Das spanische KI-Start-up Citibeats will Geldinstitute in Deutschland überzeugen. Die Software ist bereits weltweit in Ministerien im Einsatz.

Wenn die Software von Citibeats in Japan zum Einsatz kommt, geht es um schnelle Hilfe in Notlagen: Das Start-up aus Barcelona analysiert Beiträge auf Social-Media-Plattformen, um bei Naturkatastrophen etwa beschädigte Straßen zu lokalisieren. Die Auswertung der Textdaten aus dem Netz geht in diesem Fall an das japanische Infrastrukturministerium – als Grundlage für wirtschaftliche und politische Entscheidungen. In Deutschland dagegen hat die 2015 gegründete Firma andere Pläne.

Gründer und Geschäftsführer Ivan Caballero hat hierzulande den Finanzsektor im Visier. In den kommenden Monaten will er deutsche Banken von seiner Software überzeugen – und zwar zunächst den Kundenservice: Citibeats greift etwa auf interne Telefonprotokolle zurück, um Hinweise auf mögliche Verbesserungen zu liefern. Wie können die Geldinstitute schneller und gezielter auf Anfragen reagieren? Worauf beziehen sich die häufigsten Beschwerden? Das Start-up führe bereits erste Gespräche mit einigen Branchengrößen, sagt Caballero zu WirtschaftsWoche Gründer. Ein Proof of Concept werde in den kommenden Wochen erreicht.

Ethische Standards setzen

Über Kundenservice und Katastrophenhilfe hinaus bearbeitet Citibeats weitere Themenfelder, die für Stadtverwaltungen sowie Unternehmen interessant sein können: Die Beobachtung Sozialer Netzwerke soll beispielsweise dabei helfen, gegen Hassrede vorzugehen, benachteiligte Gesellschaftsgruppen zu schützen und öffentliche Workshops gegen Diskriminierung aufzusetzen. Rückschlüsse auf einzelne Nutzer seien aufgrund der Anonymisierung nicht möglich, verspricht der Firmengründer.

Die Methodik hat Citibeats mit einer EU-Förderung in Höhe von einer Million Euro entwickelt. Grundlage für die Analyse sind verschiedene Formen von Textdateien: aus dem Internet und Sozialen Medien sowie Mails und Protokolle von Chatbots oder aus Telefongesprächen. 

Bei den sensiblen Anwendungsfeldern mit personenbezogenen Daten will Caballero ethische Standards setzen. „Basisanforderung auf dem europäischen Markt ist, mit der Datenschutz-Grundverordnung übereinzustimmen. Wir wollen aber darüber hinausgehen: Unsere Software soll in jedem Fall das Leben jedes Bürgers verbessern“, sagt Caballero. Eine Jury der Vereinten Nationen bescheinigte dem Start-up im vergangenen Jahr mit dem World Summit Award einen Beitrag zu den globalen Nachhaltigkeitszielen. Überzeugen ließen sich unter anderem auch die Stadt Dublin, außerdem gehören zu den Unternehmenskunden die Beratungsfirma Accenture sowie der spanische Telekom-Riese Telefónica.

Der Markteintritt in Deutschland ist nur eines von mehreren Projekten, die der Gründer nun vorantreiben will. In Europa stehen auch die Schweiz und Belgien im Fokus, außerdem zieht es Citibeats nach Lateinamerika. Das Team soll innerhalb weniger Monate von derzeit 14 auf 22 Mitarbeiter wachsen, so der Geschäftsführer. Das nötige Kapital kommt von einer Gruppe internationaler Investoren, die in einer aktuellen Seed-Finanzierungsrunde 1,5 Millionen Euro zur Verfügung stellen – angeführt von Telefónicas Start-up-Einheit Wayra.

Netzwerker aus Bayern unterstützen

Mit Kontakten in die Frankfurter Bankenwelt soll H&S Investment aus der Nähe von Bielefeld dienen. „Weil es keine KI-Plattform gibt, die schneller in Betrieb genommen werden kann, glauben wir an beschleunigtes Wachstum in den nächsten Jahren“, lässt sich der Geschäftsführer von H&S Investment, Martin Heubeck, in einer Pressemitteilung zitieren. Neue Projekte – auch in verschiedenen Sprachen – lassen sich laut dem Citibeats-Gründer schnell realisieren, weil die Software lernt, sich selbst ein Wörterbuch anzulegen. Konkurrierende Anbieter hätten den Nachteil, erst mit viel Aufwand Datenbanken anlegen zu müssen, um die Software zu trainieren, so Caballero.

Verbindungen zu dem deutschen Investor kamen über den Business Angel Euro Club sowie das Nürnberger Investoren-Netzwerk von BayStartUP zustande. Das IESE Business Angels Netzwerk gehört ebenfalls zu den Kapitalgebern und steuerte in einer früheren Runde bereits 350.000 Euro bei. Beim Wachstum in Lateinamerika sollen die spanische Bankinter sowie das IDB Lab helfen, Innovationseinheit der Interamerikanischen Entwicklungsbank IDB. An der aktuellen Finanzierungsrunde beteiligt sich zudem das spanische IT-Beratungsunternehmen Everis, das zur NTT Data Group aus Japan gehört.