Statt in den Abfall wandern aussortierte Produkte in die Hände von Start-ups und erwachen dort zu neuem Leben. Ein Trend, der bei den Kunden ankommt.

Mehr als 20 Jahre lang haben sie treu ihren Dienst verrichtet. Kilometer um Kilometer hinter sich gebracht, schwer getragen – Säfte, Duty-Free-Produkte und Tabletts – und nun werden sie in Rente geschickt. Und das nur, weil sie zu schwer sind. Ein Glück für Marcus Schäfer, 41, und Adnan Bikliqi, 42. Als die Lufthansa beschloss, ihre alten, knapp 19 Kilogramm wiegenden Servierwagen gegen neue, rund sechs Kilo leichtere Modelle zu tauschen, schlug ihre Stunde.

Die beiden Gründer, die sich noch aus Schulzeiten kennen, erfuhren im Mai vergangenen Jahres von der Ausmusterung der Trolleys. „Mir war sofort klar, dass man daraus etwas machen kann“, sagt Marcus Schäfer. Er wendet sich an seinen Jugendfreund Adnan Bikliqi, der bereits Erfahrung im E-Commerce-Bereich hat, und gemeinsam entwickeln sie die Idee zu ihrem Start-up Airbar: Die alten Trolleys sollen in einer neuen Umgebung groß rauskommen – als Bar im Wohnzimmer, als Kosmetikschränckchen im Bad, als Aktenschrank im Büro.

Das Grundkonzept steht und die Lufthansa ist bereit, die Trolleys an das Start-up zu verkaufen. Nun muss nur noch das passende Design her. Sie wenden sich an das Management von Designer und Vox-Moderator Guido Maria Kretschmer, der, so Schäfer, gleich begeistert von der Idee war. Ihm gefällt die Tatsache, einem eigentlich ausgemusterten Gegenstand wieder Leben einzuhauchen – in einem schicken neuen Gewand versteht sich. Upcycling nennt sich dieser Vorgang. Der Trend aus Altem Neues zu machen, statt es wie sonst üblich zu entsorgen, ist in Deutschland seit einigen Jahren sehr beliebt.

Eine im August 2014 von Forsa durchgeführte Umfrage im Auftrag des Ökostrom-Anbieters NaturEnergiePlus hat ergeben, dass mehr als drei Viertel der Befragten bereits Upcycling-Produkte gekauft haben oder sich vorstellen können, es zu tun. Dabei spielen Umwelt- und Ressourcenschonung ebenso eine Rolle wie der Wunsch, mit dem upgecycelten Produkt etwas ganz Individuelles, jenseits der Massenware, zu besitzen.

„Die Trolleys haben Kanten und Macken, sie waren schon in Shanghai und in Rio und haben ein langes Leben hinter sich. Gerade das macht sie so charmant. Wir kämen nie auf die Idee, diese Macken zu beseitigen“, sagt Adnan Bikliqi. Zwischen 800 und knapp 1800 Euro kostet ein Trolley. „Dafür bekommen die Käufer nicht nur ein Design-Stück, sondern auch eines, das nachhaltig produziert wurde“, sagt Schäfer. Er und Adnan Bikliq achten bei der Aufarbeitung darauf, dass die Umwelt geschont wird. Sie benutzen umweltfreundliche Farben und Klebstoffe und anstatt mit Wasser werden die Trolleys mit Glasperlen abgestrahlt. „Darauf legen die Kunden wert.“

Das glaubt auch Stanislaus Teichmann. Zwar seien nach wie vor Design und Aussehen das Wichtigste, aber das Interesse an der Art der Herstellung steige immer mehr. Teichmann ist Gründer des Online-Shops Upcycling Deluxe, in dem er zusammen mit seinem Geschäftspartner Eric Pieper Produkte aus aller Welt verkauft. „In diesem Bereich entwickelt sich immer mehr, nicht nur hier in Deutschland, sondern auch international, in den USA, in Kanada und Australien. Das ganze ist kein kurzlebiger Trend, er wird sich halten, auch weil er muss. Die Ressourcen gehen aus, Upcycling ist quasi eine Notwendigkeit.“

Teichmann und Pieper begannen mit einem Stand auf dem Mauerpark-Flohmarkt in Berlin, nahmen gleich am ersten Tag 600 Euro ein und vergrößerten ihr Geschäft beständig. 2013 eröffneten sie einen Laden in der bekannten Kastanienallee im Prenzlauer Berg und nur ein paar Monate später kam ihr Online-Shop hinzu, in dem es heute rund 1500 Produkte zu kaufen gibt. Von Hüten, die zuvor alte Kaffeesäcke waren, über Postkarten, die aus Elefantendung hergestellt wurden, bis hin zu Taschen aus wiederverwertetem Gummituch.

Jeden Tag bekommt Teichmann drei bis vier Mails, in denen ihm neue Produkte angeboten werden. 50 Prozent kommen aus europäischen Upcycling-Manufakturen, aber auch soziale Kooperativen und Familienbetriebe aus Südamerika, Afrika und Asien sind im Online-Shop zu finden. „Wir nehmen aber längst nicht alles in unser Angebot auf. Die Materialien müssen stimmen, die Herstellung muss fair sein und natürlich muss das Produkt auch wirklich neu und ausgefallen sein.“

Stanislaus Teichmann und Eric Pieper haben mit ihrer Idee einen Nerv getroffen. Das Unternehmen wächst stetig: „Im letzten Jahr konnten wir unseren Umsatz verdoppeln, wir haben sieben feste und Dutzende von freien Mitarbeitern, die uns beim Verkauf auf Events und Märkten unterstützen.“

Woher rührt die große Begeisterung für Upcycling?„Deutschland ist eine postmaterialistische Gesellschaft. Purer Konsum als Statussymbol hat hierzulande für sehr viele Menschen nichts mehr an sich“, sagt der Wirtschaftspsychologe Florian Becker. „Die Zeiten, in denen bei uns klassische Statussymbole eine hohe Wichtigkeit hatten, sind weitgehend vorüber. Zu viele haben ein schnelles Auto, ein modernes Smartphone, einen großen Fernseher – damit kann man sich nicht mehr hervortun. Wer allerdings sagt, das habe ich gar nicht mehr nötig, ich stehe über der Konsumgesellschaft, kaufe lieber etwas Altes und tue damit auch noch Gutes, der kann sich psychologisch positiv von anderen abgrenzen und moralisch überlegen fühlen.“

Das glauben auch Marcus Schäfer und Adnan Bikliqi. Die beiden Gründer haben Trolleys im Design des bekannten amerikanischen Künstlers James Rizzi auf den Markt gebracht und basteln zurzeit an ihrem nächsten Stück: In Zusammenarbeit mit Studenten der FH Bielefeld entwickelten sie einen mobilen Zapftrolley mit einem integrierten Literfass Bier, die Brauerei Veltins steht beratend zur Seite. In rund drei Monaten soll das neue Produkt erhältlich sein.

Auch Stanislaus Teichmann und Eric Pieper wollen ihr Unternehmen vergrößern, gerne auf den amerikanischen Markt vorstoßen. Gespräche mit Business Angels gibt es bereits. Dass zurzeit immer mehr Upcycling-Unternehmen entstehen, sieht Teichmann nicht als Problem – im Gegenteil: „Das ist keine Konkurrenz, denn jeder neue Laden, jedes neue Produkt, jedes neue Unternehmen lenkt die Aufmerksamkeit auf das Thema und somit auch auf uns.“