In Hessen soll es ein Studium für Fintech geben. Doch braucht man das, um ein solches Start-up zu gründen oder in der Fintech-Branche zu arbeiten?

Von Julian Heck

Wie wird man eigentlich Fintech-Gründer oder -Mitarbeiter? Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Sehr wahrscheinlich gibt es sogar gar keine Antwort darauf. Eine speziell auf Fintech ausgerichtete Ausbildung gibt es schließlich genauso wenig wie ein Fintech-Studium.

Ein Fintech-Studium soll Nachwuchssorgen beseitigen

Die Fintech-Group findet das offensichtlich schade. Fast nebensächlich wurde öffentlich, dass das Frankfurter Finanztechnologie-Unternehmen dem Land Hessen den Vorschlag unterbreitet hat, einen Fintech-Studiengang anzubieten.

Geht es nach der Fintech-Group, reicht eine klassische Bankenlehre nicht aus, um in der Fintech-Branche durchzustarten. Schließlich werden von Bewerbern zumindest grundlegende Programmierkenntnisse vorausgesetzt.

Ist das tatsächlich so? Strömen nur mangelhaft ausgebildete Menschen auf den Fintech-Markt und wollen dort mitmischen, obwohl sie davon kaum Ahnung haben? Zumindest kommt die Idee eines Fintech-Studiums bei den Gründern dieser Branche eher weniger gut an, wie uns einige von ihnen verraten haben.

Zu spezialisiert und zu langsam für die rasante Branche

Toby Triebel, Geschäftsführer und Mitgründer der Kreditplattform Spotcap, ist von einer Einführung von Fintech als Studienfach nicht überzeugt. „Gerade die Tech-Komponente entwickelt sich so schnell, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ein akademisches Curriculum tatsächlich praktischen Mehrwert bietet.“ Er schlägt stattdessen ein “dezidiertes Finanz- oder Informatik-Studium ergänzt mit Praxismodulen zur Fintech-Thematik“ vor.

Ähnlich sieht es auch Jonas Marggraf, Geschäftsführer des Geldanlage-Start-ups easyfolio. „Da Fintech die Digitalisierung der Finanzbranche beschreibt, sollte das Thema aus meiner Sicht besser grundsätzlich in die Lehrpläne integriert anstatt als isolierter, paralleler Themenstrang betrachtet werden“, sagt Marggraf.

Valentin Stalf, Gründer der Banking-App Number26, hält ebenfalls nichts von einem Studiengang Fintech, weil er viel zu spezialisiert wäre. „Insbesondere im Start-up ist es wichtig, ‘outside the Box’ zu denken“, meint Stalf. Statt eines Fintech-Studiums sollte man im Studium lieber Einblicke in verschiedene Branchen und Themen bekommen und sich in einzelnen Kursen mit Entrepreneurship und digitalen Geschäftsmodelle von Start-ups beschäftigen.

In die gleiche Lücke stößt Marco Adelt, COO und Mitgründer des Versicherungsmaklers Clark. Auch er hält interdisziplinäres Denken und universitäre Schwerpunkte für deutlich wichtiger und geeigneter als einen ganzen Studiengang zum Thema Fintech.

Fintech sei schließlich eine konstante Weiterentwicklung und keine Fachrichtung, findet auch Christian Wiens, CEO und Mitgründer des digitalen Versicherungsmanagers GetSafe. Abgesehen davon sei mit dem Studiengang Wirtschaftsinformatik schon eine sinnvolle Kombination von Wirtschaft und Informatik vorhanden.

Viel lieber wäre dem GetSafe-Chef „die Einführung von technologienahen Inhalten in der Ausbildung und im dualen Studium, da hier noch maßgeblich das Arbeiten in alten Strukturen vermittelt wird“. Noch einen Schritt weiter geht Achim Bönsch, Gründer von Barzahlen. Er würde sich wünschen, dass „Grundlagen von Anlage, Sparen, Kredite und Zahlungsverkehr“ schon im Wirtschaftsunterricht Platz finden. Von einem Fintech-Studiengang hält aber auch er nichts.

Ein Fintech-Studium kommt bei den Fintech-Chefs nicht wirklich gut an. Wichtiger als solch ein Studium sind für sie also eher thematisch übergreifendes Wissen, Entrepreneurship-Kenntnisse und einzelne Fintech-Kurse oder -Schwerpunkte innerhalb eines Studiums.

Aber es gibt sie doch, die Befürworter eines Fintech-Studiums. Auxmoney-Mitgründer Philip Kamp findet es immerhin „gut und richtig, über einen Studiengang Fintech nachzudenken“. Natürlich würde es dort auf die Inhalte und Fähigkeiten ankommen, die vermittelt werden. Wie der Barzahlen-Gründer Achim Bönsch spricht sich zudem Philip Kamp dafür aus, schon „in der Schule mit der entsprechenden Finanzausbildung zu beginnen“.

Die „ideale Grundlage“ für die Fintech-Branche

Alexander Graubner-Müller, CEO der Kreditplattform Kreditech, ist der einzige in der Runde der befragten Gründer, der ohne Wenn und Aber ein von der Fintech-Group gefordertes FinTech-Studium begrüßt. Er begründet seine Entscheidung damit, dass die Fintech-Branche “Kompetenzen aus der alten und neuen Welt“ erfordert. Er meint damit die „Kombination von Finanzwirtschaft mit IT und insbesondere Data Science“, die seiner Meinung nach die „ideale Grundlage“ bildet, um im Fintech-Sektor durchzustarten.

Ob ein Fintech-Studium nun sinnvoll ist oder nicht, das lässt sich schwer voraussagen. Zumindest haben es alle bisherigen Fintechs auch ohne eine solche universitäre Ausbildung geschafft, sich – mehr oder weniger – erfolgreich an dem noch neuen Fintech-Markt zu behaupten.