Die Chefin des E-Health-Start-ups Lindera erklärt, warum sie einen eigenen Verband gegründet hat – und wie sie mit der Kritik daran umgeht.

Es soll einen Digitalisierungsschub in einer hochregulierten Branche auslösen: Vor gut einem Monat ist das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) in Kraft getreten. Für Start-ups besonders relevant: Gesundheits-Apps wird es künftig auf Rezept geben. Das nimmt den Druck, mühsam einzelne Krankenkassen als Kooperationspartner zu gewinnen. Doch viele Details sind noch unklar. Diskutiert wird gerade eine Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums, die Kriterien für die Zulassungen von Anwendungen festlegt. Geklärt werden muss auch noch, wie viel Geld für welche Leistung gezahlt werden.

Zur Überraschung bestehender Interessenvertretungen beansprucht nun ein neuer Verein für sich, federführend die Verhandlungen mit den Krankenversicherern zu übernehmen. Seit Ende August hat der selbst ernannte Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) 60 Start-ups als Mitglieder gewonnen. Maßgeblich vorangetrieben hat die Gründung Diana Heinrichs, Chefin der Sturzpräventions-App Lindera. Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer erklärt die SVDGV-Vorständin, warum sie sich bisher nicht ausreichend vertreten fühlte, wie sie das DVG bewertet – und welche Chancen sich nun für E-Health-Start-ups ergeben.

Frau Heinrichs, ein erklärtes Ziel Ihres Verbands ist es, Verhandlungen mit dem mächtigen Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen führen zu wollen. Was hat es damit auf sich?
Das neue Gesetz sieht vor, dass der GKV Spitzenverband über wesentliche Fragen mit den „maßgeblichen Spitzenorganisationen“ der Hersteller digitaler Gesundheitsanwendungen verhandelt. Darauf bewerben wir uns. Mit inzwischen mehr als 60 Mitgliedern sehe ich uns in einer guten Ausgangslage. Ein zentraler Punkt ist, dass Rahmenvereinbarungen darüber getroffen werden, in welcher Höhe digitale Leistungen von den Krankenkassen vergütet werden und wie wir den gesamten Prozess transparent gestalten können. Außerdem soll eine Schiedsstelle gebildet werden.

Etablierte Verbände waren – vorsichtig formuliert – irritiert davon, dass plötzlich ein neuer Verband auf den Plan tritt. Verstehen Sie die Aufregung?
Glauben Sie mir – ich hatte nicht vor, einen Verband zu gründen. Ich habe genug zu tun. Aber es gab für Start-ups wie Lindera, die sich mit Apps direkt an Patienten und Fachkräfte richten, schlichtweg keine passende Interessenvertretung. Wir unterscheiden sich von allen anderen Playern im Markt dadurch, dass wir aufgrund der Rahmenbedingungen aktuell noch kein gesundes Geschäftsmodell haben. Das Digitale-Versorgung-Gesetz hat das Potenzial, das nun zu ändern. Aber eben nur, wenn es datenschutzkonform und innovationsfreundlich ausgestaltet wird. Dafür braucht beispielsweise der GKV Spitzenverband einen schlagkräftigen Verhandlungspartner auf Anbieterseite. Da gab es bisher eine Lücke, die wir mit dem SVDGV schließen. Ich muss schon schmunzeln, dass sich das Establishment darüber aufregt.

Zum Thema positionieren sich doch beispielsweise auch der IT-Verband Bitkom oder der Bundesverband Internetmedizin, bei dem ebenfalls viele Start-ups Mitglied sind?
Der Bitkom vertritt zwar viele Start-ups, wollte laut eigener Aussage aber kein Team aufbauen, das mit Juristen und erfahrenen Köpfen mit dem GKV Spitzenverband die Rahmenvereinbarungen verhandelt. Und in anderen Verbänden sehen wir nicht, dass eine relevante Zahl von Herstellern digitaler Gesundheitsanwendungen Mitglied ist. Uns geht aber nicht um eine Konfrontation. Wir wollen mit allen Verbänden gemeinsam das DVG zu einem Erfolg führen. Wir setzen uns für einen transparenten Prozess und für eine direkte Zusammenarbeit mit allen Parteien vom GKV Spitzenverband bis zur Kassenärztlichen Bundesvereinigung ein. Das gemeinsame Ziel muss es sein, mit digitalen Anwendungen Versorgungslücken zu schließen.

