Das französische Start-up macht in Deutschland Firmen wie Placetel, Sipgate und Nfon Konkurrenz – und will nun international weiter expandieren.

Es ist das Gegenmodell zu klassischen Telefon-Anschlüssen für Firmen, mit dem Aircall sich eine wachsende Kundenbasis erarbeitet hat: Wo sonst Wochen von der Auswahl des passenden Tarifs über die Lieferung der Hardware bis zum ersten Anruf vergehen, verspricht das Pariser Start-up eine minutenschnelle Einrichtung. „Unser Anspruch ist, dass unsere Kunden sofort loslegen können“, sagt Jonathan Anguelov, Mitgründer des 2014 entstandenen Tech-Unternehmens.

Der Schlüssel dafür: Aircall bietet sein Telefonie-System als reine Online-Software „aus der Cloud“ an. Alle Gespräche der Nutzer werden über das Internet geführt – entweder mit Headset am Computer oder per App am Smartphone. Neue Endgeräte oder physische Telefonanlagen sind überflüssig. Für Anrufer sind die Nutzer dennoch über eine normale Festnetznummer erreichbar.

Seit dem Start 2014 hat das französische Unternehmen eigenen Angaben zufolge mehr als 5.000 Unternehmen weltweit als Kunden gewonnen. Vor allem schnell wachsende Start-ups schätzen das Angebot: Sie können bei Bedarf einfach neue virtuelle Anschlüsse hinzufügen und mehrere Nutzer einer Nummer zuordnen – etwa für den Kundenservice oder die Vertriebs-Hotline. Hinzu kommt: Solange eine stabile Internetverbindung vorhanden ist, ist es egal, ob die Mitarbeiter im Homeoffice, im Co-Working-Space oder im Großraumbüro sitzen. In Deutschland zählen neben anderen das Proptech Prea und der Erlebis-Reiseanbieter Jochen Schweizer zu den Kunden.

65 Millionen Dollar eingesammelt

Das Konzept hat nun auch einen deutschen Wagniskapitalgeber auf den Plan gerufen: Wie Aircall heute bekannt gab, ist Deutsche Telekom Capital Partners (DTCP) Hauptinvestor einer 65 Millionen Dollar schweren Finanzierungsrunde. Der Magenta-Investor hat vor knapp einem Jahr seinen zweiten Investment-Fonds abgeschlossen, für den neben der Telekom selbst auch andere Unternehmen Geld bereitgestellt haben. „Wir verfolgen Aircall’s Entwicklung seit Jahren und sind sehr erfreut, nun mit diesen hervorragenden Gründern und Investoren die nächsten Schritte zu gehen“, sagt der für Europa und Israel zuständige DTCP-Partner Thomas Preuß.

Seit der Gründung hat Aircall insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar an Wagniskapital erhalten. Zu den Bestandsinvestoren gehören die Londoner Frühphaseninvestoren Draper Esprit und Balderton, NextWorld Capital aus San Francisco sowie eFounders aus Paris. Neben DTCP neu eingestiegen sind die US-amerikanische Investmentfirma Adams Street und Swisscom Ventures.

Dass zwei der großen Gesellschafter nun aus der Telekommunikationsbranche kommen, sei ein Vorteil, sagt Anguelov: „DTCP und Swisscom Venture verstehen unser Geschäftsmodell sehr gut“, sagt der Gründer. „Wir hoffen außerdem, so neue Kontakte in die Branche zu bekommen.“ Als direkter Konkurrent zu traditionellen Telekommunikationsanbietern will er Aircall nicht verstanden wissen. Vielmehr sei das Start-up ein wichtiger Kunde vieler Telcos, bei denen die Telefonnummern eingekauft werden. Mit einem großen Anbieter sei zudem eine Vertriebskooperation geplant.

Integrationen zu anderen Cloud-Anbietern

Wichtige Konkurrenten in Deutschland sind dagegen Firmen wie Nfon, Placetel oder Sipgate, die ebenfalls Telefonanlagen aus der Cloud anbieten. Aircall sieht sich technisch überlegen. „Wir verfolgen den reinen Software-Ansatz sehr viel konsequenter als viele unserer Wettbewerber“, sagt Anguelov. Hervorstechen will das französische Start-up auch mit seinen Schnittstellen zu anderen Cloud-Anbietern: So gibt es Erweiterungen für Vertriebssoftware wie Salesforce, für Shopsysteme wie Magento und Kundenservice-Systeme wie Zendesk.

Rund zehn Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet Aircall aktuell in Deutschland, weitere wichtige Märkte in Europa sind Frankreich, Großbritannien und Spanien. Ungewöhnlich für ein europäische Start-up: Für den größten Umsatzanteil sorgen Kunden aus den USA. Bereits vor vier Jahren wurde in New York ein Büro eröffnet, wo nun 100 der 300 Mitarbeiter arbeiten. Um die hundert Mitarbeiter sollen in diesem Jahr hinzukommen. Geplant ist ein neuer Vertriebs-Standort in Australien, ein weiteres Büro könnte über kurz oder lang aber auch in Deutschland aufgebaut werden, kündigt Anguelov an.