Deutsche Start-ups werden bei Investoren beliebter, doch der Wettlauf um die Millionen kann Nachteile haben. Sebastian Betz und Tarek Müller definieren Erfolg daher anders.

Von Katja Scherer

Sebastian Betz (24) und Tarek Müller (26) gelten als die Wunderkinder der Hamburger Start-up-Szene. Beide haben bereits als Jugendliche angefangen, erfolgreiche Unternehmen zu gründen – ausschließlich finanziert aus laufenden Einnahmen. Seit Anfang vergangenen Jahres führen sie die Geschäfte beim Fashion-Start-up Collins, einer Tochter der Otto Group. Im Interview erklären sie, warum die krampfhafte Suche nach Investorengeldern unnötig ist.

Herr Betz, Herr Müller, im vergangenen Jahr haben Berliner Start-ups rund zwei Milliarden US-Dollar Wagniskapital eingesammelt – mehr als ihre Londoner Konkurrenten. Trotzdem heißt es immer wieder, deutschen Start-ups fehle das Geld, um zu wachsen. Wie wichtig ist Venture Capital für den Erfolg eines Unternehmens?
Betz: Venture Capital steht oft zu stark im Fokus. Vorbild dafür ist die Gründerkultur im Silicon Valley: Dort ist es normal, dass der Erfolg eines Start-ups über die Höhe seiner Finanzierungsrunden definiert wird. Viele deutsche Gründer haben inzwischen die gleiche Formel im Kopf: Du brauchst eine gute Idee, ein starkes Team – und Geld. Dann wirst du erfolgreich. Aber diese Formel gilt nicht: Der Treiber von Erfolg ist nicht Geld. Ein gutes Team und das richtige Timing sind viel wichtiger.

In der Praxis sieht das anders aus. Unternehmen wie Zalando, Kreditech oder Delivery Hero, die viel Geld eingesammelt haben, wachsen in der Regel am schnellsten.
Müller: Das stimmt. Aber dieser High-Scale-Ansatz, also sich möglichst schnell einen möglichst großen Marktanteil zu sichern, ist nicht der einzige Weg, um erfolgreich zu sein. Die große Mehrheit der deutschen Unternehmen wird mit wenig Geld aufgebaut, mit 25.000 Euro für die GmbH, und daraus werden dann Gewinne generiert. Das gilt auch für den Internetbereich. Dieser Ansatz wird in der Gründerpresse leider häufig vernachlässigt Aber so entstehen solide Mittelständler – und das ist genauso ein Erfolg und nicht die Plan-B-Variante für die Loser.

Sollten Gründer nicht mit größeren Ambitionen starten? Schließlich können sich radikale Ideen nur durchsetzen, wenn sie entsprechend gefördert werden.
Betz: Der starke Fokus auf Venture Capital führt doch vielmehr dazu, dass die Vielfalt an Produkten immer weiter abnimmt. Investoren wollen sicher sein, dass ein Geschäftsmodell am Markt funktioniert. Also stecken sie ihr Geld in Projekte, die schon irgendwo auf der Welt in ähnlicher Form erfolgreich laufen. Wer dagegen ein wirklich innovatives Geschäftsmodell entwickelt, hat es in der Regel sehr viel schwerer, Investoren zu überzeugen.
Müller: Gründer fokussieren sich außerdem zunehmend auf die wenigen großen Geschäftsbereiche, die für Investoren interessant sind. FinTech zum Beispiel. Weil darauf wiederum auch der Schwerpunkt der medialen Berichterstattung liegt, vermuten viele in diesen Märkten bessere Chancen. Das kann ich aus Gründer- und Investorensicht nachvollziehen, oft wird aber vergessen, dass es noch extrem viele andere Märkte gibt, die man durch innovative Lösungen voranbringen könnte. Diese Märkte sind zwar kleiner, gleichzeitig ist dort aber die Chance auf Erfolg deutlich größer, weil es weniger Konkurrenz gibt.