Die Wagniskapitalfirma von Skype-Gründer Niklas Zennström schließt ihren jüngsten Fonds, von dem auch deutsche Start-ups bereits profitieren.  

Der in London ansässige Wagniskapitalgeber Atomico hat einen neuen Investmentfonds mit einem Volumen von 820 Millionen Dollar – knapp 760 Millionen Euro – abgeschlossen. Das Geld soll bis auf wenige Ausnahmen in europäische Start-ups investiert werden. Beteiligt an dem Fonds sind unter anderem Pensions-, Dach- und Staatsfonds sowie Versicherungsunternehmen, Banken, Stiftungen und Family Offices, teilte Atomico heute mit. Eine namentliche List der Geldgeber veröffentlicht das Unternehmen indes nicht.

Initiiert worden war Atomico 2006 von Skype-Gründer Niklas Zennström mit dem erklärten Ziel, ein Gegengewicht zu US-Investoren aufzubauen und zu besseren Finanzierungsbedingungen für europäische Start-ups beizutragen. Seither hat Atomico in nunmehr fünf Fonds zusammen 2,7 Milliarden Dollar eingesammelt. Auch der vierte Fonds, der 2017 geschlossen worden war, hatte bereits ein Volumen von 765 Millionen Dollar. Zennströms VC-Firma ist damit einer der größten Start-up-Financiers überhaupt in Europa.

Zuletzt hatten indes auch andere Branchengrößen neue Geldtöpfe aufgestellt. Mehr als 650 Millionen Euro hatte etwa Lakestar für einen europäischen Fonds bereits im Sommer in der Kasse. Ein Zielvolumen von 500 Millionen Euro hat ein im November aufgelegter Fonds des europäischen Frühphaseninverstors Northzone. „Dass sich mehr und mehr Wagniskapitalgeber auf Europa konzentrieren, ist ein Zeichen für die wachsende Zahl großartiger Start-ups hier“, sagt Atomico-Partner Siraj Khaliq. Damit stiegen die Chancen, dass junge Unternehmen in allen Phasen passende Geldgeber finden.

Einstieg ab Series-A-Runde

Atomico legt den Fokus auf Start-ups, die bereits erste Investoren von sich überzeugt haben und nun in einer sogenannten Series-A-Runde einen einstelligen oder niedrigen zweistelligen Millionenbetrag einsammeln. Mittel aus dem Fonds sollen laut der Mitteilung aber auch für  spätere, noch größere Runden (Series B und C) genutzt werden. Atomico beansprucht dabei für sich, mit einem besonders erfahrenen Team aufzuwarten. Viele der 60 Mitarbeiter sind vormals selbst Gründer oder Führungskräfte bei Technologieunternehmen gewesen. Khaliq beispielsweise hatte das Digital-Farming-Start-up The Climate Corporation gegründet. Das Unternehmen, an dem auch Atomico beteiligt war, wurde 2013 an die heutige Bayer-Tochter Monsanto verkauft.

Aus dem neuen Fonds hat Atomico bereits neun Investments getätigt – darunter sind auch drei deutsche Start-ups. So war der Wagniskapitalgeber Lead-Investor bei einer 54 Millionen Euro schweren Finanzierungsrunde der Würzburger Lieferantenplattform Scoutbee. Dasselbe gilt bei der jüngsten Finanzierungsrunde von Infarm, die dem Indoor-Farming-Start-up 88 Millionen Euro einbrachte. Das Trio komplettiert Automation Hero – ein amerikanisch-deutsches Start-up, das einen digitalen Assistenten für Vertriebsteams entwickelt.

„Wir sehen besonders im B2B-Bereich große Chancen für deutsche Gründer“, sagt Atomico-Partner Siraj Kahliq. Ein großer Vorteil sei die Nähe zu großen Industrieunternehmen – etwa aus der Automobilbranche. Das Geschäft mit Unternehmenskunden biete viele Möglichkeiten für technologiegetriebene Start-ups: „Interessant waren zuletzt vor allem Innovationen, die sich um die Zukunft der Arbeit, um IT-Sicherheit und Datenschutz sowie um neue Technologien für die Produktion drehen.“

Breiter Investment-Ansatz

Grundsätzlich beschränkt sich Atomico aber nicht auf das B2B-Geschäft. Vielmehr verfolgt die VC-Firma einen sehr breiten Investment-Ansatz. Zuletzt standen etwa Beteiligungen an digitalen Marktplätzen, die sich direkt an Endverbraucher wenden, hoch im Kurs. Atomico sucht zudem mit einem speziellen Team, zu dem auch Kahliq gehört, nach Start-ups, die besonders bahnbrechende Technologien vorantreiben. Dafür nimmt der Investor auch in Kauf, dass es noch Jahre bis zu ersten Umsätzen dauern kann. In diese Kategorie fällt etwa das Münchener Flugtaxi-Start-up Lilium, an dem sich Atomico 2017 beteiligte.

Unabhängig von der Branche achtet Atomico abseits harter Kennzahlen stark auf vermeintlich weiche Faktoren. So verlangt der Wagniskapitalgeber von den Start-ups schon länger Strategien, um Inklusion und Vielfalt im Unternehmen zu fördern. Kürzlich kam ein „Programm für bewusstes Wachstum“ hinzu: In Workshops sollen Gründer sich damit auseinandersetzen, welche Auswirkungen ihre Geschäfte auf Umwelt und Gesellschaft haben. „Das ist mehr als eine Formalie“, sagt Khaliq. „Es ist wichtig, sich früh über langfristige Risiken klar zu werden.“

In eine ähnliche Richtung zielt eine Initiative deutscher Frühphaseninvestoren: 20 VC-Firmen um Early Bird hatten im Januar bekanntgegeben, nur noch in Start-ups investieren zu wollen, die sich zu einer Klimaneutralität verpflichten. Sie sollen dazu ihre Emissionen messen, reduzieren – und durch Investitionen in Klimaprojekte ausgleichen.