Die Baubranche boomt – und verliert doch noch viel Zeit durch Zettel und Stift. Das Münchener Start-up digitalisiert den Austausch auf Baustellen. Auch andere Tech-Firmen buhlen um Immobilienentwickler.

172 Meter ragt der Grand Tower in Frankfurt auf – in diesem Jahr soll das Gebäude als höchstes Wohnhaus Deutschlands einzugsbereit sein. Bei den Bauarbeiten im Gallusviertel half die Software eines Münchener Start-ups: Capmo bezeichnet sich selbst als „Bau-Betriebssystem“. In der Praxis soll die Software die tägliche Arbeit auf der Baustelle erleichtern.

Statt mit Zettel und Stift können Bauleiter Zwischenschritte und Abläufe digital auf dem Smartphone dokumentieren und kontrollieren. Das soll zum einen Zeit sparen. Zum anderen will Capmo aus den gewonnen Daten auch Erkenntnisse generieren: Bei welchem Bauabschnitt hakt es besonders häufig? Und warum? Man wolle vom „Bauchgefühl zur Datengetriebenheit auf der Baustelle“, sagt Mitgründer Florian Biller.

Baubranche ächzt unter dem Boom

Das erst 2018 gegründete Start-up zählt dabei nach eigenen Angaben schon „mehrere hundert Kunden“ im deutschsprachigen Raum. Investoren legen nun das Fundament für die Expansion in weitere Länder: Das Start-up hat jüngst eine Finanzierungsrunde über fünf Millionen Euro abgeschlossen. Neu dabei ist die Risikokapitalgesellschaft Capnamic, vorherige Geldgeber wie UVC Partners und HW Capital ziehen mit.

Die ausgelastete und überlastete Baubranche sucht verzweifelt nach Möglichkeiten, die Effizienz zu steigern. Und hat dabei durchaus Nachholbedarf: „Der Bau ist nach Jagen und Fischen der undigitalisierteste Industriezweig“, sagt Biller. Während sowohl bei der Planung als auch beim Betrieb von Immobilien bereits weitgehend Software weiterhilft, ist die tatsächlich Bauphase noch zu großen Teilen analog. Software wie Capmo habe das „Potential, Projekte in der Bauindustrie planbar, kostensparend und mit hoher Qualität umzusetzen“, sagt Ingo Potthoff von Investor UVC Partner.

Start-ups digitalisieren rund um die Baustelle

Diese Entwicklungen schaffen Raum für die Wachstumsphantasieren von zahlreichen Start-ups. Building Radar hilft Baufirmen bei der systematischen Suche nach passenden Projekte. Corrux vernetzt den Fuhrpark auf einer Baustelle, um Bagger und Zementmischer klüger einzuseten. Planradar aus Wien bietet die Möglichkeit, Baumängel digital zu dokumentieren und ist mit seinen Funktionen nah dran an dem Konzept von Capmo.

Doch das frisch finanzierte Münchener Start-up fürchtet sich nicht vor Konkurrenz  – schon gar nicht vor etablierten Anbietern, die vor allem auf Desktop-Anwendungen setzen. „Heute ist viel veraltete Software auf dem Markt“, sagt Biller. Capmo selbst solle sich in den nächsten Jahren noch weiter zu einem zentralen Betriebssystem für die Bauphase entwickeln. Das aktuell 25-köpfige Team soll dafür vergrößert werden.

Sorge vor einem möglichen Abschwung hat das Start-up dabei nicht. Zum einen ist ein Ende des Baubooms dank niedriger Zinsen erst einmal nicht abzusehen. Zum anderen sieht sich Bau-Beschleuniger Capmo auch in problematischeren Konjunkturphasen als passender Helfer: „Wenn es schlecht läuft, schauen die Unternehmen besonders auf ihre Margen – und wollen ihre Effizienz steigern“, sagt Biller.