Die Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt tritt gegen etablierte Hersteller wie Kuka, ABB und Co. an. Der Fokus des Start-ups liegt auf der Software.

Was Industrie-Roboter in Zukunft können sollen, beschreibt Zhaopeng Chen mit dem Griff nach einem Wasserglas: Das menschliche Gehirn steuert die Bewegung präzise, ohne auf den Zentimeter genau zu wissen, wie weit der Gegenstand entfernt ist. Handlungsfähig auch ohne vollständige Informationen und in unbekannten Situationen: Noch sind die Greifarme etwa in Autofabriken längst nicht so intelligent, sagt der Gründer und Geschäftsführer von Agile Robots. Sie erledigen vor allem repetitive Schritte, tragen beispielsweise Lack auf oder stecken Bauteile zusammen. An der Seite von Menschen aber auch komplexe Aufgaben zu erledigen, das will ihnen das Start-up-Team beibrigen.

Agile Robots produziert dafür eigene Roboter, ausgestattet mit modernen Sensoren – und optimiert darauf seine Software. Ziel des 2018 gegründeten Start-ups ist es, Robotik mit Künstlicher Intelligenz auf die nächste Stufe zu bringen: also Arbeiter in Fabriken ersetzen zu können. Algorithmen zur Bildverarbeitung sollen nun zunächst die Wahrnehmung der Helfer in der Fabrik verbessern. Zurückgreifen kann die junge Firma auf Know-how aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), wo Chen und sein Mitgründer Peter Meusel zuletzt forschten. Erkenntnisse aus der Luft- und Raumfahrt sollen dem Start-up dabei helfen, etablierte Wettbewerber wie die Roboterbauer Kuka, ABB Robotics oder Yaskawa zu schlagen.

Rasantes Wachstum geplant

Schon jetzt produziert das Start-up mit Sitz in Gilching bei München und Standort in Peking 100 Roboter pro Jahr, so zumindest die Zielgröße bis Ende des Jahres. In 2021 könnten es bereits bis zu 2000 Stück werden, kündigt Gründer Chen im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer an. Mit seinen Produktionsstandorten hält sich die junge Firma in der Nähe der Autoindustrie, fertigt entsprechend in China, aber künftig auch an weiteren Standorten in Europa. Design und Entwicklung steuert das Start-up von Deutschland aus.

Vor wenigen Wochen ist das erste große Projekt in der Automobilindustrie gestartet, den Kooperationspartner wollte Chen noch nicht nennen. Mehr als 100 Projekte bei Kunden treibe das Start-up aktuell voran – zu 80 Prozent in China und 20 Prozent in Deutschland. Knapp 100 Mitarbeiter beschäftigt Agile Robots derzeit, und der Wachstumskurs ist ambitioniert: 150 Mitarbeiter sollen es bis Ende des Jahres werden. In 2021 plant Chen, die Teamgröße zu verdoppeln.

Das nötige Kapital stammt aus bereits vier Finanzierungsrunden, zuletzt sammelte das Start-up im Frühjahr einen zweistelligen Millionenbetrag ein. Hauptinvestor war der Risikokapitalgeber C-Ventures aus Hongkong. Zudem beteiligten sich Finanzinvestoren wie GL Ventures, Sequoia Capital China und Linear Venture mit Sitz in Peking.

Münchener Robotik-Start-ups greifen an

Im Visier hat Agile Robots vor allem drei Einsatzbereiche für seine Roboter: neben der Automobilindustrie auch die Fertigung von Unterhaltungselektronik und die Medizin – ein Entwicklungsfeld sind Operations-Roboter für kleinere Eingriffe. Von einem heute noch „winzigen Markt“, wie der Gründer sagt, könnten es die Roboter-Arbeiter innerhalb der nächsten fünf Jahre in die Breite schaffen. „Aufgrund der Coronavirus-Situation wird die Wende beschleunigt, denke ich, und eine große Zahl an Anwendungen wird sich innerhalb der nächsten drei Jahre zeigen“, sagt Chen.

Entsprechend eifrig bearbeiten auch einige andere deutsche Start-ups den Markt. An Service-Robotern für Hotels arbeitet etwa die junge Münchener Firma Robotise. Ebenfalls von bayerischen Landeshauptstadt aus entwickelt Reactive Robotics ein Exoskelett zur Rehabilitationshilfe und Magazino autonom navigierende Lager-Roboter. Rein auf Software konzentriert sich dagegen Wandelbots aus Dresden – das Start-up will dabei helfen, Industrie-Roboter zu trainieren.