Seit Wochenbeginn können die ersten elektrischen Tretroller in Berlin gemietet werden – erwartet wird eine turbulente Expansion.

Viele Millionen Euro haben Investoren in den verganenen Monaten auch in deutsche E-Scooter-Start-ups gepumpt – doch sichtbar waren sie in der Bundesrepublik bisher kaum. Das ändert sich nun schlagartig: Zum Wochenanfang haben die ersten Unternehmen mit dem Verleih der elektrischen Tretroller in Berlin begonnen. Die Ankündigungen der Start-ups zeigen, dass deutsche Städte in den kommenden Wochen regelrecht von den Rollern überschwemmt werden dürften.

Die entscheidende Gesetzesnovelle ist mit der „Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung“ vergangenen Samstag in Kraft getreten: Seither dürfen E-Scooter mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 20 Stundenkilometern prinzipiell am Straßenverkehr teilnehmen. Die Hersteller müssen für ihre Modelle aber eine Allgemeine Betriebserlaubnis beim Kraftfahrt-Bundesamt beantragen (KBA). Käufer und Vermieter brauchen außerdem eine Haftpflichtversicherung.

Die Hürden offenbar bereits genommen hat Circ (vormals Flash). Das Start-up von Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski, das im Januar 55 Millionen Euro Wagniskapital eingesammelt hatte, stellte am Montag die ersten 15 Roller in Berlin ab. Wie RBB berichtete, sollen es bis zum Wochenende rund 100 sein. Voraus ging ein Pilotversuch in Herne, dessen Grundlage eine Sondererlaubnis der örtlichen Behörde war. Auch der US-Konkurrent Lime will mehrere hundert Roller in Berlin anbieten, die ersten können seit gestern ausgeliehen werden.

Ambitionierte Pläne von Tier und Voi

In den Startlöchern steht darüber hinaus Tier Mobility mit ambitionierten Plänen. Das Start-up, bei dem sich kürzlich Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg eingekauft hatte, will noch in dieser Woche Details zum Start in Deutschland bekanntgeben. Wie das Handelsblatt berichtet, stehen Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf, Köln, Bonn und Münster auf der Liste. Noch fehle aber die Freigabe des Kraftfahrbundesamtes. Alleine in München plant der Anbieter mit 1.500 Rollern, wie aus einer gestern veröffentlichten Kooperationsvereinbarung mit den Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) ersichtlich ist.

Der schwedische Konkurrent Voi, der unter anderem vom Berliner Wagniskapitalgeber Project A unterstützt wird, hat laut Handelsblatt bereits Abmachungen mit Berlin, Hamburg, München und Lübeck für ein Verleihgeschäft getroffen. Insgesamt wolle man in 35 Städten aktiv werden. Erfahrungen hat der Anbieter bei einem Testbetrieb in Lübeck gesammelt. Auch Bird aus den USA dürfte nach einem Testlauf in Bamberg bald in Deutschland starten, ebenso wie das Berliner Start-up Wind Mobility sowie zahlreiche kleinere Wettbewerber.

Die Angebote aller Anbieter gleichen sich aus Kundensicht: Die Standorte der Roller werden auf einer App angezeigt. Die Miete startet durch das Scannen eines QR-Codes und wird per App beendet, wenn der Tretroller innerhalb des Geschäftsgebiets abgestellt wird. Pauschal kostet jede Fahrt einen Euro, hinzu kommen 15 Cent pro Minute. Nachts stehen die Fahrzeuge in der Regel nicht zur Verfügung, da sie geladen werden müssen.

Kooperationen mit ÖPNV-Betreibern

Es wird spannend zu sehen, ob einzelne Anbieter von dem im europäischen Ausland erprobten Preismodell abweichen, um mehr Kunden anzulocken. Als wichtiger Faktor im Wettbewerb könnten sich auch Kooperationen erweisen. Tier Mobility etwa gibt gegenüber dem Handelsblatt an, als erster E-Scooter-Verleihdienst bei Jelbi vertreten zu sein. Die neue App der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bündelt verschiedene Mobilitätsangebote. Ähnlich sieht die Kooperation mit der MVG in der bayerischen Landeshauptstadt aus.

Der Schulterschluss mit Nahverkehrsunternehmen liegt nahe, weil E-Scooter vorwiegend als Ergänzung von Bussen und Bahnen angesehen werden, wie eine Anfang Mai veröffentlichte Umfrage des IT-Verbands Bitkom ergab. Das Stimmungsbild zeigte indes auch: Die Gesellschaft steht den neuen Geräten gepalten gegenüber. Während sich eine große Mehrheit der 16- bis 64-Jährigen eine rasche Zulassung wünschte, plädierten Senioren mehrheitlich für ein Verbot – bei ihnen dominierte die Angst vor Unfällen. Umstritten ist, wie nachhaltig das Geschäft ist.