Steigende Werbeerlöse locken Gruner + Jahr und die Schweizer Post. Das Züricher Start-up will nun den internationalen Vertrieb ausbauen.

20 Mitarbeiter, Büros in Zürich und Berlin – und große Wachstumspläne: Dass aus ihrem Nebenprojekt einmal ein dynamisches Tech-Unternehmen werden würde, hätten sich Marco Cerqui und Sandro Strebel vor sieben Jahren nicht träumen lassen. Die IT-Berater programmierten damals mit „Bring!“ eine App, die den klassischen Einkaufszettel auf Papier ersetzen sollte. „Wir haben das erst einmal für uns selbst entwickelt, ohne einen Business-Plan im Hintergrund“, sagt Cerqui, der heute Chef des daraus entstandenen Start-ups Bring Labs ist.

So simpel die Idee war, so schnell hat sie auch andere überzeugt. Mehrere Millionen Menschen nutzen die Smartphone-Software inzwischen, die Bewertungen in den App-Stores von Google und Apple sind fast durchweg positiv. Ein „Killerfeature“, das bei ähnlichen Apps lange nicht zu finden war: Bei Bring können Nutzer ihre Einkaufsliste unkompliziert mit anderen teilen – etwa dem Partner, Mitbewohnern oder Kollegen. Änderungen werden über die Cloud sofort auf allen Geräten synchronisiert.

Für den Zustrom der vergangenen Jahre mutmaßlich genauso wichtig ist das Erlösmodell des Start-ups. Denn für die Nutzer ist die App komplett kostenlos. Zwar experimentierten die Gründer anfangs mit Bezahlmodellen. „Wir haben dann aber die Chance gesehen, mit einer Gratis-Variante sehr viel schneller zu wachsen“, sagt Cerqui. Die Idee: Mit vielen Nutzern ließen sich vielleicht Werbekunden gewinnen – und Wagniskapitalgeber finden, um die steigenden Kosten zu decken.

Sieben Millionen Euro von Wagniskapitalgebern

Der Plan ist aufgegangen: Nachdem das Start-up vor zwei Jahren bereits institutionelle Investoren von sich überzeugen konnte, steigt die Gesamtfinanzierung mit einer neuen, vier Millionen Euro schweren Runde nun auf sieben Millionen Euro. Zu den Neugesellschaftern gehört mit G+J Digital Ventures auch ein Geldgeber aus Deutschland. Die App treffen „nicht nur einen Nerv bei den Verbrauchern, sondern gibt auch Unternehmen ganz neue Möglichkeiten, Kunden anzusprechen“, sagt Beate Koch, Geschäftsführerin beim Wagniskapitalarm des Hamburger Medienhauses.

Neu beteiligt haben sich zudem das Investmentunternehmen Wingman Ventures, Dominique Locher, Ex-Chef des Schweizer Online-Lebensmittelhändlers Leshop, und die Schweizerische Post. Mit der arbeitet Bring Labs bereits zusammen: In der App sind digitale Werbeprospekte eingebunden, die in der Schweiz die Post-Tochter Profital beisteuert. In Deutschland arbeitet Bring dagegen mit Offerista zusammen. Das Modell ist dasselbe: Pro Klick auf die Angebote bekommt das Start-up eine Vergütung.

Haupteinnahmequelle von Bring Labs sind aber gesponsorte Vorschläge beim Anlegen einer Einkaufsliste. So kann es sein, dass bei der Suche nach „Pizza“ das Fertigprodukt eines bestimmten Herstellers angezeigt wird. Diese Form der Werbung sei sehr effizient, sagt Cerqui: „Nachweislich werden Kaufentscheidungen zu einem guten Teil schon der Planung gefällt.“ Eine dritte Werbemöglichkeit für Unternehmen sind Banner zwischen Rezeptvorschlägen, von denen das Start-up mehr und mehr in seine App aufnimmt. Aktuelle Werbekunden in Deutschland sind Marken wie Arla Milka und Kerrygold sowie der Discounter Aldi.

Werbung im Tausch gegen Updates

Das frische Kapital soll nun unter anderem in den Ausbau des internationalen Geschäfts fließen. Die App selbst gibt es zwar schon in vielen Sprachen, vertriebsseitig lag der Fokus aber bisher auf der Schweiz und Deutschland. Beschleunigt werde soll nun der Markteintritt in Frankreich und Italien, teilte das Start-up mit. Geplant seien auch neue Werbeformen.

Bisher scheinen sich die Nutzer an der vergleichsweise unaufdringlichen Werbung wenig zu stören – sie werden im Gegenzug kontinuierlich mit Updates versorgt. So hat Bring Labs seine Algorithmen so optimiert, dass dem Nutzer Artikel, die regelmäßig auf der Einkaufsliste zeigen, weit oben vorgeschlagen werden. Zudem versucht die Software abzuschätzen, was noch zu Hause vorrätig ist und welche Produkte nachgekauft werden sollten. Neben den Smartphone-Apps gibt es inzwischen auch Versionen für Smartpwatches und den Desktop-Browser. Artikel können zudem mit Amazons Sprachassistentin Alexa hinzugefügt werden.

„Für Nutzer wollen wir ein unverzichtbarer Einkaufsbegleiter sein“, sagt Cerqui. Den Fokus legt das Start-up dabei zwar auf den stationären Handel. Der gerade in der Corona-Krise wachsenden Bedeutung von Lebensmittel-Lieferdiensten will Bring Labs aber auch Rechnung tragen. Seit gut einem Jahr gibt es bereits eine Integration zur Edeka-Tochter Bringmeister, die in Berlin, München und Potsdam aktiv ist.