Es ist ein langes Wort mit weitreichenden Folgen für die Crowdfunding-Branche: Das angekündigte Kleinanlegerschutzgesetz droht den Aufstieg des Crowdinvestings auszubremsen, weil komplizierte Abschlüsse dem Online-Konzept im Weg stehen.

Es war der Untergang von Prokon, der deutsche Politiker Anfang 2014 zusammenzucken ließ. Mit der Pleite des Windkraftspezialisten verloren auch 75.000 Anleger ihr Geld, die insgesamt mehr als eine Milliarde Euro investiert hatten. Schon vorher gab es Zweifel an der Seriosität des Prokon-Geschäftsmodells, aber die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) war hilflos: Sie war nicht befugt, in das Geschehen einzugreifen. Das soll sich ändern und deshalb präsentierte die Bundesregierung am 12. November 2014 einen Entwurf für das Kleinanlegerschutzgesetz. Doch das Gesetz, das Anlegern mehr Schutz bieten soll, sorgt in der Crowdinvesting-Szene für viel Aufregung.

Bei Investoren ist Schwarmfinanzierung in den vergangenen Jahren ein immer beliebteres Modell geworden: Für ihre Studie „Zukunftsperspektiven im Crowdinvesting“ analysierten Wissenschaftler der EFNW GmbH, einem Institut der Universität Oldenburg, im vergangenen Jahr die Branchen-Entwicklung in Deutschland zwischen 2011 und 2014. Das Ergebnis: Der Markt für Crowdingvesting wächst hierzulande stetig, auch wenn der Anteil am gesamten Risikokapitalmarkt noch bei sehr geringen drei Prozent liegt. Seit im Oktober 2011 die erste Finanzierung erfolgreich war, wächst der deutsche Crowdinvesting-Markt durchschnittlich um acht Prozent. Für 2014 schätzten die Studienmacher das Gesamtvolumen auf 22 Millionen Euro.

Die Hauptgründe, warum Crowdinvestoren ihr Geld in ein Start-up investieren, sind laut der EFNW-Studie Spaß und Rendite. Dabei träumen sie jedoch nicht vom großen Reichtum: 70 Prozent schätzen ihre erzielbare Rendite auf höchstens ein Fünftel. Das ist übrigens vergleichbar mit den Erwartungen von Business Angels: Dort liegt eine mögliche Rendite bei  durchschnittlich 20 bis 40 Prozent.

Weil das Risiko folglich vergleichsweise hoch ist, wollen die Politiker nun branchenfremde Kleininvestoren schützen. Dabei nehmen sie allerdings negative Konsequenzen für die erstarkende Crowdinvesting-Branche in Kauf – zum Beispiel durch die Prospektpflicht. Damit werden Kampagnen-Starter ab einer Summe von einer Million Euro dazu verpflichtet, einen Vermögensanlageprospekt zu erstellen. Dies gefährdet aber insbesondere Tech-Startups, die schnell solche Summen überschreiten.

Die Crux: Der Prospekt muss mit Hilfe eines Anwalts erstellt und mit der BaFin abgestimmt werden. Dies dauert normalerweise drei bis vier Monate und kostet rund 20.000 Euro. Zusatzkosten, die für­­­ deutsche Crowdinvesting-Plattformen neue Probleme aufwerfen, heißt es in der EFNW-Studie. Dieses Problem sieht auch Christian Daniel Schubert: „Natürlich ist es gut, weil ein gewisser Anleger-Schutz dadurch gewährleistet wird, aber andererseits gehen damit Kosten einher, die für ein kleines Unternehmen überhaupt nicht zu stemmen sind“, sagt der Projektleiter der Plattform Fundsters.

Ein weiterer Aspekt, der insbesondere die Social-Media-Idee des Crowdinvestings gefährdet, ist die sogenannte „Beschränkung von Werbung für Graumarktprodukte“. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass in Zukunft Werbung für Vermögensanlagen im öffentlichen Raum wie etwa durch Plakate an Bus- und Bahnhaltestellen verboten werden. Dieser Ansatz zielt auf die zwielichtigen Methoden Prokons ab: Die Pleite-Firma hatte auf ihre Angebote unter anderem mit Aufklebern in U-Bahnen aufmerksam gemacht sowie teils sogar mit Werbespots vor der „Tagesschau“. Auch deshalb soll Werbung in den Medien deutliche Warnhinweise auf die Verlustrisiken beinhalten. Diese Regulierung könnte das gesamte Online-Marketing der Crowdfunding-Plattformen sprengen. Streng ausgelegt würden etwa Facebook-Aktionen für Crowdinvesting-Startups quasi unmöglich. Am Ende dürfte es zwar Intepretationssache sein. Wie das am Ende in der Realität gehandhabt wird, ist derzeit aber nicht absehbar. Der Bundesverband Deutscher Start-ups fordert deshalb das Online-Marketing der Crowdfunding-Plattformen von der Werbebeschränkung zu befreien.

