Die Europäische Weltraumorganisation ESA fördert mit ihrem Gründerprogramm Start-ups europaweit. Gefördert wird nur, wer innovativ denkt.

Mit seinem europaweiten Gründerprogramm unterstützt die Europäische Weltraum­organisation ESA in derzeit acht Gründerzentren Start-ups, die sich mit Hightech-Projekten beschäftigen. Der deutsche Ableger, das ESA Business Incubation Centre (BIC) Bavaria, hat seinen Sitz in Oberpfaffenhofen. Hier arbeitet Lena Nietbaur als seit 2011 als Sprecherin. In der Zeit begleitete sie zahlreiche Gründer auf dem Weg zum erfolgreichen Unternehmer. Dabei traf sie weniger auf Raketenforscher- dafür auf hoch innovative Technikexperten.

WiWo Gründer: Warum braucht die ESA ein Gründerprogramm?
Lena Nietbaur: Jedes Jahr fließt sehr viel Geld aus den ESA-Mitgliedsstaaten in die Forschung und die Ergebnisse, die dort entstehen, sind in der Regel nicht nur für die Raumfahrt interessant, sondern für ganz viele Wirtschaftssektoren. Gerade junge, innovative Unternehmen sind dafür von Bedeutung, weil sie diese Forschungsergebnisse nutzen und daraus kommerzielle Produkte entwickeln. Die ESA fördert deshalb den Technologietransfer über ihre Inkubationszentren. Die sind mittlerweile über ganz Europa verteilt. Die OECD hat 2013 eine Studie durchgeführt, die ergab, dass diese sogenannten Downstream-Anwendungen (der Weltraumforschung nachgelagerte kommerzielle Anwendungen, Anm. der Red.) weltweit bei 149,6 Milliarden US-Dollar lag. Dieses Potential müssen wir für die europäische Wirtschaft nutzen.

 

Welche Gründer werden gefördert?
Grundsätzlich ist erst einmal der Raumfahrt-Bezug wichtig. Das heißt, die Technologien, die die Start-ups nutzen, müssen für die Raumfahrt entwickelt worden sein. Das können beispielsweise Materialien sein oder Satellitennavigationssignale oder Erdbeobachtungsdaten – das alles fällt unter Raumfahrt-Bezug. Bei der Gründer-Auswahl wird sehr viel Wert auf innovative technische Lösungen gelegt, der Businessplan muss natürlich überzeugen und die Firmen dürfen nicht älter als drei Jahre sein.
Und wie läuft dann die Förderung an sich?
Nach Bewerbung und formalem Check werden die Start-ups eingeladen und präsentieren ihren Businesscase vor einer Jury – und wenn die Jury dann überzeugt ist von der Idee, werden die Gründer in das Programm aufgenommen. Wir setzen auf eine zweijährige Förderung. Hightech-Gründungen benötigen einfach etwas Zeit für die technische. Dabei erhalten die Startups von lokalen Partnern auch technische Unterstützung. Hier unterscheiden wir uns von anderen Programmen, da wir beispielsweise mit dem Deutschen Zentrum für  Luft- und Raumfahrt, dem Fraunhofer-Institut oder Industriepartnern wie Airbus zusammen arbeiten, von deren Expertise und Testeinrichtungen die Gründer profitieren. Darüber hinaus bekommt jedes Start-up 50.000 Euro – 25.000 von der ESA und 25.000 vom Bayerischen Wirtschaftsministerium – und wir nehmen im Gegenzug keine Unternehmensanteile. Das ist eine Philosophie der ESA, dass es sich um ein reines Förderprogramm handelt. Hinzu kommt das internationale Netzwerk des ESA BIC Programms. Das führt dazu, dass viele unserer Gründer schon früh auf internationalem Markt aktiv sind und nicht nur in Deutschland.
Muss ich mich als Gründer denn im weitesten Sinne für Raumfahrt begeistern können, um ein Projekt zu haben, dass die ESA auch fördert?
Ich würde sagen ja. Man muss als Gründer in der Lage sein, den Raumfahrt-Bezug herzustellen, da er Grundvoraussetzung für die Förderung ist. Viel wichtiger ist es aber, das Potential der Technologie für die kommerzielle Anwendung zu sehen.
Aber der entscheidende Schritt ist dann der, dass die Gründer am Ende  nichts für die Raumfahrt entwickeln, sondern an irdischen Projekten tüfteln.
Richtig! Vielen Firmen ist nicht genau klar, was dieser Raumfahrt-Bezug genau bedeutet. Wir suchen keine Raketentechnik, aber eben Entwickler oder innovative Unternehmer, die wissen, wie sie die Technologien auf der Erde nutzen können. Es geht im ESA BIC Programm darum, Technologien und Anwendungen, die ursprünglich für die Raumfahrt entwickelt wurden, wieder zurück auf die Erde zu bringen. Das heißt, zum Beispiel Erdbeobachtung, Robotik oder Geopositionierung, in Produkte aus Bereichen wie Automotive, Sport oder auch Location Based Services zu integrieren – um nur wenige Beispiele zu nennen. Das führt zu einer bunten Mischung an Unternehmen. Wobei sich auch das mittlerweile verschiebt, denn viele Produkte, die zur Nutzung auf der Erde entwickelt werden, können auch wieder für neue Weltraumentwicklungen genutzt werden.

Und was hat die ESA davon?

Zunächst werden die Fördergelder, die sie in Forschungsprojekte steckt, so nachhaltig genutzt. Wir haben beispielsweise allein hier in Bayern über 1.200 Hightech-Arbeitsplätze geschaffen und die Unternehmen erzielen mittlerweile einen Jahresumsatz von über 90 Millionen Euro. Das ist für ESA einfach ein schönes Zeichen, dass sich die Investitionen in die Raumfahrt lohnen.

Das Programm gibt es nun schon einige Jahre und wird immer wieder verlängert. Wie sieht die Zukunft des ESA-Gründerprogramms aus?
Es wächst beständig. Die bestehenden ESA BICs wollen weitermachen und bieten immer mehr Plätze für Gründer. Europaweit wurden bislang 300 Unternehmen unterstützt, davon 100 in Bayern und jedes Jahr kommen neue dazu. Zudem wurde das Programm europaweit immer mehr ausgeweitet und mittlerweile möchten viele ESA-Mitgliedsländer ihr eigenes ESA BIC unterhalten. Das Netzwerk wächst also und je größer das Netzwerk, desto mehr Start-ups können natürlich unterstützt werden.
Was wünschen Sie sich für ihr bayerisches ESA-Gründerzentrum?
Dass es noch lange weiter geht und wir spannende Gründer dabei unterstützen können, ihre Produkte auf den Markt zu bringen und wir auch zukünftig uns neuen Themen und Herausforderungen wie Internet of Things, Digitalisierung und Industrie 4.0 stellen können.
Frau Nietbaur, danke für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!