Sobald der Drahtesel sein sicheres Winterquartier verlassen hat, droht Diebstahl. Mit findigen Geschäftsideen wollen Gründer gestohlene Fahrräder aufspüren. Doch Experten bewerten die Start-ups kritisch.

Die Geschäftsidee zum Start-up kommt aus dem Alltag: Der Student fällt Fahrraddieben zum Opfer, die Wut über den verlorenen Drahtesel schlägt in Tatendrang um und am Ende steht eine Geschäftsidee. Diese Dreierkette verkürzt die Entstehungsgeschichte von den Start-ups Fahrradjäger und Lock8, die mit ihren jeweils ganz eigenen Ideen zur Fahrradsicherung auf den Drahteselmarkt streben.

Martin Jäger, Geschäftsführer von Fahrradjäger, hat während seiner Studentenzeit in Rostock gleich fünf vor allem hochwertige Zweiräder an Kriminelle verloren und wurde aus dieser Not heraus zum Gründer. „Fahrradjäger ist ein persönliches Wunschprojekt. Wir haben realisiert, was mir als Student selbst gefehlt hat“, sagt er. Auf ihrer Online-Plattform will das fünfköpfige Gründerteam um Jäger seit 2011 Radler vereinigen und über das Netzwerk gestohlene Räder wieder aufspüren; rund 6.600 Mitglieder seien dort mittlerweile registriert.

Nach dem Studienabschluss wurde das Start-up zum Vollzeit-Job: Jäger und seine Mitstreiter vertrauen in Sachen Fahrradsicherung weiter auf die Crowd und rüsten ihre Idee nun mit Hardware auf. Sie entwickeln ein Gerät, das sich via Bluetooth mit dem Smartphone des Eigentümers verbindet. Es erkennt, wenn dieser sein Fahrrad abstellt, geht automatisch in den Alarmmodus und schlägt an, wenn jemand das Rad unbefugt bewegt – sprich klaut.

Ist das nicht genug der Abschreckung, wird die Fahrradjäger-Erfindung zum Peilsender. „Das Gerät vernetzt sich nicht nur mit dem Smartphone des Eigentümers, sondern mit allen Community-Mitgliedern in der Umgebung. Damit entwickeln wir ein Diebstahl-Warnsystem“, erklärt Jäger. Er spricht von „Crowd-GPS“. Wann immer jemand aus der Fahrradjäger-Community in der Nähe (maximal 100 Meter) des gestohlenen Rades ist und die Bluetooth-Funktion seines Smartphones aktiviert hat, bekommt der rechtmäßige Eigentümer ein Update und kann den Standort so nachverfolgen.

VIDEO: So funktioniert Fahrradjäger

Das bedeutet: Je größer die Zahl der Nutzer, umso enger das Sendenetz und umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass das System das Diebesgut ortet. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Je weniger Nutzer, umso lückenhafter das Netz und umso unwahrscheinlicher die Ortung. „Das ist eindeutig ein Crowd-Projekt. Wir glauben einfach daran, dass die Kraft der Masse unglaublich viel bewegen kann“, sagt Jäger. Fahrradfahrer seien schließlich schon eine Crowd für sich und Fahrradjäger würden sie nun vereinen. „Das ist der große Mehrwert des ganzen Projektes.“

Der Grundgedanke sei nicht neu, wendet Stephan Behrendt ein, Technik-Experte beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC): „Über private Datenbanken wird versucht, die Masse an Fahrradfahrern zu nutzen, um gestohlene Räder zu identifizieren. Es gibt immer wieder neue Ansätze – die auch immer wieder verschwinden.“ Behrendt fordert ähnlich dem Kfz-Kennzeichen eine Codierung nach ADFC-Standard, die ohne eigene Datenbank auskommt. Datenbanken sollten – auch im Sinne des Datenschutzes – nur in öffentlicher Hand liegen, denn die seien dauerhaft, so der Experte. Die Ideen privater Anbieter seien zwar oft ganz nett, doch bestünden meist den Praxistest nicht.

Die wenigsten gestohlenen Räder tauchen wieder auf

Die Fahrradjäger aus Rostock wollen ihr Gerät noch vor der nächsten Fahrradsaison einem Praxistest in Münster unterziehen, mit dem höchsten Fahrradanteil am Verkehr die Radler-Hauptstadt der Nation. „Da, wo viele Leute mit vielen Fahrrädern unterwegs sind, ist unser System besonders effektiv, und das ist auch unsere Zielgruppe“, sagt Jäger. Der günstige Einstiegspreis von 30 bis 35 Euro und die Akkulaufzeit von über einem Jahr sind seine Verkaufsargumente.

