Hinter dem Start-up stehen Professoren der RWTH Aachen. Beteiligt ist auch Günther Schuh, Mitgründer von Streetscooter und e.Go.

Manche bezeichnen ihn schon als „deutschen Elon Musk“: Günther Schuh, Professor an der RWTH Aachen, mischt wie kaum ein anderer Gründer in Deutschland den Mobilitäts-Markt auf. 2010 hob er zusammen mit seinem Kollegen Achim Kampker Streetscooter aus der Taufe – und bewies, dass sich in Deutschland preiswerte Elektrotransporter bauen lassen. 2015 folgte e.GO Mobile, ein Hersteller für erschwingliche Elektro-Kleinwagen und -Minibusse. Nun will Schuh abheben: Zusammen mit den Aachener Professoren Peter Jeschke, Frank Janser, Eike Stumpf und Kai-Uwe Schröder treibt er die Entwicklung eines neuartigen Flugtaxis voran.

Formal gegründet Ende 2018, hat ihr Start-up e.SAT nun einen wichtigen Meilenstein erreicht: Mit MTU Aero Engines haben die Professoren einen finanzstarken Partner gewonnen. Wie der Triebwerkshersteller Anfang der Woche mitteilte, will MTU für zehn Millionen Euro Unternehmensanteile übernehmen. Die Münchener haben außerdem vor, sich an Entwicklung und Bau des Antriebsstrangs beteiligen – und wollen den Zulassungsprozess vorantreiben. Noch handelt es sich um eine Absichtserklärung. Bis Ende Oktober soll der Kooperationsvertrag ausgearbeitet werden.

Das Konzept ihres Flugtaxis haben die Gründer nach vier Jahren Vorbereitungszeit vergangene Woche präsentiert. Auffälligstes Merkmal: Die Tragflächen sind über einen Rahmen mit der Seitenflosse im Heck verbunden. Diese „Boxwing-Flügel“ sollen strömungstechnisch optimal sein. Vorgesehen ist zudem ein Hybrid-Antrieb, bei Verbrennungs- und Elektromotoren gekoppelt werden. Die Konstruktion soll Reichweiten bis zu 1.000 Kilometer ermöglichen. Punkten soll die Maschine zudem mit einem extrem leisen Betrieb. Für Starts und Landungen wird laut e.SAT eine maximal 400 Meter lange Fläche benötigt. Damit könne das „Silent Air Taxi“, in dem vier Passagiere Platz finden sollen, auch kleine Flughäfen und -plätze anfliegen.

Ticketpreise wie in der Ersten Klasse der Bahn

Das Konzept unterscheidet sich deutlich von dem Flugtaxi, das Lilium entwickelt. Die Münchener setzen auf Senkrechtstarts. Das minimiert den Platzbedarf, macht aber auch die Gesamtkonstruktion komplexer. Schuh und seine Kollegen setzten dagegen – wie schon beim Streetscooter und den e.Go-Fahrzeugen – auf einen möglichst simplen Aufbau, um Kosten gering zu halten. Die Notwendigkeit einer Start- und Landebahn sehen die Gründer nur bedingt als Nachteil. Sie verweisen darauf, dass 80 Prozent der Bundesbürger in einem Radius von 25 Kilometern zu einem geeigneten Flugplatz wohnen.

Das Start-up verspricht niedrige Anschaffungs- und Betriebskosten. Gefertigt werden soll in einer „Pkw-ähnlichen Montage“. Nutzer sollen später für einen Flug etwa soviel bezahlen wie ein Bahnticket Erster Klasse für dieselbe Strecke kosten würde. Man wolle „die klassischen Hauptverkehrsträger entlasten und individuelle Reisezeiten signifikant reduzieren“, lässt sich e.SAT-Finanzchef Schuh in der Pressemitteilung zitieren. Den Erstflug haben die Aachener für 2022 vorgesehen – eine Zulassung wird zwei Jahre später angestrebt. An der Entwicklung seien derzeit über 50 Experten beteiligt. Als Testgelände dient der Flugplatz Aachen-Merzbrück, der mit Unterstützung des Landes NRW zum Forschungsflugplatz weiterentwickelt werden soll.

Die Konkurrenz ist indes schon jetzt groß: In Deutschland mischt neben dem mit üppigen Summen Wagniskapital ausgestattetem Start-up Lilium auch Volvocopter mit. Das Bruchsaler Start-up entwickelt Hubschrauber-ähnliche Flugtaxis – unter den Investoren ist der Autobauer Daimler. Auch die Flugzeugbauer Airbus und Boeing arbeiten an Kleinstflugzeugen mit Elektromotor, hinzu kommen weitere Start-ups etwa aus den USA und Israel.