Offen spricht Kolumnistin Tijen Onaran über ihr Scheitern in der Politik, aber auch darüber, was sie daraus gelernt hat – und wie es ihr heute hilft.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt wieder Tijen Onaran. Sie ist Gründerin von startup affairs, einer PR und Public Affairs Beratung für Start-ups, Venture Capitals und Unternehmen. Mit Women in Digital e.V. vernetzt Onaran Entscheiderinnen der Digitalbranche und macht diese sichtbar.  Vor der Gründung von startup affairs war sie als Leiterin Kommunikation beim Onlinehandelsverband Händlerbund und in unterschiedlichen Funktionen für Bundestags-, Europaabgeordnete sowie das Bundespräsidialamt tätig.

Als ich vor über zwei Jahren damit begonnen habe, Frauen aus meinem Umfeld zusammen zu rufen, hätte ich nicht gedacht, dass daraus mal Women in Digital e.V. entstehen würde. Klein angefangen, in einem Restaurant in Berlin Mitte mit 15 Frauen aus unterschiedlichsten Branchen, ohne Agenda und ohne Ziel. Sondern nur mit der Idee, all diejenigen denen ich beruflich begegnete, miteinander zu vernetzen. Meine Leidenschaft war schon immer, Menschen zusammenzubringen und gerne auch diejenigen, die auf den ersten Blick nicht zueinander „passen“.

Heute erreicht WIDI eine Community von über 20.000 Frauen im Monat und nach erfolgreichen Events in Hamburg und Berlin, steuern wir auf unser Frankfurter Event im November zu. Bei all dem Glitzer und Glamour, gab und gibt es ein Thema, das wir auf unseren Veranstaltungen streifen: den Umgang mit Stolpersteinen. Und auch ich habe einige Stolpersteine gehabt und es gibt Tage an denen ich denke, ich bin ein einziger Stolperstein.

Die Sache mit dem Loslassen

Als ich mit 20 Jahren für den Landtag in Karlsruhe kandidiert habe, habe ich mir keine Gedanken über Erfolg oder Misserfolg gemacht. Ich war politisch engagiert, hatte endlich einen Raum zum Diskutieren gefunden und meine Eltern stellten fest: Der eine Punkt im Mathe-Abi war doch nicht kriegsentscheidend. So holte ich bei der Landtagswahl über 8 Prozent, kam zwar nicht in den Landtag, aber für den Wahlkreis und für mich war das ein Riesenerfolg. Mich packte die Lust auf mehr – und so kandidierte ich direkt darauf für den Landesvorstand in Baden-Württemberg, schaffte es aber auch da knapp nicht rein. Damals war das für mich die viel „größere“ Niederlage. Bei der Kandidatur hatte ich keine Erwartungen, aber bei der Wahl zum Landesvorstand, wollte ich es unbedingt schaffen. Als ich nach der Landtagswahl gefragt wurde, ob ich für die Bundestagswahl antreten möchte, lehnte ich ab. Zum einen wollte ich nicht noch einmal knapp „scheitern“, zum anderen gab es da noch das studentische Gewissen, das mir jeden Morgen im Spiegel zurief: So ein Studienabschluss ist eine gute Sache! Es kam wie es kommen musste: Der Kandidat, der sich dem Prozedere gestellt hatte, kam tatsächlich in den Bundestag. Hätte, Könnte und Wäre – Konstellationen schwirrten eine ganze Weile in meinem Kopf rum. „Was wäre wenn…“ gesellte sich dazu und war enttäuscht – in aller erster Linie von mir und meinem fehlenden Mut.