Neumacher-Siegerin Anna Rojahn ist als Frau eine Seltenheit in der Start-up-Szene. Im Gründertagebuch berichtet sie, wie es ist, wenn der Exotenbonus wegfällt.

Anna Rojahn hat mit ihrem Start-up Fast Forward Imaging eine Technologie entwickelt, mit der  Gegenstände vor verschiedenfarbigen Hintergründen fotografiert werden. Kurz darauf erscheint ein Bild des Produkts, das automatisch vom Hintergrund freigestellt wird und sich per Klick um die eigene Achse drehen lässt – besonders für Online-Shops ist das interessant.

Mit der Idee überzeugt Gründerin Anna Rojahn Kunden, Investoren und die Jury des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs Neumacher, den sie im Herbst 2014 gewann. Inzwischen haben die Berliner verschiedene Varianten ihrer Fototechnik entwickelt. Im Gründertagebuch berichtet Rojahn über die neuesten Entwicklungen ihres Start-ups.

11.06.

Endlich: Heute Abend stellen wir unser neuestes Gerät, Arbeitstitel „Minime“ – eine automatisch transparent freistellende Hohlkehle für den Einsatz in professionellen Fotostudios –, unseren Kunden und Freunden vor! Die Präsentationstermine sind komplett ausgebucht, und hinterher werden wir mit dem Team, Freunden und Familie im Innenhof grillen. Es ist einfach richtig toll für alle Beteiligten, wenn bei all der harten Arbeit ein schönes Ergebnis herauskommt! Gerade der Input unserer Partneragentur eShot, die als spezialisierter Anbieter Inhalte für den E-Commerce produziert, hat uns dabei geholfen, Minime extrem nah an den Bedürfnissen eines hochperformanten Fotostudios zu entwickeln. Die ersten Anfragen liegen bereits vor, und wir verhandeln mit unseren Zulieferern über die Konditionen für die Produktion von höheren Stückzahlen.

17.06. 

Heute bekommen wir Besuch von einer Hannoveraner Firma, die sich auf das Programmieren von Augmented Reality-Applikationen spezialisiert hat. Die be!Columbus hat unter anderem schon spannende Kampagnen für die Politik erstellt, und wir brainstormen gemeinsam, inwieweit man Augmented Reality auch für die Darstellung von Mode und anderen Konsumgüterprodukten einsetzen könnte. Die Fashion Week ist nicht mehr weit, und be!Columbus hat einen Stand auf der Bread&Butter. Gemeinsam entwickeln wir ein paar spannende Konzepte, die wir in den nächsten Tagen auf ihre Machbarkeit hin prüfen werden.

24.06.

Diese Woche steht der Family Day des High Tech Gründerfonds in Bonn auf dem Programm! Eine exklusive Veranstaltung, die üblicherweise nur solchen Startups offen steht, die vom HTGF finanziert worden sind. Aber da der HTGF auch den Neumacher-Gründerpreis der Wirtschaftswoche unterstützt, bin ich ebenfalls eingeladen. Und wir geben dem Namen „Familientag“ gleich eine ganz neue Bedeutung, denn es treffen sich gleich drei Rojahns mit ihren drei Start-ups dort: mein Bruder Friedrich, der für sein Unternehmen Solandeo gerade vor kurzem einen Investition des HTGF verkünden durfte, sowie unser Cousin Jürgen mit seinem Unternehmen Sopat. Abends fliegen mein Bruder und ich gemeinsam zurück nach Berlin.

30.06.

Wie so oft ist der Sommer von Veranstaltungen geprägt. Ich habe lange überlegt, ob ich es mir zeitlich erlauben kann, noch zwei weitere Tage dem Büro fernzubleiben, aber ich bin eingeladen worden, an der sechsten Konferenz des Dell Women’s Entrepreneur Network im Ritz Carlton am Potsdamer Platz teilzunehmen. Nach wie vor gibt es nur wenige weibliche Gründer, besonders im Tech-Bereich, und für mich ist es extrem ungewohnt, in einem Raum mit zweihundert Frauen (und einigen wenigen Männern) zu sitzen.

Tatsächlich ist mein tägliches Umfeld stark männlich geprägt, und normalerweise profitiere ich eher von einem gewissen „Exotenbonus“. Hier treffe ich stattdessen auf eine große Gruppe inspirierender Frauen aus der ganzen Welt – unter anderem die Gründertrainerin Julia Derndinger und Andrea Pfundmeier, die Gewinnerin des Neumacher-Wettbewerbs 2013. Eine japanische Journalistin vereinbart gleich noch einen Besuchstermin in unserem Studio für ein spontanes Interview für den nächsten Tag – und dann geht es zurück ans Tagesgeschäft.

02.07.

Mittlerweile sind die Vorbereitungen für die Fashion Week in vollem Gange! Im Rahmen der #Fashiontech, die als Veranstaltung parallel zur „Premium“ stattfindet, werden wir das Minime präsentieren; außerdem werde ich dort einen kurzen Impulsvortrag zum Thema „The Future of Fashion Retail“ halten. Die neuen Möglichkeiten, die modernste Technologie für die Präsentation von Produkten bietet, werden von der Modebranche noch sehr wenig ausgeschöpft, und mich persönlich interessiert dieses Thema natürlich sehr.

Die zentrale Herausforderung ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen und nicht zwanghaft jedes Gadget mitzunehmen, sondern stattdessen die Qualität und den Kundennutzen im Blick zu behalten. Gleichzeitig eröffnen Technologien wie unsere – wenn ihr Potential ausgeschöpft wird – dem E-Commerce vollkommen neue Gestaltungs- und Darstellungsmöglichkeiten. Das Thema Augmented Reality ist dafür nur ein Beispiel von vielen. Jedenfalls werden wir gemeinsam mit unseren Partnern ein extrem spannendes Anwendungsbeispiel vorstellen können. Ich freue mich riesig, daß das alles so kurzfristig geklappt hat. Aber oft geht es halt in erster Linie darum, Potential zu erkennen und alles aus den vorhandenen Resourcen herauszuholen – wie so oft im Gründeralltag!