Das belgische Start-up sammelt 23 Millionen Euro ein – und überholt damit in Sachen Wagniskapital den Konkurrenten Vanmoof.

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Vorherrschaft auf dem Markt für schlanke E-Bikes – und es fließt immer mehr Geld hinein: Erst im Mai hatte Vanmoof aus den Niederlanden 12,5 Millionen Euro von Wagniskapitalgebern bekommen. Nun meldet der schärfste Konkurrent den Abschluss einer noch umfangreichere Finanzierungsrunde: 23 Millionen Euro hat Cowboy aus Belgien gerade eingeworben. Die Strategie der Start-ups gleicht sich: Beide stellen sportliche und vernetzte E-Bikes her, denen der elektrische Antrieb nicht auf den ersten Blick anzusehen ist.

„E-Bikes haftete lange ein Rentnerimage an“, sagt Cowboy-Mitgründer Adrien Roose. „Wir sprechen auch jüngere Menschen an, die vorwiegend in der Stadt unterwegs sind.“ Vor knapp drei Jahren stellte das Start-up sein erstes Modell vor, das mit einem im Sitzrohr verborgenen Akku, integrierter Beleuchtung und GPS-Tracking für Aufsehen sorgte. Seit Juni gibt es die dritte Version mit einer besseren Ausstattung. Auch Vanmoof – als Hersteller für Fahrräder ohne Hilfsmotor gestartet – ist inzwischen bei der dritten Generation seiner E-Bikes angelangt.

Fiat-Erben setzen auf Mobilitätswende

Der Markt boomt – auch durch die Corona-Krise, in der viele Menschen das Fahrrad als Social-Distancing-kompatibles Fortbewegungsmittel entdecken. Cowboy gibt an, schon im vergangenen Jahr mehr als 5.000 Fahrräder verkauft zu haben und rechnet mit einer Verdreifachung in diesem Jahr. Vanmoof nennt keine Absatzzahlen, gibt aber an, 2019 einen Umsatz von 40 Millionen Euro erzielt zu haben. Das aktuelle Modell kostet knapp 2.000 Euro, was noch einmal günstiger als die 2.300 Euro ist, die der belgische Konkurrent aufruft.

Das starke Wachstum weckt auch das Interesse von Investoren, die mit dem Fahrradmarkt bisher wenig zu tun hatten: Lead-Investor der aktuellen Finanzierungsrunde von Cowboy ist der Frühphasen-Fonds von Exor. Die Investmentgesellschaft ist in der Hand der Erben von Fiat-Mitgründer Edoardo Agnelli und kontrolliert neben Fiat Chrysler auch Ferrari und den Nutzfahrzeug-Hersteller CNH Industrial. Mehr Fahrradwege und „andere umweltpolitische Maßnahmen“ würden die Mobilität in Städten verändern, kommentiert Noam Ohana, Geschäftsführer von Exor Seeds. „Hierbei spielt Cowboy unserer Meinung nach eine Schlüsselrolle.“

3.000 Kleininvestoren an Bord

Frisches Kapital hat Cowboy außerdem von den in London ansässigen VC-Firmen Isomer Capital, Future Positive Capital und Index Ventures sowie Hardware Club mit Niederlassung in Paris bekommen. Ein Teil der Investoren zählte schon vorher zum Gesellschafterkreis. Das Brüsseler Start-up hatte Anfang des Jahres zudem Geld bei mehr als 3.000 Kleininvestoren eingeworben. Insgesamt 4,5 Millionen Euro brachte die Kampagne auf der britischen Crowdfunding-Plattform Crowdcube ein.

Cowboy-Chef Roose, der mit seinen Mitgründern zuvor einen Essenslieferdienst aufgebaut hatte, will nun das Wachstum ankurbeln. So sollen in den kommenden sechs Monaten 30 neue Mitarbeiter eingestellt werden – aktuell beschäftigt das Start-up 55 Menschen. In Planung seien zudem neue Modelle. „Für uns stand im Fokus, erst einmal die ursprüngliche Geometrie zu optimieren“, sagt Roose. „Hinzu kommen wird beispielsweise eine Rahmenform, die stärker auf Komfort ausgelegt ist.“ Auch mit Cargo-Bikes beschäftige man sich.

Expansion über Pop-up-Shops

Ausgebaut werden soll auch das Vertriebs- und Servicenetz. Zwar ist die Webseite der wichtigste Verkaufskanal. Um Probefahrten zu ermöglichen, beschäftigt Cowboy aber Freiberufler, die Interessierten ein E-Bike vorbeibringen. Nach demselben Muster funktioniert der mobile Werkstattservice.

Bislang ist das Start-up so in 70 europäischen Städten vertreten. Eine große Rolle spielt dabei Deutschland, wo Cowboy nach Angaben des Gründers etwa 40 Prozent seiner Umsätze erwirtschaftet. In Belgien experimentiert das Unternehmen außerdem mit Pop-up-Shops. In dem Bereich gibt Vanmoof das Tempo vor: In 18 Städten unterhalten die Niederländer bereits solche temporären Geschäfte. Hinzu kommen sieben feste Flagship-Stores, darunter auch in den USA und Asien.

Unter Druck geraten durch die schnelle Expansion der beiden wagniskapitalfinanzierten Start-ups nicht nur etablierte Fahrradmarken, sondern auch kleinere Konkurrenten. So ist TV-Moderator Joko Winterscheidt am E-Bike-Hersteller Sushi beteiligt. Schon etwas länger auf dem Markt ist etwa Coboc aus Heidelberg – das Start-up hat aber bislang keine VC-Firmen an Bord und setzt beim Vertrieb seiner teils sehr hochpreisigen E-Bikes vor allem auf den Fachhandel.