. Und wenn mehr interessante Gründer sich bewerben, machen wir vielleicht auch dem Zweit- und Drittplatzierten ein Angebot. Wir gehen da agil wie ein Start-up vor – ohne lange Konzeptpapiere und ewige Diskussionen. Und wenn unser Wettbewerb nicht zieht, lassen wir uns etwas anderes einfallen.