Unter Beobachtung der Banken werkeln 90 Entwickler an neuen Fintech-Anwendungen – und wollen damit nicht nur das Online-Banking verändern.

Während auf der Bühne ein Entwickler seine Vision vom Kontowechsel vorstellt, beugt sich Florian Christ zu seinem Sitznachbarn und sagt: „Wenn zwei andere die gleiche Idee wie wir haben, kann sie ja nicht so schlecht sein.“ Und lacht. Auf der Bühne erklärt der Entwickler gerade, wie er es mit wenigen Klicks möglich machen will, dass jeder seine Bank einfach wechseln kann: „Straightforward idea which is easy to sell“, heißt es auf einer seiner Folien. Ziemlich genau dieselbe Idee ist auch Christ gekommen. Auch er will mit seinem Programm Fino den Kontowechsel vereinfachen. Auch er sucht noch Mitstreiter für seine Idee. Und auch er will einen Entwickler beim Bankathon in Frankfurt finden.

Christ ist nur einer von 90 Entwicklern, der nach Frankfurt gereist ist, um bei dem Hackathon in zweieinhalb Tage neue Fintech-Anwendungen zu entwickeln. Die Start-ups Gini und Figo haben zu dem Bankathon aufgerufen. Das Interesse ist groß: Innerhalb von wenigen Tagen seien die Plätze für Developer voll gewesen, erzählt Steffen Reitz, Geschäftsführer von Gini. Der Anreiz: ein Hauptpreis von 3000 Euro für die beste Idee, weitere Preise sind etwa ein Satz Apple Watches für das ganze Team.

„Geld zu verschicken, dauert immer noch zwei Tage“

Auf der Veranstaltung stellen die Entwickler zunächst binnen 60 Sekunden ihre Idee vor, um Mitstreiter für die nächsten zweieinhalb Tage – im besten Fall auch länger – zu gewinnen. Am Ende der Veranstaltung bewertet eine Jury die Demos und wählt den Sieger aus. Die Ideen reichen in Frankfurt von einem digitalen Sparschwein bis hin zu einer automatisierten Buchhaltungssoftware. Der vollgestopfte Raum zeigt, dass die Veranstalter mit dem Thema einen Nerv getroffen haben.

Steffen Reitz erklärt auf der Bühne, warum er Fintech für wichtig hält: „Es dauert zwei Sekunden mit einem Chat-Programm eine Nachricht an das andere Ende der Welt zu schicken“, ruft er ins Publikum. „Geld zu verschicken, dauert immer noch zwei Tage.“ Selbst das gelegentliche Ploppen einer Flasche Flensburger-Pils kann seinen Enthusiasmus nicht stoppen.

Mit Männern in Hoodies – ein bisschen Klischee muss sein – wollen die beiden Veranstalter-Start-ups die klassische und stationäre Bankenwelt angreifen. Dabei greifen sie allerdings auf die Hilfe der Geldhäuser zurück, denn die haben das Event mitgesponsert. Neun Banken, darunter die Deutsche Bank und HypoVereinsbank, sind unter den Geldgebern. Und hoffen auf diese Weise, das Spiel um die Zukunft des Banking nicht zu verlieren. Ein Teilnehmer twittert später die entscheidende Frage: „Würdest du lieber in ein Start-up investieren, das die bessere Bank sein will?“ Oder in das Start-up, das mit den Banken kooperiere?

Und so sammeln sich am Montagmorgen die Teams aus je vier Entwicklern an 20 Tischen im Social Impact Lab in Frankfurt, einem Coworking-Space. An hellen Funktionstischen sitzen die Vierer-Teams wie bei einer Gruppenarbeit in der Schule. Nur die vielen Mac-Computer erinnern daran – es geht um etwas anderes.

