Deutsche Gründer entdecken China. Angelockt vom riesigen Markt siedeln sie sich vor allem in Shanghai an. Doch die Start-ups stoßen dort auch auf Probleme.

Wenn Lorenz Wagener auf seiner Terrasse in Shanghai sitzt, fühlt er sich wie im Süden Frankreichs. Aus den kleinen Cafés seines Viertels strömt der Duft von Milchkaffee auf die Straßen, die sich mitten durch das Zentrum Shanghais ziehen. Ringsherum stehen stuckverzierte Häuser, die mit ihren gusseisernen Balkonen an das Paris des 19. Jahrhunderts erinnern. „Wenn du in China ein Unternehmen gründest“, sagt der 37-Jährige, „dann brauchst du einen Ort, an dem du abschalten kannst.“ Für ihn ist das die Französische Konzession, Shanghais französisches Einwandererviertel, das ihn den Trubel der pulsierenden Metropole zumindest zweitweise vergessen lässt.

Lorenz Wagener ist einer von rund 11.000 Deutschen, die in Shanghai leben und arbeiten. Die Metropole an der Ostküste Chinas ist das wirtschaftliche Herz des Landes und die Stadt mit der größten deutschen Gemeinde. Knapp 2.000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung betreiben von hier aus ihre Geschäfte – in ganz Indien sind es nicht einmal halb so viele. Zuletzt stieg auch die Zahl der Selbstständigen und Gründer unter ihnen. Einige Hundert, so schätzen Experten der Außenhandelskammer (AHK) in Shanghai, sind inzwischen vor Ort, um ihre geschäftlichen Ideen in die Tat umzusetzen. Der Trend: steigend.

200 deutsche Start-ups im Land der Mitte

Angezogen werden sie fast alle von der großen Dynamik des chinesischen Markts. „Hier herrscht eine unglaubliche Energie“, sagt Lorenz Wagener, der selbst ein Unternehmen in der Stadt gegründet hat. „Die Leute in Shanghai reden nicht lange, sondern machen einfach. Das inspiriert.“ Etwa 3.000 ausländische Start-ups, davon 200 aus Deutschland, haben sich nach Angaben der AHK schon im Großraum der 23-Millionen-Einwohner-Metropole niedergelassen.

Auch Wagener kam vor zwölf Jahren von Nürnberg hierher. Vorher arbeitete er im Marketing der Modellbaufirma Herpa, die Autos und Flugzeuge im Miniaturformat produziert. „Beruflich habe ich für mich in Deutschland einfach keine Perspektive gesehen“, sagt Wagener. „Ich war Assistant Project Manager, wäre dann Project Manager geworden und später Senior Project Manager. Das war mir zu langweilig.“

Eine Branche, die noch keiner besetzt hatte

Kurzerhand besuchte er zwei Freunde – einen in Los Angeles, den anderen in Shanghai. „Ich wollte herausfinden, ob ich mich in einer der Städte wohlfühlen könnte“, sagt Wagener. Das „wuselige Shanghai“ habe es ihm direkt angetan. Kurze Zeit später kündigte er seinen Job in Deutschland und zog in die Stadt am anderen Ende der Welt. Im Gepäck: eine Idee, die ihm bei Herpa gekommen war.

„Ich hatte mich schon lange gefragt, wo all die Fotos der Miniaturmodelle entstehen“, sagt Wagener. Er recherchierte in seiner neuen Heimat und stellte fest: In China gab es kein einziges Unternehmen für Produktfotografie. „Dabei ergibt es doch Sinn, Produkte auch dort zu fotografieren, wo sie entstehen.“ Zusammen mit zwei Freunden gründete er die Firma Rimagine, die Produktbilder für Broschüren, Prospekte und Online-Shops internationaler Firmen erstellt.

Aus ihren chinesischen Fabriken schicken Unternehmen wie Metro, Nivea oder Obi ihre Produkte nun direkt in die Studios von Rimagine. Der Vorteil: Die Hersteller müssen ihre Büromöbel, Gartenstühle oder Fitnessgeräte nun nicht mehr umständlich nach Deutschland verfrachten, um sie ablichten zu lassen und teils mehrere Wochen auf die Ergebnisse warten.

Bereits nach zwei Wochen erhielt Wagener seinen ersten Auftrag – vom alten Arbeitgeber. „Wir sollten 300 Flugzeugmodelle für Herpa fotografieren“, sagt er. Das Problem: „Wir hatten weder einen Fotografen noch ein Studio.“ Kurzerhand baute Wagener sein Wohnzimmer um und engagierte einen befreundeten Fotografen. „Wir mussten ziemlich improvisieren, aber irgendwie haben wir es geschafft.“ Nur wenige Tage später folgte der erste Kleinauftrag von Ikea. Doch ein Studio fehlte immer noch.