Ein Problem gibt es auch für Investoren – in Form des Vermögensanlagen-Informationsblatts (VIB). Dieses wird dann notwendig, wenn ein Anleger mehr als 250 Euro investiert – beim Crowdfunding keine Seltenheit. Die Hürde des VIB: Der Anleger muss es unterschrieben zurücksenden – im ursprünglichen Entwurf per Post, jetzt soll es zumindest eingescannt per E-Mail möglich werden. Trotzdem: Eine altmodische und umständliche Methode, kritisiert der Bundesverband Deutsche Start-ups. Denn während sich der Anleger über das Projekt, die Macher und die Möglichkeiten komplett online informiert und auch online per Mausklick investiert, muss er am Schluss Drucker, Stift und Papier nutzen, um tatsächlich aktiv werden zu können.

Der Bundesverband bezeichnet dies als „Medienbruch“. „Warum sollte ich für eine 250-Euro-Anlage extra eine Unterschrift ableisten und mir diesen Aufwand antun?“, fragt Schubert. Auch Michel Harms sieht darin ein Problem: „Es macht Sinn einen Gedanken-Stopper zu haben, um die Verbraucher vo unüberlegten Impuls-Investments zu schützen, aber dies könnte auch online stattfinden.“ Der Gründer von crowdfunding.de unterstützt die Idee, die von verschiedenen Crowdfunding-Anhängern vorgeschlagen wurde: Wer Geld investiere, könne etwa nach 24 Stunden eine weitere E-Mail bekommen, mit der er den Kauf erneut bestätigen müsse, bevor er dann endgültig rechtskräftig würde. „Alles, was online machbar ist, wäre in Ordnung“, so Schubert. „In dem Moment, in dem ich einen Drucker brauche, wird das ganze Projekt umständlich und uninteressant.“

Die Regeln greifen zudem in eine Kapitalanlage-Möglichkeit ein, die zwar ein hohes Risiko mit sich bringt, aber trotzdem bisher wenig Ausfälle vorweist. Wie die Oldenburger Studie zeigt, gingen zwischen 2011 und 2014 gerade einmal acht crowdfinanzierte Start-ups unter. Das sind verhältnismäßig wenige Ausfälle: Mit etwas mehr als 1,2 Millionen Euro machen sie gerade einmal rund 5,4 Prozent des gesamten Finanzierungsvolumens bei Crowdinvesting aus.

Crowdfunding-Experten lehnen das Kleinanlegerschutzgesetz allerdings nicht an sich ab, sie begrüßen sogar bessere Transparenz und Anlegerschutz. Doch sie fordern, die Bedingungen zu beachten, unter denen Crowdinvesting funktioniert. „Natürlich muss die Branche vor unseriösen Anbietern geschützt werden, die das Marktmodell ausnutzen, aber ich denke, dass dies auch mit anderen Regulierungen möglich wäre“, sagt Michel Harms. Es müsse Regeln geben, um Missbrauch vorzubeugen, aber diese müssten eng mit der Branche abgesprochen werden, damit sie nicht zu sehr darunter leide. Ähnlich sieht das auch Schubert. „Auf der einen Seite stehen die Verbraucher, die natürlich geschützt werden müssen, aber auf der anderen Seite sind eben Startups, die finanziert werden wollen. Ich denke die Interessenlage könnte man auch durch eine intelligente Gesetzgebung beiderseitig zufriedenstellend erfüllen““, so der Projektmanager.

Trotz der Kritik von vielen Seiten – denn auch die Verbraucherschützer zeigen sich nicht gänzlich zufrieden mit dem Gesetzentwurf – soll das Kleinanlegerschutzgesetz voraussichtlich im Frühjahr, spätestens aber bis zum Sommer, 2015 umgesetzt sein. Die Experten der Crowdfunding-Szene sehen diesen Aussichten mit gemischten Gefühlen entgegen. Der Bundesverband Deutsche Start-ups urteilt: „Die Regulierung des Crowdfundings im vorliegenden Gesetzentwurf führt nicht zu einem Ende des Crowdfundings in Deutschland, behindert es jedoch erheblich“, heißt es im Statement zum Kleinanlegerschutzgesetz.

Auch Harms fürchtet einen Dämpfer für die dynamische Entwicklung der Finnzierungsmethode. Kleine, wenig professionelle Crowdinvesting-Plattformen und -Kampagnen würden seltener, große professionelle Projekte wichtiger. Am Ende könnte es dadurch dann nicht nur noch eine Frage der guten Idee und der Schwarmunterstützung, sondern zudem eine Frage des Geldes sein: Nur, wer sich Professionalität schon vor Kampagnenstart leisten kann, könnte die Crowd dann um finanzielle Unterstützung bitten.

Der Bundesverband Deutscher Start-ups rechnet auch deshalb mit dem Schlimmsten. Sollten die Regulierungen so in Kraft treten, wie bisher geplant, sei nicht absehbar wie sehr sie neue Crowdinvesting-Kampagnen verzögern könnten. „Ein komplettes Verschwinden des Crowdfundings ist nicht ausgeschlossen“, warnt der Verband.