Christian König, Patrick Brückner und Florian Christ arbeiten an der Demo für ihr Start-up Fino.  (Quelle: Caspar Schlenk)

Christian König, Patrick Brückner und Florian Christ (von links nach rechts) arbeiten an der Demo für ihr Start-up Fino.
(Foto: Caspar Schlenk)

Doch bevor es mit dem Hacken losgehen kann, bricht das Internet zusammen. Das Team von Florian Christ, das an der Kontowechsel-Technik arbeitet, wird unruhig. „Wo ist das Internet, irgendwo muss es ja sein“, scherzt Alexander Vey aus dem Fino-Team. Die Entwickler versuchen, über einen Hotspot ins Netz zu gehen. Die Zeit rennt. Durch die Wärme der Computer beginnt die Schokolade auf dem Tisch zu schmelzen.

Die Idee des einfachen Kontowechsels verfolgt Florian Christ schon seit ein paar Monaten. Dafür will er eine Technik entwickeln, die Lastschriften wie Stromrechnung, Kfz-Versicherungen und Handyverträge auf dem Konto erkennt. Automatisch erfahren die Versicherung und der Telefonanbieter dann die neuen Kontodaten. „Das Konto lässt sich so in acht Minuten wechseln“, erklärt Christ. Während des Hackathons wollen er und sein Team eine weitere Funktion fertigbauen: Kennt die Datenbank die Adresse der Lastschrift nicht, beispielsweise ein kleiner Sportverein, kann der Nutzer einfach eine Rechnung abfotografieren. Die Adresse des Vereins erkennt das System automatisch.

Diese Technik kommt vom Start-up Gini, dem Veranstalter. Daten aus Rechnung wie Adresse oder Geldbeträge lassen sich damit auslesen. Die Entwickler dürfen die Technik bei ihren Hacks verwenden. Auch die Figo-Technik steht ihnen zur Verfügung, mit der Schnittstelle können Kontodaten verarbeitet werden. Dass die Start-ups ihre Technik einbauen, darum gehe es aber nicht hauptsächlich, betont Reitz von Gini. Vielmehr wollen die beiden Vorzeige-Unternehmen der Fintech-Szene „unter einer Haube Banken und Start-ups“ zusammenbringen.

Durch Kooperationen mit Banken ist auch das Start-up Gini groß geworden. Zuerst versuchte es Gini mit einer Consumer-App. Doch die App für das Auslesen von Adressen oder Geldbeträgen kam nicht bei den genügend Kunden an. Für die Technik interessierten sich aber andere: die Banken. Heute befindet sich die Technik nicht nur in dem System der ING Diba, sondern bald auch in der App der Deutschen Bank.

Vom Commerzbank-Manager zum Gründer

Durch den Bankathon sollen die Start-ups auch einen Kontakt zu den Geldhäusern bekommen. „Wir wollen, dass andere unseren Fehler nicht nochmal machen“, erklärt Reitz. Die Start-ups sollen sich früh überlegen, ob es auch für sie sinnvoll sein kann, mit Banken zu kooperieren. Wenn die Technik die digitale Interaktion mit den Kunden verbessere, „kooperieren wir gern“, sagt Michael Koch, verantwortlich für das mobile Banking bei der Deutschen Bank. Das Interesse kommt nicht überraschend: Das stationäre Geschäft lahmt, das Geldhaus hat gerade erst angekündigt, 200 Filialen zu schließen. Nun will es stärker auf digitale Technik setzen.

Auch Florian Christ hofft, mit seiner Idee Fino den Markt zu revolutionieren. Die Voraussetzungen dafür kennt er: Bis vor kurzem leitete er noch das Innovations Lab der Commerzbank – nun geht es als Gründer weiter. Genau wie Gini sieht auch er eine Chance darin, mit den Geldhäusern zu kooperieren. Fino steht bereits in Verhandlungen mit einigen Banken. Für den Sieg reichte es am Dienstag aber nicht. Ein Start-up mit einer sprachgesteuerten Dokumentensortierung um den Unternehmer Christopher Becker gewann den Hauptpreis von 3000 Euro.