Gründende motivieren sich im Team gegenseitig. Allerdings nicht automatisch, haben unsere Kolumnisten aus der Wissenschaft herausgefunden.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. In unserer Serie „Forschungsfragen“ schreiben die Professoren der Technischen Universität München (TUM), Nicola Breugst und Holger Patzelt. Sie gehen mit ihrer Forschung dem Gründungsgeist auf die Spur: Was prägt das Denken und Verhalten von Gründenden – wann schreiben sie Erfolgsgeschichten und wie verarbeiten sie Fehlschläge? Das Start-up-Forschungsteam erklärt regelmäßig zentrale Erkenntnisse aus seiner Arbeit am TUM Entrepreneurship Research Institute. In dieser Folge: Warum sich Motivation nicht immer auf andere überträgt.

Der Mythos: Gründende treiben sich gegenseitig an

Sowohl Gründende selbst als auch Coaches und Geldgeber betonen, dass Gründungen im Team zahlreiche Vorteile haben. Teams vereinen in sich verschiedene Fähigkeiten, die für den Erfolg eines Start-ups wichtig sind. Zusätzlich betonen viele Gründende, dass ihr Team einen großen Beitrag zu ihrer Motivation leistet. So bezeichnete der Instagram-Gründer Kevin Systrom seinen Mitgründer Mike Krieger als seinen wichtigsten Verbündeten, der ihm hilft, die stressige Gründungsphase durchzuhalten.

Im Gegensatz hierzu zeichnet die sozialpsychologische Forschung ein weniger positives Bild von der Arbeit im Team. Studien weisen zum Beispiel darauf hin, dass Einzelpersonen im Team oft weniger leisten, da sie sich auf ihre Teammitglieder verlassen. Sie sind vor allem dann weniger motiviert, wenn Erfolg nur mit einer Belohnung für das gesamte Team verbunden ist und individuelle Beiträge zum Erfolg nicht klar zu erkennen sind. Genau diese Bedingungen gelten für Mitglieder von Gründungsteams: Die erfolgreich aufgebaute Firma kommt dem ganzen Team zugute – und die Einzelbeiträge gehen im großen Ganzen schnell unter.

Damit stellt sich die Frage, ob sich Gründungsteams mit ihrer Motivation anstecken können. Oder ob sich die einzelnen Teammitglieder eher zurücknehmen, wenn sich ihr Team bereits stark ins Zeug legt.

Die Frage: Steckt Motivation im Team an?

Um dieser Fragestellung nachzugehen, entwarfen wir eine großangelegte Studie, in der wir 103 Gründende aus 51 Teams über ein halbes Jahr begleiteten. Zum Ende jeder Woche befragten wir alle Teammitglieder, wie sehr sie sich in dieser Woche angestrengt hatten. So konnten wir beobachten, wie hoch der Arbeitseinsatz eines Mitglieds in einer bestimmten Woche ausfiel in Abhängigkeit vom Arbeitseinsatz, den die anderen Mitglieder in der Woche davor gezeigt hatten. Wir wollten so feststellen, ob Motivation und Arbeitseinsatz tatsächlich im Team ansteckend sein können.

Zu unserer Überraschung fanden wir keinen Zusammenhang zwischen dem Arbeitseinsatz des restlichen Teams und dem folgenden Einsatz eines bestimmten Mitglieds. Allerdings gingen wir noch einen Schritt weiter und berücksichtigten einen weiteren Effekt, der aus der sozialpsychologischen Forschung bekannt ist: Wird ein Team mit einer Bedrohung konfrontiert, führt dies zu einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl.

Unsere Vermutung war, dass Bedrohungen der Firma ein Zusammengehörigkeitsgefühl im Team auslösen können. Dadurch würde stärker auf den Arbeitseinsatz der anderen Mitglieder geachtet – und Gründende fühlten sich eher verpflichtet, den Arbeitseinsatz der anderen zu erwidern.

Konkret berücksichtigten wir zwei Bedrohungen, die im Gründungsprozess als existenziell wahrgenommen werden: zum einen die schlechte Leistung des eigenen Start-ups, die sowohl das eigene Einkommen verringert als auch langfristig zum Scheitern des Start-ups führen könnte. Und zum anderen feindselige Branchenbedingungen: etwa ein starker Wettbewerb und ein Mangel an Ressourcen in der Branche des Start-ups.

Das Ergebnis: Bedrohungen spielen eine Rolle

Wenn wir solche Bedrohungen in unsere Analysen einbezogen, sahen wir tatsächlich eine Ansteckung mit Motivation und eine Erwiderung des Arbeitseinsatzes im Team. Allerdings: Nur für diejenigen Gründenden, die sich durch eine geringe Leistung ihres Start-ups oder feindselige Branchenbedingungen auch wirklich bedroht sahen. Sie strengten sich mehr für ihr Start-up an, wenn ihre Teammitglieder in der Woche zuvor einen höheren Einsatz gezeigt hatten.

Im Gegensatz dazu hatte der Arbeitseinsatz der Teammitglieder keinen Einfluss, wenn die Gründenden keine Bedrohung für ihr Start-up sahen. Interessanterweise fanden wir außerdem einen gegenläufigen Effekt: Bei einer äußerst positiven Bewertung der Unternehmensleistung zeigten Gründende sogar weniger Arbeitseinsatz, je mehr sich ihre Teammitglieder angestrengt hatten. In diesem Fall scheinen sie sich tatsächlich auf die Arbeit ihrer Mitgründenden zu verlassen.

Die Erkenntnis: Manchmal muss man nachhelfen

Unsere Studie zeigt, dass in einem Gründungsteam ein hoher Arbeitseinsatz nicht automatisch erwidert wird; unmittelbar scheint Motivation also nicht anzustecken. Aber: Besonders in bedrohlichen Situationen kann der Einsatz der Teammitglieder zu mehr eigenem Einsatz motivieren.

Somit hilft hier der eigene Einsatz gleich doppelt: Zum einen, um die Bedrohung des Start-ups anzugehen. Zum anderen mit einem positiven Einfluss auf die Teammitglieder, die sich als Reaktion ebenfalls besonders anstrengen. Um jedoch auch ohne Bedrohung einen positiven „Ansteckungseffekt“ zu erreichen, könnte das Zusammengehörigkeitsgefühl etwa durch gemeinsame Erlebnisse oder Rituale gestärkt werden.

Folge 1: Keine Angst vor inkompatiblen Visionen

Folge 2: Vorsicht mit der Leidenschaft