Mit einer frisch abgeschlossenen Finanzierung nimmt das Lebensmittel-Lieferdienst neue Märkte auf. In München bringt jetzt ein ehemaliger Amazon-Fresh-Manager regionale Produzenten mit Verbrauchern zusammen. 

Der Warenkorb darf gefüllt werden: Der Wirsing kommt von einem Hof, der seit 500 Jahren betrieben wird. Der Hinterschinken reist nur 22 Kilometer vom Bauern bis in die Innenstadt. Und die gefüllten Maultaschen kommen von einem regionalen Produzenten, der sich ganz der Bio-Produktion von Lebensmitteln verschrieben hat. Münchener können ab sofort beim Start-up Frischepost vorbestellen, kommende Woche sollen die Auslieferungen dann beginnen.

Damit erschließt das Start-up, das 2015 in Hamburg gegründet wurde, nun neben Berlin und dem Rhein-Main-Gebiet rund um Mainz die vierte Region. Die Idee: Vor Ort bringt Frischepost Landwirte sowie regionale Produzenten mit Verbrauchern zusammen. An jedem Standort entsteht ein Umschlaglager, um die Warenkörbe zusammenzustellen. Ausgeliefert wird dann an mehreren Tagen in der Woche mit Elektro-Lieferwagen. Kunden können einzeln bestellen – oder sich Lebensmittel-Pakete zusammenstellen, die regelmäßig gebracht werden. Solche Abos, mit denen auch Firmen wie Hellofresh unterwegs sind, versprechen stetige Umsätze ohne die hohen Kosten, die für die Gewinnung von Neukunden anfallen.

Kleine Produzenten, große Pläne

„Mit unserer selbst entwickelten IT-Plattform werden klassische Handelsstufen übersprungen”, sagt Juliane Willing, die Frischepost gemeinsam mit Eva Neugebauer gegründet hat. „Die Produzenten bestimmen den Preis für ihre Lebensmittel selbst mit und können so nachhaltig wirtschaften.” Als einziger Zwischenhändler bleibt in diesem Konstrukt Frischepost übrig – das Start-up verdient wie ein Supermarkt mit angeschlossenem Lieferdienst über eine Marge mit.

So will das junge Unternehmen eine Direktvermarktung von Produkten im größeren Stil auf die Beine stellen. In der Direktvermarktung an Verbraucher ist die Konkurrenz aktuell noch kleinteilig oder lokal. Viele landwirtschaftliche Betriebe betreiben eigene Hofläden oder versenden ihre Lebensmittel. Dazu kommen regionale Initiativen wie etwa Ida im Rheinland oder Stadtfarm und Obergudt, die aktuell für Berliner solche Kisten produzieren und packen. Das Interesse an regional produzierten Lebensmitteln wächst seit Jahren bei vielen Verbrauchern. Eine bundesweit bekannte Marke mit einem einfachen Bestellprozess könnte dem Thema mehr Schwung verschaffen.

Dabei will Frischepost seine Kisten nicht nur an Verbraucher versenden, sondern auch Unternehmen und deren Kantinen-Kühlschränke bedienen. In diesem Bereich sind auch Start-ups wie Smunch oder Juit Now unterwegs – die Homeoffice-Welle bremste das Wachstum hier jedoch häufig aus. Bei der Belieferung der Verbraucher meldete das Start-up für die Zeit der ersten Kontaktbeschränkungen aber ein gesteigertes Interesse.

Wachstum mit dem Lizenz-Modell

Ungewöhnlich für ein Start-up: Die Gründerinnen und ihr Team vergeben für jeden Standort Lizenzen, ähnlich einem Franchise-Modell. Die GmbH des Start-ups kümmert sich im Hintergrund unter anderem um die Markenpflege, die IT-Plattform und die Nachhaltigkeitskriterien. Mit einem kleinen Teil haben sich die Gründerinnen jedoch auch an den regionalen Gesellschaften beteiligt. Insgesamt arbeiten aktuell 135 Mitarbeiter für Frischepost, knapp 90 davon in Hamburg.

Bis zu fünf weitere Städte sollen noch in diesem Jahr folgen. Köln und Frankfurt stehen bereits fest. „Wir suchen dafür aktuell noch nach geeigneten Co-Foundern und Investoren, mit Fokus auf Stuttgart, das Ruhrgebiet und Hannover“, sagt Willing gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. „Aber auch aus anderen Metropolregionen nehmen wir Interessierte und Bewerber auf.“

In München packen die Aufgabe jetzt Lisa Simon und Jürgen Drummer an. Er hat zuvor unter anderem für Amazon Fresh gearbeitet, die Lebensmittelliefersparte des Online-Giganten. Nun wolle man auch rund in der bayerischen Landeshaupstadt und dem Umland kleinen Höfen und Manufakturen eine Stimme geben, lässt sich Drummer in einer aktuellen Pressemitteilung zitieren: „Wir übernehmen dabei die komplette digitale Arbeit vom Marketing bis zu den Lieferketten.“

Geld von der Crowd und von Investoren

Für die Wachstumsschritte hat sich Frischepost auf verschiedene Weisen Kapital gesichert. Im vergangenen Frühjahr sammelte das Start-up 450.000 Euro auf der Crowdfundingplattform Wiwin ein. Dessen Gründer Matthias Willenbacher war zuvor bereits bei Frischepost eingestiegen, um die Rhein-Main-Region mitaufzubauen.

Im November 2020 schloss das Start-up dann noch eine Finanzierungsrunde mit institutionellen Investoren ab. Der Großteil der siebenstelligen Summe kam dabei von Bonventure. Der Münchener Risikokapitalgeber fokussiert sich auf Geschäftsmodelle, die einen gesellschaftlichen, sozialen oder ökologischen Mehrwert schaffen – und gehört damit zur wachsenden Kategorie der sogenannten Impact-Investoren. Man wolle Frischepost „nicht nur finanziell, sondern auch mit unserem Knowhow die Weiterentwicklung des Konzeptes aktiv unterstützen“, ließ sich Bonventure-Partner Jochen Herdrich zum Einstieg zitieren.