Das Start-up will das Fließband aus Fabriken verbannen – und entwickelt eine modulare und mobile Produktionsplattform. Die ersten Konzerne testen die Lösung. Jetzt stellen Investoren 16 Millionen Euro bereit.

An den Details hat Fabian Rusitschka selbst lange getüftelt: Wie lassen sich die Arbeitsschritte entlang eines Fließbandes noch etwas besser optimieren, wo können neue Varianten in die exakt getaktete Schritt-für-Schritt-Produktion eingearbeitet werden. Bei Porsche und bei Audi tüftelte der Ingenieur an der Fertigung. Und erkannte irgendwann: „Die eigentlichen Leitplanken für die Linie sind sehr, sehr eng.“

Seit 2016 arbeitet Rusitschka nun daran, einen neuen Ansatz zu verankern: Sein Start-up Arculus entwickelt Hard- und Software, die den Produktionsprozess in einzelne kleine Schritte zerlegen soll. Das zu fertigende Teil – also etwa eine Autokarosserie – reist auf mobilen Plattformen durch eine Halle. Der Algorithmus berechnet, welche Station die nächste notwendige und logische Anlaufstelle ist. Sonderanfertigungen klappern mehr Ecken ab, Standardmodelle rauschen schneller durch die Linie. „Jedes Bauteil besucht so nur noch die Stationen, die es benötigt“, sagt Rusitschka.

Abschied von Fords Fließband

Bis zu 30 Prozent produktiver könnten Mitarbeiter so arbeiten, will das Start-up ausgerechnet haben. Das Problem: Seitdem Henry Ford im Jahr 1913 das Fließband in die Fabrik gebracht hat, haben viele Industriebetriebe weltweit ihre gesamten Abläufe und Lieferketten danach ausgerichtet. Wer davon abweichen will, muss Millionen investieren und Unsicherheiten riskieren. „Wir stellen ein 100-jähriges Produktionsprinzip in Frage“, weiß Rusitschka.

Die mobilen Plattformen rollen trotzdem schon durch einige Fabriken. Bei Rusitschkas altem Arbeitgeber Audi ist eine erste Anlage in Betrieb, bei dem Heizungsbauer Viessmann in Planung. Arculus will sich schrittweise vorarbeiten: Erste Versuche bei potenziellen Kunden laufen in der Vormontage an, wo beim Fahrzeug etwa Teile wie das Cockpit oder die Tür zusammengesetzt werden – noch nicht an der zentralen Produktionsstraße. „Wir operieren am Herzen der Produktion. Wenn unsere Systeme nicht funktionieren, dann hat das weitreichende Konsequenzen“, sagt Rusitschka.

16 Millionen für mehr Varianten in der Produktion

Zahlreiche Start-ups versuchen, mit einer Mischung aus Daten und Maschinen in der deutsche Produktionslandschaft zu punkten. Gerade die Autoindustrie ist offener für solche Experimente geworden. Zum einen steigt die Anzahl der Modellvarianten, weil viele Autokäufer ihr Fahrzeug individualisiert bestellen. Zum anderen ist der generelle Bedarf nicht mehr so gut auf Jahre im Voraus planbar. Je mehr Varianten, desto eher kann sich eine modulare Produktion lohnen. Gründer Rusitschka ist überzeugt, dass sich dieser Trend auch in weitere Sektoren vorarbeiten wird: „Überall steigt die Varianz und die Unsicherheit, wie das Konsumverhalten in der Zukunft aussieht.“

Für die weitere Entwicklung hat das Start-up jetzt 16 Millionen Euro Risikokapital erhalten. Angeführt wird die Runde von Atomico. Der Investor hatte im Februar seinen aktuellen Fonds geschlossen. Und im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer bereits angekündigt, in Deutschland nach Tech-Start-ups, gerne mit Bezug zur Autobranche, Ausschau zu halten. „Interessant waren zuletzt vor allem Innovationen, die sich um die Zukunft der Arbeit, um IT-Sicherheit und Datenschutz sowie um neue Technologien für die Produktion drehen“, sagte Atomico-Partner Siraj Kahliq damals. Kahliq wird nun auch Aufsichtsrat bei Arculus.

Zudem investieren der Visionaries Club und der Bestandsinvestor La Famiglia. Arculus habe bewusst auf Finanzinvestoren gesetzt und nicht auf strategische Partner aus der Industrie, so Rusitschka: „Die Neutralität der Risikokapitalgeber war für uns eine Motivation.“ In den nächsten Jahren soll sich das aktuell 45-köpfige Team am Standort mehr als verdoppeln. „Wir waren bislang sehr produktlastig“, sagt Rusitschka. Weil nun die ersten Anlagen stehen, werden auch die Bereiche Vertrieb, Service und Datenauswertung deutlich relevanter.