Das Münchener Start-up entwickelt Software, um Computer per Eye-Tracking zu steuern. Neuen Schub soll ein Tool für Zoom & Co. geben.

Ausgerechnet zu Beginn der Coronakrise haben sich Tore Meyer und Stephan Odörfer aufgemacht, um neue Investoren für 4tiitoo zu finden. Eine Herausforderung: Statt das Geschäftsmodell ihres Start-ups vor Ort präsentieren zu können, wurden die Gründer immer wieder zu virtuellen Präsentationen eingeladen. „Uns hat die Frage umgetrieben, wie wir auch vor dem Bildschirm einen guten Eindruck hinterlassen können“, sagt Meyer. „Typischerweise guckt man bei Videokonferenzen überall hin, nur nicht in die Kamera.“ Der Gesprächspartner bekomme so schnell den Eindruck, dass man nicht bei der Sache sei.

Es ist dem Geschäftsfeld ihres Start-ups zu verdanken, dass sich die Gründer an eine technologische Lösung des Problems machten: 4tiitoo ist auf das sogenannte Eye-Tracking spezialisiert. Die Software des Start-ups ermöglicht es, Computer mit Augenbewegungen statt per Maus zu steuern. Für Videokonferenzen haben die Münchener nun einen Ableger der Software entwickelt. Das Programm erfasst, was sich der Nutzer auf dem Bildschirm gerade anguckt und rückt diese Inhalte automatisch mittig an den oberen Rand – und damit nah an die Webcam heran.

3,1 Millionen Euro von Investoren

Der Helfer für die eigenen Pitches hat sich für das Start-up bereits ausgezahlt: Die Gründer konnten tatsächlich eine Gruppe neuer Geldgeber überzeugen. Kürzlich ist die 3,1 Millionen Euro schwere Finanzierungsrunde abgeschlossen worden. Neu als Gesellschafter an Bord sind nun die österreichische Unternehmerin Sandra Berkson sowie mehrere Business Angels aus dem Investorennetzwerk von BayStartUP.

Doch auch bei der Geschäftsentwicklung soll das Videokonferenz-Tool 4tiitoo neuen Schub geben. Seit Ende Oktober bieten die Münchener die Software zum Download an – und hoffen auf Interesse von allen, die regelmäßig Videotelefonate führen: Vertriebsmitarbeiter etwa oder auch Unternehmensberater. „Blickkontakt ist der Schlüssel für Vertrauen“, sagt Meyer. „In Corona-Zeiten fragen sich viele, wie sie das bei Videocalls vermitteln können.“

Die massentaugliche Anwendung, so das Kalkül der Gründer, treibt dem Start-up neue Kunden zu – und weckt Interesse an der umfangreicheren Eye-Tracking-Software, mit der Nutzer sich durch sämtliche Computerprogramme navigieren können. 4tiitoo wirbt damit, dass sich damit viel Zeit sparen lässt: Ein Viertel der Arbeitszeit verbringt man typischerweise damit, sich mit der Maus durch Programme und Fenster zu navigieren, ergaben Messungen des Start-ups. Durch die Blick-Steuerung soll auch die Ergonomie verbessert werden.

Prominente Referenz-Kunden

Trivial ist die Steuerung mit bloßem Auge technisch nicht: 4tiitoo hat sehr viel Entwicklungsarbeit darin investiert, die Blicke mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz richtig zu interpretieren und Fehleingaben zu minimieren. Aktuell wird die seit 2018 vertriebene Software an mehreren hundert Arbeitsplätzen von Firmen eingesetzt. In einzelnen Projekten hat 4tiitoo unter anderem BMW, Daimler, Audi und SAP als Kunden gewonnen.

Um die Software nutzen zu können, ist auch zusätzliche Hardware nötig. Gut 200 Euro kosten passende Infrarotsensoren, die auf dem Monitor montiert werden. 4tiitoo arbeitet dabei unter anderem mit dem finnischen Hersteller Tobii zusammen. Für ihre Videokonferenz-Software wollen die Münchener künftig aber auch Webcams, die ohnehin schon in Laptops eingebaut sind, unterstützen.

Technologielieferant für Datenbrillen

Darauf, dass Gerätehersteller künftig Eye-Tracking-Kameras standardmäßig verbauen, will sich 4tiitoo nicht verlassen – auch wegen einer eigenen leidlichen Erfahrung. Denn ursprünglich hatte das Start-up an einer Software für Gestensteuerung gearbeitet. Treiber damals war der Chiphersteller Intel, der zu den frühen Geldgebern des Start-ups gehörte – und zwischenzeitlich plante, entsprechende Hardware massentauglich zu machen. Aus den Plänen wurde aber nichts, Meyer und Odörfer mussten sich nach einer neuen Geschäftsidee umsehen.

Die Eye-Tracking-Lösung ist auch eine Wette auf die Zukunft. Denn die Technologie gilt als ein Schlüssel, um Datenbrillen benutzerfreundlich zu machen. Dass die Geräteklasse den Weg in den Massenmarkt findet, gilt als ausgemacht. So wird Apple schon lange nachgesagt, an entsprechenden Geräten zu arbeiten. Meyer verweist darauf, dass der iPhone-Hersteller vor drei Jahren bereits den Berliner Eye-Tracking-Spezialisten SMI übernommen hat. Weitere Zukäufe in der Branche seien wahrscheinlich, sagt der Gründer: „Wir wollen die Technologie soweit definiert haben, dass man an uns nicht vorbeikommt.“