In der Corona-Krise ist die Software für Videosprechstunden extrem gefragt – doch der wachsende Markt ist stark umkämpft.

Sind es 45, 60 oder doch 85 Prozent? Auf dem Whiteboard im Büro haben Peter Zeggel und seine Mitarbeiter ganz unterschiedliche Tipps abgegeben – und hoffen doch alle, dass die Optimisten am Ende recht haben. Die große Frage zu der Wette: Wie viele der aktuellen Gratis-Nutzer werden mit Ende des Probezeitraums im September zu zahlenden Kunden? „Davon hängt entscheidend ab, wie wir uns weiterentwickeln können“, sagt der Geschäftsführer von Arztkonsultation ak.

Um das Wachstum während der Corona-Krise anzukurbeln, bietet das Schweriner Start-up seine Software für Videosprechstunden seit zwei Monaten kostenlos an. Der Zuspruch ist riesig: Zählten Arztkonsultation.de und der Ableger Videosprechstunde.digital Anfang März erst knapp hundert Mediziner als Kunden, sind in der Krise 8.600 Nutzer hinzugekommen. Der Treiber: Zum eigenen Schutz und dem der Patienten sind viele Ärzte, Psychotherapeuten und Kliniken bemüht, volle Wartezimmer zu vermeiden – und erproben nun oft erstmals digitale Formate.

Der regulatorische Rahmen dafür stand bereits vor der Krise: Vor zwei Jahren hatte der Deutsche Ärztetag das sogenannte Fernbehandlungsverbot gekippt, die Landesärztekammern in fast allen Bundesländern haben seither ihre Berufsordnungen aktualisiert. Seit der Corona-Krise gibt es zusätzliche Lockerungen und Sonderregelungen – etwa bei der Abrechnung der Leistungen gegenüber den gesetzlichen Krankenkassen. „Viele Ärzte erkennen nun, dass das Format der Videosprechstunde gut funktioniert und fragen sich, warum sie das nicht vorher angeboten haben“, so die Beobachtung Zeggels.

Finanzspritze aus Mecklenburg-Vorpommern

Der Business Angel ist 2017 bei dem Schweriner Unternehmen, das ursprünglich als Dr. Roßbach, Mausch & Dr. Dangers GmbH firmierte, eingestiegen. Seither hat Zeggel das Start-up neu ausgerichtet und auch die Geschäftsführung übernommen. Wichtigster Mitgesellschafter ist nun die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern (MBMV), die sich Selbsthilfeeinrichtung für den Mittelstand in der Region versteht. Zu den Trägern gehören Banken, Sparkassen, Versicherer, Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern.

Gerade hat die MBMV ihre Beteiligung an Arztkonsultation AK auf eine Million Euro verdoppelt. „Damit können wir das laufende Geschäft sichern“, sagt Zeggel. „Mein Ziel ist es nun, ein Family Office oder eine Wagniskapitalfirma als Wachstumsinvestor zu gewinnen.“ Aktuell beschäftigt das Start-up 13 feste Mitarbeiter und mehrere Freiberufler.

Bisher richtet sich die Software vorwiegend an Ärzte oder Psychotherapeuten, die ihre bereits bekannten Patienten zusätzlich über den digitalen Kanal beraten wollen. Letztere bekommen dann vom Arzt per SMS oder E-Mail einen Link zu einem virtuellen Wartezimmer, das durch ein TAN-Verfahren abgesichert ist. Über den Internetbrowser am Laptop oder Smartphone wird dann der Videochat aufgebaut.

Einstieg ins Plattform-Geschäft

Künftig will Zeggel verstärkt auch Patienten ansprechen, die nach einem neuen Arzt suchen. Die Basis dafür soll die Online-Plattform Mentavio bilden, die bisher auf psychologische Beratungen und Therapien beschränkt ist. Arztkonsultation ak hatte das Berliner Start-up vor einem Monat übernommen – und im Gegenzug deren Gründer am eigenen Unternehmen beteiligt. Künftig, so der Plan, können über das Portal auch Haus- oder Fachärzte ihre Leistungen anbieten.

Mit dem Schritt würde Arztkonsultation ak zu großen Wettbewerbern aufschließen. So vermittelt bereits das zu Burda gehörende Ärzte-Portal Jameda Video-Sprechstunden – und wächst in der Krise weiter. Einen Ansturm verzeichneten auch Teleclinic aus München und das Portal Fernarzt. Neuerdings bietet zudem der Telemedizin-Pionier Zava, bei dem bisher Behandlungen per Fragebogen im Vordergrund standen, Videosprechstunden an. Zu den Konkurrenten gehört zudem Kry. Das schwedische Start-up hat Anfang des Jahres eine Finanzierungsrunde über 140 Millionen Euro bekannt gegeben und will seine Dienste in Deutschland künftig auch Kassenpatienten anbieten.

Zeggel ist optimistisch, sich mit seinem Start-up gegen die mächtige Konkurrenz durchsetzen zu können. „Technisch können wir locker mithalten“, sagt er. „Unsere große Stärke ist, dass wir als unabhängiger Anbieter sehr flexibel auf die Wünsche der Kunden eingehen können.“ Eine Feuerprobe war der plötzlicche Nutzer-Ansturm im März: Über Nacht wurde die Software ständig aktualisiert, das Start-up musste zudem seine Server-Kapazitäten stark ausbauen. Ob sich der Einsatz auch finanziell auszahlt, wird sich im Herbst zeigen.