Mehr Fahrzeuge, mehr Anbieter: Der Carsharing-Markt wächst. Und doch müssen Start-ups immer wieder zurückstecken. Eine Studie zeigt nun, warum so viele Dienste scheitern.

Die Carsharing-Branche schaltet hoch – zumindest, wenn es um die Zahl von Anbietern und Fahrzeugen geht. Anfang 2020 fuhren nach aktuellen Erhebungen des Bundesverbands Carsharing 25.400 Autos zum kurzfristigen Ausleihen über deutsche Straßen, ein Plus von etwa 25 Prozent. Insgesamt waren 226 Anbieter aktiv, 45 mehr als Anfang 2019. Dennoch ist das Geschäft keineswegs eine Kaffeefahrt: Als das in Luxemburg ansässige Carsharing-Start-up Oply vor wenigen Tagen das Ende seines Deutschland-Geschäft auf Grund einer fehlenden Finanzierung bekannt gab, war die Enttäuschung in der Szene groß. Wieder ein Unternehmen, das es trotz vielversprechender Aussichten – und eines nicht geringen Umfangs an eingesammeltem Wagniskapital – nicht geschafft hatte.

Die Geschichte von Oply ist kein Einzelfall. Carsharing-Start-ups kämpfen seit Jahren mit Problemen. Die Anbieter wurden als innovative Mobilitätslösung und Paradebeispiel für den Megatrend Share Economy gelobt. Die Nutzerzahlen stiegen: Fast 2,3 Millionen Menschen sind laut den  aktuellen Zahlen des Bundesverbands bei Carsharing-Diensten registriert. Und doch müssen immer wieder Anbieter ihre Fahrzeuge endgültig abstellen.

Geschäftsmodell mit Herausforderungen

Den Gründen dieses Scheiterns sind nun Mitarbeiter des Instituts für Marketing & Management der Universität Hohenheim in Stuttgart in Kooperation mit europäischen Forschungspartnern in einer aktuellen Studie nachgegangen. Das Ergebnis: „Die Einstellung der potenziellen Kunden gegenüber den Angeboten ist äußerst positiv, aber gleichzeitig werden sie nur wenig genutzt. Viele Anbieter kämpfen mit sinkenden Nutzerzahlen und selbst wenn diese stabil sind, arbeiten die Unternehmen nicht wirtschaftlich”, sagt Marion Büttgen vom Institut für Marketing & Management. „Das macht das gesamte Geschäftsmodell zu einer großen Herausforderung – für alle Anbieter.“

Als Grund sehen die Autoren der Studie die Tatsache, dass viele Angebote nicht zu den tatsächlichen Mobilitätsbedürfnissen der angesprochenen Zielgruppe passen. „Wirklich überzeugt waren unsere Probanden nur von elektrobetriebenen Fahrzeugen. Außerdem klar im Vorteil waren Angebote, die dem sogenannten Free-Floating-Konzept folgen”, so Marion Büttgen. Bei diesem Modell können Fahrzeuge an jedem beliebigen Ort im Geschäftsgebiet abgeholt und abgestellt werden, ohne an feste Stationen gebunden zu sein. Diesem Wunsch der Kunden kommt laut Bundesverband Carsharing allerdings nur eine Minderheit der Anbieter, etwa das von Seriengründer Lukasz Gadowski unterstützte Start-up Miles Mobility, nach.

Geringe Chancen für Anbieter

„Das Free-Floating-Konzept alleine reicht nicht aus“, sagt Marion Büttgen, „erwartet wird ein Full-Service-Angebot, ohne eigenständiges Tanken oder Reinigen, wie es bei einzelnen Angeboten auf dem Markt der Fall ist.“ Ebenfalls relevant sei die Art des Preismodells – hier bevorzugten die Nutzer eine Mischung aus einer Basisgebühr und aus einer (reduzierten) nutzungsabhängigen Gebühr. Weniger wichtig hingegen sei, ob es sich um einen privaten oder kommunalen Anbieter handelt. Auch die Vielfalt an verfügbaren Automodellen spiele keine Rolle.

Marion Büttgen sieht die Zukunft der Carsharing-Start-ups alles in allem skeptisch. Eine Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearny, die im August 2019 erschien, geht noch einen Schritt weiter: Carsharing sei ein Nischengeschäft, heißt es darin, ein „Geschäftsmodell mit rasierklingendünnen Margen“. A.T. Kearny betont, dass sich die Angebote in den allermeisten Städten Deutschlands nicht rechnen, weil es in den meisten Kommunen an der notwendigen Bevölkerungsdichte von mindestens 3.000 Personen pro Quadratkilometer fehle. Nur fünf Prozent aller Nutzer kämen mit dem Angebot überhaupt in Berührung. Noch mühen sich die Anbieter, die Balance zwischen profitablen Märkten und mager genutzten Gebieten zu schaffen: Die Zahl der abgedeckten Städte in Deutschland liegt aktuell bei 840 – das sind 100 mehr als noch im Vorjahr.

Bedarf an individueller Mobilität wird nicht gedeckt

Auch die Chancen von Diensten, die auf der Teilung privater PKWs basieren, wie etwa Drivyy, das im April des vergangenen Jahres vom Konkurrenten Getaround übernommen wurde, beurteilt die Expertin als gering. Zwar bestehe der Vorteil der sogenannten Peer-to-Peer-Modelle in einem niedrigeren Kapitaleinsatz der Plattformbetreiber, ähnlich wie bei Airbnb. Doch sei eine große Zahl potenziell nutzbarer Fahrzeuge nötig, um flexibel und flächendeckend betrieben werden zu können. „Außerdem ist der Koordinationsaufwand größer und der Zugang zu den Fahrzeugen muss bei jedem Anbieter individuell (technisch) sichergestellt werden“, sagt Büttgen. Darum fällt das Urteil der Expertin auch für Carsharer auf diesem Sektor eher nüchtern aus: „Unterm Strich stellen sie aus meiner Sicht kein Angebotsmodell dar, das kurz- bis mittelfristig in großem Umfang den Bedarf an individueller Mobilität decken wird.“