Mit seiner restriktiven Politik verärgert Donald Trump das Silicon Valley. Politiker und Wirtschaftsvertreter sehen darin Chancen für den Standort Deutschland.


Zeit ist alles im Leben einer Kanzlerin. Wenn sich Angela Merkel also eine halbe Stunde nimmt, um im zweiten Hinterhof in der Berliner Torstraße in den zweiten Stock zu gehen, geschieht dies nicht ohne Hintergedanken. Denn dort sitzt mit door2door ein gar nicht mehr ganz kleines Berliner Start-up-Unternehmen, das gerade die Mobilität in den Städten weltweit revolutionieren will. Und im Wahljahr richtet sich der Blick der Politik wieder verstärkt auf Gründer – gerade bei Merkel, die schon vor vier Jahren die Digitalisierung zum Überlebensthema des Industriestandorts Deutschland erklärte. Bei einem Treffen mit 40 Start-up-Vertretern erkundigte sie sich vor einigen Tagen deshalb gleich noch über deren Sorgen und Wünsche.

Die neue Aufmerksamkeit hat verschiedene Gründe – die in Washington und in Deutschland selbst liegen. “Ganz klar: US-Präsident Donald Trump ist eine Riesenchance für die Start-up-Szene in Deutschland”, meint etwa Lars Klingbeil, Digital-Experte der SPD-Bundestagsfraktion. Gerade die jungen innovativen Unternehmen suchten kreative Mitarbeiter aus aller Welt. Trumps Abschottungsideen und Einreisebeschränkungen seien deshalb Gift für Silicon Valley. “Deutschland dagegen bietet Liberalität, Stabilität und die Verlässlichkeit, dass dies auch so bleiben wird.” Sein CDU-Kollege Thomas Jarzombek sieht dies ähnlich.

Berlin wirbt in den USA um Gründer

Und so versucht vor allem Berlin, Start-ups und Fachkräfte aus den Vereinigten Staaten in die deutsche Hauptstadt locken. „Wir verstärken unsere Aktivitäten in den USA“, kündigte Stefan Franzke, Chef der Wirtschaftsförderungsagentur Berlin Partner in der WirtschaftsWoche an. So seien zusätzliche Werbemaßnahmen geplant, etwa einmal pro Monat soll bei Veranstaltungen der Standort Berlin präsentiert werden.

Schon nach dem Brexit-Referendum hatten der Berliner Senat und die Wirtschaftsförderer mit einer Werbekampagne in London um Gründer gebuhlt. Seither gab es Gespräche mit 40 Start-ups, fünf davon haben bereits ihren Sitz nach Berlin verlegt.

Franzke rechnet damit, dass die Hauptstadt vor allem bei Neugründungen von internationalen Teams verstärkt als alternativer Standort in Frage komme. Zudem könnten deutsche Start-ups im Wettbewerb um Fachkräfte profitieren. „Deutschland hat die Chance, den brain-drain teilweise rückgängig zu machen“, so Franzke. Schon jetzt stammten 40 Prozent der Mitarbeiter in Berliner Start-ups aus dem Ausland. „Das wird sich durch die Rechtsunsicherheit in den USA noch verstärken“, erwartet auch Florian Nöll, Chef des Bundesverbandes Deutsche Start-ups.

Ein Trump-Effekt wäre derzeit in der Branche auch willkommen: Denn der Start-up-Hype etwa in Berlin lässt gerade etwas nach. So listete die Unternehmensberatung Ernst & Young gerade auf, dass der Standort Berlin 2016 im europäischen Vergleich beim Einwerben von Wagniskapital für Start-ups nur noch an vierter Stelle lag – hinter London, Paris und Stockholm. Und laut einer Studie der HHL Leipzig Graduate School of Management lässt der ohnehin schwache Gründerimpuls sicherheitssehnsüchtiger Deutscher in Zeiten sinkender Arbeitslosigkeit nach.