Prämien von der städtischen Regierung

Hilfe fanden die Gründer in Caojiadu, einer von Dutzenden Entrepreneur-Zonen der Stadt. „Je nach Zone bekommen Unternehmen billige Büros, Steuervergünstigungen oder auch kostenlose Parkplätze in der Umgebung“, sagt Wagener. „Gerade am Anfang hilft das unheimlich.“ Genau zehn Jahre ist das nun her. Inzwischen hat sich Rimagine auf 20 Mitarbeiter vergrößert und zwei neue Studios in Shenzhen im Süden Chinas sowie im texanischen Dallas eröffnet. 475 Kunden hat Wagener inzwischen gewonnen, darunter Adidas, Nivea, Bosch und Esprit.

Caojiadu ist nicht das einzige Viertel, in dem junge Unternehmen wachsen können. Rund 100 sogenannter Industrial, Economic oder Commercial Zones ziehen sich durch das gesamte Stadtgebiet und bieten Firmen auch abhängig von der Branche steuerliche Vorteile oder Investitionshilfen. Finanzdienstleister siedeln sich zum Beispiel ausschließlich in Lujizui an, der Shanghaier Handels- und Finanzzone im Stadtteil Pudong. Der Grund: Neu registrierte ausländische Unternehmen bekommen hier abhängig vom eingebrachten Kapital bis zu zwei Millionen US-Dollar Prämien von der städtischen Regierung. Außerdem erlässt ihnen die Stadt in dieser speziellen Zone die ansonsten üblichen Finanztransaktionssteuern.

Kostengünstig im Coworking Space

In kleinerem Rahmen erhalten Unternehmer Unterstützung im Norden der Stadt. In Wujiachong hat sich mit der Knowledge & Innovation Community (KIC) einer der größten Standorte für Start-ups entwickelt. Auf rund 800.000 Quadratmetern finden hier Veranstaltungen rund um das Thema Unternehmensgründung statt. Neben multinationalen Konzernen wie IBM oder dem Softwarehersteller Oracle sind es vor allem Start-up-Service-Agenturen wie die Silicon Valley Bank oder Technology Exchange, die Kapital und Wissen bereitstellen.

Auch abseits der KIC finden Start-ups immer mehr Unterstützung. Coworking Spaces wie People Squared im Shanghaier Finanzzentrum Jing’an District bieten Gründern kostengünstig Büros. In ihnen teilen sich gleich mehrere Firmen die Infrastruktur wie Drucker, Telefone oder Besprechungsräume – und tauschen regelmäßig ihr Know-how aus. Weiter im Süden findet sich iStart Ventures, ein Inkubator der städtischen Regierung speziell für Start-ups, die in den Branchen Internet, neue Medien, Gesundheit und Umwelttechnologie tätig sind. Und am Ufer des Flusses Huangpu wächst die kreative Szene im sogenannten Bundspace.

Auch deutsche Investoren wollen vom chinesischen Wachstum profitieren. Einer von ihnen ist Sebastian Kübler. „Kaum ein Markt entwickelt sich schneller als der chinesische“, sagt Kübler, der in den vergangenen sechs Jahren in rund 30 Start-ups in China investiert hat – darunter Kondommarken, Windelhersteller und Möbelfirmen. Wie in anderen Ländern auch, gelte es, Ideen genau zu prüfen. „Wer mitspielen will, muss wissen, was die Chinesen wollen“, sagt Kübler.

Mobilität und Konsum – das sind zwei wichtige Trends, die Gründer nutzen wollen. Laut einer Studie des Investment-Fonds SparkLabs Global hatten sich mehr als die Hälfte der im Jahr 2012 gegründeten Start-ups auf E-Commerce und das mobile Internet spezialisiert Die Konkurrenz ist hart. „Für Ausländer ist es besonders schwer, diesen traditionell von Chinesen dominierten Markt zu erobern“, sagt Kübler. Wer trotzdem in diesen Branchen gründen wolle, müsse nicht nur den Kunden einen Mehrwert bieten, sondern heimischen Investoren zeigen, warum es sich lohnt, in einen Ausländer zu investieren.

„Vor allem Dienstleister haben es leichter“

Die Bestrebungen der Stadtregierung zur Ansiedlung von Gründern gehen allerdings noch weit über die die Wirtschaftszonen und Gründerviertel hinaus. Eine neue Freihandelszone, die vor einem Jahr eröffnet wurde, soll noch mehr ausländische Unternehmen anlocken und den Marktzugang deutlich erleichtern. „Shanghai will mit diesem Projekt Vorreiter für ganz China werden“, sagt Rainer Burkardt, Rechtsanwalt und Leiter der vor Ort ansässigen Kanzlei Burkardt & Partner. „Vor allem Dienstleister haben es hier in Zukunft leichter.“

Seit 17 Jahren berät Burkhardt deutsche Unternehmer, die sich in China niederlassen wollen. Vor elf Jahren hat er sich mit seiner eigenen Kanzlei selbstständig gemacht. „Die Freihandelszone ist ein klarer Paradigmenwechsel: Shanghai will weg von der einfachen Produktion und hin zu mehr Dienstleistungen“, sagt Burkardt. Und dabei sollen auch tatkräftige Unternehmer aus dem Ausland helfen.

