In der männerdominierten Tech-Welt haben Gründerinnen oft einen schweren Stand. Die Corona-Krise könnte das Problem noch verschärfen.

Eigentlich müssten von Frauen geführte Start-ups bei Investoren extrem hoch im Kurs stehen. Denn: Sie machen im Schnitt deutlich mehr aus dem Geld als männliche Kollegen. Doch in der Praxis haben es Gründerinnen bei Finanzierungen wesentlich schwerer, wie der heute vorgestellte Female Founders Monitor 2020 des Bundesverbands Deutsche Startups zeigt. Demnach wünscht sich jedes dritte frauengeführte Start-up einen Business Angel als Investor – aber nur sieben Prozent konnten tatsächlich einen solchen für sich gewinnen. Ähnlich sieht es bei VC-Firmen, also institutionellen Wagniskapitalgebern, aus. Männer-Teams erreichen dagegen sehr viel häufiger ihren Wunsch-Finanzierungspartner. Und: Sie sammeln deutlich öfter Summen über eine Million Euro ein.

„Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass Frauen kein Wagniskapital wollen, weil sie ihr Unternehmen kleiner denken. Das widerlegen unsere Zahlen ganz klar“, sagte Studienleiter Alexander Hirschfeld heute. Er vermutet in der männerdominierten Investoren-Welt einen starken „Gender-bias“: Stellten Frauen ihre Geschäftsidee mit großen Worten vor, werde ihnen oft Naivität unterstellt. Bei Männern werde dagegen der visionäre Weitblick gelobt. Die Herausforderungen, denen sich Gründerinnen gegenübersehen, beleuchtet der Startup-Verband zusammen mit Google seit 2018. Als Datenbasis dient der Deutsche Startup-Monitor, für den zuletzt mehr als 1.900 junge Unternehmen befragt worden waren. Erstmals ausgewertet wurde nun die Finanzierungslücke.

Corona-Krise belastet Gründerinnen

Das Gesamtbild hat sich gegenüber der Vorjahresstudie nur wenig verändert. Der Anteil von Gründerinnen ist nur minimal gestiegen und liegt noch immer bei nur 15 bis 16 Prozent. Mehr als zwei Drittel aller Start-ups wurden von reinen Männer-Teams gegründet. „Das Ergebnis ist ernüchternd“, urteilte die ehemalige Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, Schirmherrin des Female Founders Monitors. Sie forderte: Männer müssten Frauen stärker unterstützten – das gelte für Investoren genauso wie im Privatleben, wo die Kinderbetreuung noch immer vor allem als Frauensache angesehen werde.

Die Corona-Krise verschärft das Problem noch. In einer in den vergangenen zwei Wochen entstandenen Blitzumfrage des Verbands gaben 61 Prozent der Gründerinnen mit Kind an, ihre Arbeitszeit sei im Zuge der Krise gesunken. Viele berichten zudem von einer Verschlechterung der Work-Life-Balance. 37 Prozent der insgesamt 150 Befragten gehen davon aus, dass sich die Chancen von Frauen im Start-up-Bereich durch die Corona-Krise verringern werden.

Wagniskapitalgeber in der Pflicht

Die Themen, denen sich Gründerinnen bevorzugt widmen, sind indes in der Krise wichtiger denn je: Den Erhebungen zufolge werden Start-ups in den Bereichen Gesundheit und Bildung besonders häufig von Frauen geführt. Auffällig auch: Geht es um unternehmerische Ziele, räumen sie sozialen und ökologischen Dimensionen einen deutlich höheren Stellenwert ein als Männer-Teams.

Durch die fehlende Diversität der deutschen Start-up-Szene werde sowohl gesellschaftlich als auch volkswirtschaftlich großes Potenzial verschenkt, sagte Gesa Miczaika, stellvertretende Präsidentin des Startup-Verbands und Partnerin beim Frühphaseninvestor Auxxo. In der Pflicht sieht sie vor allem staatlich unterstützte Start-up-Förderer wie den High-Tech-Gründerfonds (HTGF), bei dem nur wenig Frauen Entscheidungen über die Investments träfen. Aber auch privatwirtschaftliche Investoren müssten schon aus eigenem Interesse stärker auf Diversität achten. „Die Erkenntnis der VCs ist durchaus da, an der Umsetzung mangelt es aber noch“, sagte Miczaika.

Vorbilder und Vernetzung gefragt

Der Startup-Verband hat nun ein Positionspapier mit Handlungsvorschlägen für Politik und Wagniskapitalgeber angekündigt. Mit einem neuen Format sollen zudem regelmäßig erfolgreiche Gründerinnen vorgestellt werden. Nach Einschätzung von Zypries sind solche Vorbilder entscheidend, um mehr Schülerinnen und Studentinnen zu einer Gründung zu animieren. Oft herrsche ein falsches Bild vom Start-up-Leben vor: „Wir müssen gucken, wo wir die Mädels auch mit ihren Vorurteilen abholen können.“ Zypries verwies darauf, dass bei Existenzgründungen insgesamt Frauen deutlich stärker repräsentiert sind als in der Tech-Welt.

Ein weiterer Ansatzpunkt: „Gründerinnen brauchen starke Netzwerke“, sagte Mayra Frank, Leiterin von Google for Startups. Das vor zwei Jahren gestartete Programm des Suchmaschinenkonzerns bringt Unternehmerinnen mit Gleichgesinnten sowie Investoren und Mentoren zusammen. Wie wichtig solche Formate potenziell sind, zeigen weitere Ergebnisse des Female Founders Monitors. Demnach schätzen 57 Prozent der frauengeführten Start-ups ihren Zugang zum Investmentsektor als schlecht ein. Bei Männerteams sind es nur 37 Prozent.