Ferndiagnose via Tablet oder Telefon: Viele Start-ups drängen auf den streng regulierten Markt. Über Modellprojekte und Umwege nehmen die Unternehmen Fahrt auf.

In knapp einem Monat könnte sich ein neuer Medizin-Markt öffnen: Der Deutsche Ärztetag berät über eine mögliche Lockerung des sogenannte Fernbehandlungsverbots – das könnte erste und umfassende medizinische Beratungen über das Internet ermöglichen. Skeptiker sehen das sensible Arzt-Patienten-Vertrauensverhältnis in Gefahr, Befürworter sehen große Verbesserungsmöglichkeiten angesichts der angespannten medizinischen Lage – und Start-ups hoffen auf einen neuen Markt. Sie bauen etwa abgesicherte Apps oder stellen Ärzte-Teams für Ferndiagnosen zusammen.

In Baden-Württemberg nehmen erste elektronische Sprechstunden jetzt weiter Fahrt auf. Die Ärztekammer in dem Bundesland hatte Ausnahmeregelungen im vergangenen Jahr zugelassen. Am Montag startet dort nun „docdirekt“, bei dem sich gesetzliche Versicherte aus Stuttgart und Tuttlingen digital beraten lassen können. „Online-Sprechstunden sind seit vielen Jahren in anderen Ländern längst etabliert, nur Deutschland hinkt hier weit hinterher“, sagt Norbert Metke, Vorstandsvorsitzender des Anbieters, der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg.

Testen im Ländle

Technologiepartner für den Pilotversuch ist das Münchener Healthtech-Start-up Teleclinic, welches im Herbst zwei Millionen Wachstumskapital einsammeln konnte. „Die Möglichkeit, ärztliche Leistungen auch über moderne, digitale Kommunikationsmittel erhalten zu können, hat positive Effekte auf Versorgungsqualität sowie -effizienz“, so Teleclinic-Gründer Reinhard Meier. 35 Tele-Ärzte stehen zum Start bereit, wenn nötig, sollen noch am selben Tag Behandlungen in angeschlossenen Praxen realisiert werden.

Auch der schwedische Anbieter Kry, in den unter anderem der Berliner Risikokapitalgeber investiert hat, soll in Baden-Württemberg zukünftig zum Einsatz kommen. Ende Februar genehmigte die dortige Ärztekammer ein Modellprojekt, in dem das Start-up Arzt und Patient via Video-App zusammenschalten darf. Nach eigenen Angaben habe man in Skandinavien und Spanien bereits in 250.000 Behandlungen Erfahrungen sammeln können.

Umweg über die Insel

Einige junge Anbieter suchen sich jedoch auch andere Wege, um sich früh auf dem vielversprechenden Markt zu positionieren. Das Portal Fernarzt.com etwa setzt auf eine telemedizinische Beratung für klar abgegrenzte Behandlungsfelder – die Diagnose und das eventuell nötige Rezept stellen dabei Mediziner aus, die in Großbritannien zugelassen sind und von einer bilingualen Sprechstundenhilfe unterstützt werden. Im Fokus für Fernarzt stehen etwa Erkrankungen wie Migräne, Akne, Heuschnupfen oder die Verschreibung von Verhütungsmitteln. „Wir sehen einen großen Mehrwert nicht nur in der Erstbehandlung, sondern vor allem als große Erleichterung für Folgemedikationen“, teilt das Start-up gegenüber WirtschaftsWoche Gründer mit.

Das Start-up stellt den Patienten direkt eine Pauschale für die Verschreibung in Rechnung und vermittelt zudem die dann verschriebenen Medikamente, die von einer Online-Apotheke geliefert werden. Dabei sieht Fernarzt.com das Geschäftsmodell gedeckt durch die EU-Richtlinie zur Dienstleistungsfreiheit. Eine mögliche Änderung der rechtlichen Situation in Deutschland sähe das junge Unternehmen denoch als Vorteil: „Wir würden es begrüßen, wenn deutsche Patienten nicht mehr den Umweg über britische Ärzte gehen müssten“, sagt Fernarzt.com-Geschäftsführer Ahmed Wobi. „Je nach Ausgestaltung der neuen Berufsordnung ist es gut möglich, dass wir ihnen in Zukunft in Deutschland ansässige Ärzte vermitteln können.“