Das würde doch jeder Beteiligte so unterschreiben.
Das Thema ist schon überall präsent. Nur hat zum Zeitpunkt der SVDGV-Gründung niemand wirklich die Initiative für unsere Positionen ergriffen. Ich habe sehr oft das Gefühl gehabt, dass man sich zwar gerne auf Konferenzen mit einem Start-up schmückt – besonders wenn es von einer Frau gegründet wurde und es auch noch um Künstliche Intelligenz geht. Aber ob unser Geschäft funktionieren kann, interessiert keinen. Wir sind immer wieder gegen Mauern gerannt mit unseren Anliegen. Auch sehen wir viele Beratungen und Kanzleien, die uns gerne als Kunden gewinnen wollen, damit wir gegen Aufpreis den Weg ins System finden. 

Mangelt es denn wirklich an Aufmerksamkeit für Ihre Anliegen? Sie selbst haben doch im Herbst sogar bei Gesundheitsminister Jens Spahn vorgesprochen.
Der Termin kam nicht aus heiterem Himmel. Ich habe vergangenen Frühjahr in einem Manifest auf die Probleme und Anliegen der Branche aufmerksam gemacht. Damals hieß es auch von anderen Gründern, dass das keinen interessieren wird. Aber dann habe ich in kurzer Zeit mehr als 60 Unterstützer gefunden. Auf die Idee, aus der Initiative einen Verband zu formen und so die Ausgestaltung des DVG zu beeinflussen, haben mich viele Gründer und führende Köpfe aus dem Gesundheitssystem gebracht.

Welche Rolle sehen sie darüber hinaus für ihren Verband?
Wir verstehen uns auch als Interessensvertretung gegenüber der Politik. Gerade bereiten wir beispielsweise eine Stellungnahme zum Referentenentwurf der Verordnung vor, in der die Anforderungen für die Erstattungsfähigkeit digitaler Gesundheitsanwendungen festgelegt werden.

Der Entwurf des Bundesgesundheitsministerium sieht einen umfassenden Fragebogen vor, den Anbieter beantworten müssen. Droht hier neue Bürokratie?
Nein, die Stoßrichtung ist grundsätzlich richtig. Wir sehen die Notwendigkeit, dass es eine umfassende Prüfung gibt. Es dürfen nur evidenzbasierte und qualitätsgesicherte Anwendungen zugelassen werden. Digitale Hilfsmittel müssen tatsächlich Versorgungslücken schließen. Und es muss einen wirksamen Datenschutz geben. Klar ist aber auch, dass wir als Start-ups nicht erst für jede App mehrjährige Studien machen können – dann würde sich das Thema in Deutschland schnell wieder erledigen.  

Zumindest Investoren scheinen derzeit sehr optimistisch gestimmt zu sein. Gerade können auffällig viele E-Health-Start-ups mit neuen Finanzierungsrunden aufwarten. Erwarten Sie goldene Zeiten für die Branche?
Zumindest bricht eine Zeit an, in der sich viele Möglichkeiten ergeben, um erstmals den Weg für nachhaltige Geschäftsmodelle zu bereiten. Ich gehe davon aus, dass 100 bis 150 Apps für die Kostenerstattung zugelassen werden. Es gibt jetzt in Deutschland die Chance, dass innovative Anbieter mit europäischen Datenschutzstandards groß werden. So kann ein Gegenpol zu Konzernen wie Google, Facebook oder Apple entstehen. Ich halte es aber für gefährlich, wenn sich Start-ups allein auf einen Schub durch das DVG verlassen.

Also sind Apps auf Rezept kein Garant für eine stabile Einnahmequelle?
Alleine die Möglichkeit der Kostenübernahme führt ja noch nicht dazu, dass die Apps wirklich verschrieben werden. Es stellt sich doch Frage, wie man die Ärzte eigentlich erreicht. Es kann sich kein Start-up leisten, auch nur annähernd die Summen in den Vertrieb zu stecken, die Pharmakonzerne aufbringen. Wichtig ist aus meiner Sicht, auch weiterhin Kooperationen mit Krankenkassen und mit anderen Unternehmen im Gesundheitssektor zu suchen. Bei Lindera beispielsweise arbeiten wir eng mit Trägern von Pflegeheimen und Kliniken zusammen.   

Das Gesetz sieht auch vor, dass sich gesetzliche Krankenkassen nach Kooperationen mit Start-ups sich auch finanziell an diesen beteiligen können. Sind das lang ersehnte Investoren?
Es ist zwar wichtig, dass mehr Wagniskapital aus Deutschland kommt, wenn wir Start-ups hier halten wollen. Heute passiert es noch zu oft, dass sich mit internationalen Investoren der Fokus der Gründer – und dann auch der Hauptsitz ihres Unternehmens – ins Ausland verlagert. Ich persönlich bin aber skeptisch, ob eine einzelne Krankenkasse ein passender Gesellschafter ist, wenn man den ganzen Markt adressieren will. Kooperationen und gemeinsame Projekte halte ich da für den geeigneteren Weg.

Vielen Dank für das Gespräch.