Für manche Gründer ist der Erfolg nur zweitrangig, wichtiger ist die Nähe zur Heimat. Deshalb gründen sie auch in eher strukturschwachen Regionen. Ein Blick in den Osten Deutschlands.

Von Julian Kuper

Es musste Neubrandenburg sein, die alte Heimat. 65.000 Einwohner, gelegen zwischen Neustrelitz und Ueckermünde im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Dass dieser als strukturschwach gilt, die Armutsquote die vierthöchste in Deutschland und die Kaufkraft in Mecklenburg-Vorpommern die niedrigste im Bundesdurchschnitt ist, hat Felix Berlin nicht abgeschreckt. Der 32-jährige hat genau hier vor gut vier Jahren sein Unternehmen „B.-style“ gegründet. Er gestaltet die Innenräume von Autos neu, schneidert Verdecke für Boote, bestickt Scheinwerfer an Motorrädern. Selbst Wohnungstüren hat er in seinem Zwei-Mann-Betrieb schon mit Nieten besetzt und aufgepolstert.

Wer sein Auto mit Echtleder aufmotzen möchte, muss mindestens 6500 Euro auf den Tisch legen. Ein Luxusprodukt. Potentielle Kunden in einer Region mit einer Arbeitslosenquote von 14,7 Prozent sind da rar. Doch der Drang zur Selbstverwirklichung war bei Felix Berlin höher als die Bedenken. Nach einer Raumausstatterlehre hatte er zuerst in einer Polsterei gearbeitet, später dann in einer Auto- und Bootssattlerei in Rostock. „Da hab ich jeden Arbeitsschritt vorgekaut bekommen. Aber ich wollte mein eigenes Ding machen, selbst kreativ sein und nicht mehr auf andere hören“, sagt er.

Sein Unternehmen woanders zu gründen als in der Heimatstadt, kam nicht in Frage. „Klar hätte ich nach Hamburg gehen können, aber da wäre die Konkurrenz zu groß gewesen“, sagt er. Die ersten zwei Jahre seien sehr holprig gelaufen. Erst langsam hat er sich mit seinen ausgefallenen Designs einen Namen in der Tuning-Szene gemacht. Mittlerweile kommen die Kunden zu ihm – von weit her. Aus Berlin, Köln oder aus der Schweiz.

„Selbstverwirklicher sind die typischen Gründer in unserer Region“, sagt Grit Gehlen. Sie betreut im Auftrag des Landes-Wirtschaftsministeriums das Portal gruender-mv.de, ein Online-Magazin für Existenzgründer in Mecklenburg-Vorpommern. Für die Seite hat sie Interviews mit über 100 Gründern geführt und eines immer wieder beobachtet: „Die meisten haben keinen Anspruch, viel Geld zu verdienen, sondern möchten glücklich und zufrieden sein.“ Es gehe vielmehr darum, eine gute Idee zu verwirklichen, wie etwa eine Senffabrik, einen Handel mit Salzschnaps oder ein Unternehmen, das personalisierte Lieder erstellt.