Dank der neuen Freihandelszone sei es für Rechtsanwälte, Berater, Finanzdienstleister, aber auch für Reisebüros oder Künstleragenturen einfacher geworden, in Shanghai zu starten. Mehr als 50 Regeln und Restriktionen, die Gründer behinderten, wurden nach Angaben der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI) seit der Einführung der Freihandelszone letztes Jahr gestrichen. So benötigen Personalberater und -vermittler beispielsweise nur noch 125.000 US-Dollar Mindestkapital, um eine Agentur zu gründen. Außerhalb der Zone gilt weiterhin ein Mindestkapital von 300.000 US-Dollar. Kleinere Unternehmen einiger anderer Branchen, die laut Stadtregierung als „permitted“, also genehmigt gelten, müssen inzwischen sogar gar kein Mindestkapital mehr vorweisen.

Geldbeschaffung ist „eine echte Herausforderung“

Trotz der vereinfachten Regeln haben ausländische Gründer in Shanghai mit Hürden zu kämpfen, die in der Heimat deutlich niedriger wären. „Die Geldbeschaffung ist eine echte Herausforderung“, sagt Brigitte Wolff, Unternehmensberaterin bei PricewaterhouseCoopers (PwC) und Vorstandsmitglied der Deutschen Außenhandelskammer. Seit 15 Jahren lebt sie in China und hat in Shanghai ein eigenes Unternehmen mit zwei deutschen Partnern gegründet: die Beratungsfirma Abacus, die nach mehrere Fusionen inzwischen zu PwC gehört. „Hätten wir nicht genügend Ersparnisse gehabt, wären wir gescheitert“, sagt die 54-Jährige rückblickend. In ganz China seien private Investoren sehr zögerlich, wenn es um die Finanzierung von Start-ups gehe. Wagniskapital in der Anfangsphase? Unmöglich. „Noch nicht einmal die Bank leiht einem hier Geld“, sagt Wolff.

Hinzu kommen Probleme, die selbst etablierten Unternehmen zu schaffen machen: Vielen Gründern gelingt es nicht, genügend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. „Ich habe am Anfang selbst Lehrgeld zahlen müssen“, sagt Wolff. „Leider haben meine Mitarbeiter sehr schlampig gearbeitet.“ Statt ihren Feierabend zu genießen, saß Wolff oft bis tief in die Nacht im Büro, um die Charts und Präsentationen ihrer Angestellten zu verbessern. „Es bringt einfach nichts, billige Leute einzustellen, wenn man am Ende doch alles selbst machen muss.“

Gründer Lorenz Wagener sieht die vergleichsweise günstigen Löhne hingegen als Vorteil. „Die Gehälter für Absolventen chinesischer Universitäten betragen nur einen Bruchteil dessen, was in Deutschland üblich ist“, sagt der 37-Jährige. Wer also in Shanghai gründe, danach zwei, drei Berufseinsteiger einstelle und dazu ein billiges Büro miete, komme viel günstiger weg als in Deutschland. „Die unternehmerischen Früchte in Shanghai hängen extrem tief“, sagt Wagener. „Dieses Potenzial muss man als Gründer einfach nutzen“. Sein Rat: Einfach ausprobieren und machen. Und wenn man scheitert? „Dann hat man wenigstens nicht so viel Geld in den Sand gesetzt wie in Deutschland.“

Gnadenlos kopiert

Doch auch Optimist Wagener sieht Probleme für Start-ups. Im Land der der sogenannten Copycats werden Geschäftsideen oft gnadenlos kopiert. Wageners Firmenidee zu Rimagine wurde in China gleich dutzendfach geklont. „Man hat unsere ganze Webseite eins zu eins kopiert und sogar unsere Bilder geklaut.“ Zum Schutz gegen Diebe nutzt er inzwischen ein Programm, das ihn warnt, sobald der Quellcode seiner Seite irgendwo anders im Internet auftaucht. Darauf angesprochen, hätten die dreisten Diebe ihre Online-Seite meist gelöscht. „Glücklicherweise haben uns solche Copycats noch nie existenziell gefährdet“, sagt Wagener.

Rechtsanwalt Burkardt sieht eine Mitschuld der Unternehmer am Ideenklau. „Im anfänglichen Eifer des Gefechts vergessen viele Gründer den Schutz ihres Eigentums.“ Ein großes Problem, denn bis der Schutz nach der Anmeldung greift, vergehen in der Regel bis zu sechs Monate. „Solche Angelegenheiten regelt man am besten schon gestern.“

Die Regeln für Erfolg sind global

Doch auch wenn alles geregelt ist: das Büro angemietet, das Personal gefunden, die Bürokratie überwunden und das geistige Eigentum geschützt: Der Erfolg kommt auch in China nicht von jetzt auf gleich. Die Regeln für Erfolg seien global, sagt Wagener, der selbst aus einer Unternehmerfamilie stammt: „Mein Opa sagte immer: Es dauert sieben Jahre, bis du ein Unternehmen erfolgreich etabliert hast“. Und so sei es auch in Shanghai.