Mit Bluetooth 4 setzt das Team zugunsten von Sendereichweite und Energieeffizienz auf die aktuellste Version der Technologie – und schränkt damit den möglichen Nutzerkreis ein: Jäger zufolge waren 2014 rund 70 Prozent der iPhones und nicht mal ein Viertel der Android-Smartphones kompatibel mit Bluetooth 4.

Die Probleme im Praxistest gehen noch weiter: Selbst wenn der Peilsender seine Aufgabe erfüllt – das heißt, nicht von den Dieben zerstört wird, seine Energiezufuhr gesichert ist, das Signal nicht unterbrochen wird und das Gerät letztlich anschlägt –, bedeutet das noch lange nicht, dass der Halter sein Rad zurückbekommt, weiß ADFC-Experte Behrendt: „Führt das Signal zum Beispiel in ein Mehrfamilienhaus, wird die Staatsanwaltschaft wegen eines gestohlenen Rades kaum einen Durchsuchungsbefehl erteilen.“ Er sieht den größeren Nutzen solcher Ortungssysteme für Mietangebote wie Next Bike oder Call a Bike.

Hinter letzterem steckt die Deutsche Bahn, die ihren Kunden auf der Homepage im besten Marketing-Sprech empfiehlt, sich Taxikosten und zeitraubende Staus zu ersparen und Städte stattdessen per Zweirad zu erkunden. Immer mehr Nutzer registrieren sich für das Angebot: 2014 waren es mit 4,4 Millionen fast eine Million mehr als im Vorjahr, wie die DB auf Anfrage mitteilte.

Das Gründer-Team von Lock8 richtet sich genau an solche Flottenbetreiber. Ihre Idee: das nach eigener Aussage erste Fahrradschloss mit GPS-Sensor, dessen digitaler Schlüssel das Smartphone per Bluetooth sendet – wie auch bei Fahrradjäger über die nur begrenzt verbreitete Version 4. Da der Schlüssel unkompliziert an andere Nutzer weitergeleitet werden kann, bietet sich die Lösung für Sharing-Projekte an und soll sich zum Markteintritt auch vor allem an solche richten. Die Energieversorgung ist clever über einen Dynamo gelöst.

VIDEO: So funktioniert Lock8

Nach mehreren Prototypen haben die Gründer von Lock8, Franz Salzmann und Daniel Zajarias-Fainsod, ihr Fahrradschloss 2013 beim TechCrunch-Disrupt-Cup in Berlin vorgestellt und den internationalen Wettbewerb für sich entschieden. Neben dem Preisgeld setzten die Gründer erfolgreich auf Growdfunding – und teilen so neben mehreren gestohlenen Fahrrädern eine weitere Erfahrung mit dem Rostocker Start-up-Team Fahrradjäger.

Denn Jäger vertraut nicht nur bei der Umsetzung seiner Geschäftsidee auf die Community. In einer ersten Crowdfunding-Runde sammelte er via Startnext 23.000 Euro ein. Das Geld ging vor allem in die Programmierung der App, eine nächste Kampagne soll das nötige Kapital für die Produktion einbringen.

„Das ist das erste Crowd-Projekt in dem Bereich, das diesen Ansatz so kompromisslos verfolgt“, sagt Jäger, den die Unterstützung anderer Fahrradjäger ebenso bestärkt wie die ernüchternden Zahlen in der Kriminalstatistik. Vergangenes Jahr hat die Polizei darin deutschlandweit 316.854 gestohlene Räder erfasst, sieben Prozent mehr als 2013. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch deutlich höher. Die Aufklärungsquote: unter zehn Prozent.

Selbst Technik-Experte Behrendt hat schon zwei Räder an Diebe verloren – eines ironischerweise vor der ADFC-Geschäftsstelle in Köln. Da damals alle Abstellplätze belegt waren, hatte Behrendt sein Rad nur ab- und nicht angeschlossen und damit eine schmerzliche Bestätigung für seinen Rat an die Radler-Gemeinschaft erfahren: „Der beste Diebstahlschutz ist immer noch ein gutes Schloss und das Rad wirklich an- und nicht bloß abzuschließen.“