Geld verdienen und Dienst an der Gesellschaft ist kein Widerspruch: Viele Start-ups integrieren das Gemeinwohl in ihre Geschäftsidee.

Von Katharina-Luise Kittler

Als Lisa Erdmann den Deckel öffnet, füllt sich der Raum mit Knoblauchgeruch. Im Topf befindet sich Kimchi, das koreanische Traditionsgericht. Doch Knoblauch ist nicht das einzige Gewürz, das sie und ihr Mitgründer Björn Vondran nutzen, um Lebensmitteln zu fermentieren.

Bis August dieses Jahres wurde das Duo vom Social Impact Lab in Leipzig gefördert. Ihr Zentrum für Fermentation gehört zu jenen Start-ups, die nicht nur Geld verdienen, sondern mit ihrer Geschäftsidee einen Dienst an der Gesellschaft leisten wollen.

„Wir möchten den Teilnehmern unserer Workshops ihre Selbstbestimmung wiedergeben“, sagt Erdmann. Heutzutage könne man fast nur noch hochverarbeitete Lebensmittel kaufen und nicht mehr selbst bestimmen, was sie genau enthalten.

Die Geschäftsidee der beiden Gründer beinhaltet nicht nur Workshops, sondern auch die Produktion verschiedener fermentierter Lebensmittel. Neben Kimchi arbeiten Erdmann und Vondran an fermentiertem Sauerkraut, das sie in Leipziger Bio-Läden künftig verkaufen wollen.

„Solche Ideen begeistern uns“, sagt Marcus Bittner, Leiter des Social Impact Labs in Leipzig. Er hat den Standort in Sachsen aufgebaut und bereits einige soziale Start-ups in ihrer frühen Phase begleitet. „Gerade am Anfang brauchen sie besonders viel Unterstützung, weil sie es in Sachen Finanzierung sehr schwer haben“, sagt Bittner.

Kredite würden an Start-ups mit sozialer Geschäftsidee kaum vergeben. Deshalb seien viele Gründer auf Stipendien und Spenden angewiesen. Bittner: „Viele Start-ups, die wir fördern, wollen lieber organisch wachsen und streben nicht den schnellen Exit an.“

So geht es auch Tutory. Seit Februar dieses Jahres bietet das Start-up kostenlose Unterrichtsmaterialien für Lehrer an. Sie können diese Materialen ohne großen Aufwand online erstellen und mit ihren Kollegen teilen. 1400 Nutzer hat die Plattform bereits, ab November soll ein kostenpflichtiges Angebot hinzukommen.

Auch bei Tutory steht das Gemeinwohl im Mittelpunkt der Geschäftsidee. „Lehrer produzieren täglich etliche Inhalte, die nirgendwo gespeichert werden. Wir verringern nicht nur den Arbeitsaufwand der Lehrer, sondern verbessern auch den Unterricht für die Schüler“, sagt Thomas Haubner, der bei Tutory für das Marketing zuständig ist. Lehrer für ihre Idee zu begeistern, die schon lange im Schuldienst sind, sei trotzdem sehr schwierig – denn neue Medien würden mit Skepsis beäugt.

So geht es vielen Start-ups, wenn sie Investoren gewinnen wollen. Denn der Gedanke des Gemeinwohls erhält erst langsam Einzug in unternehmerisches Denken in Deutschland. Timo Meynhardt, Psychologe und Betriebswissenschaftler an der Universität Sankt Gallen und HHL Leipzig Graduate School of Management, beschäftigt sich in seiner Forschung intensiv mit Unternehmen, die das Gemeinwohl in ihre Strategie integrieren. „Sie sind die Hoffnungsträger der Gesellschaft“, sagt Meynhardt. Moralisch arbeiten und Geld verdienen schließe sich nämlich nicht aus, im Gegenteil. „Gerade die Generation Y stellt sich die Frage, welchen Sinn ihre Arbeit erfüllt. Und in diesem Kontext kommt der Gemeinwohlgedanke ins Spiel“, sagt Meynhardt. „Gemeinwohl ist, was uns alle angeht“, sagt Meynhardt und betont, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern einen Sinn bieten müssen, der über materielle Anreize hinausgeht.

Solche Start-ups werden am Donnerstag mit dem Public Value Award von Ernst & Young in Kooperation mit der HHL Leipzig Graduate School of Management ausgezeichnet. Sieben sind für den Preis nominiert und haben die Chance, an renommierten Gründer-Workshops in Palm Springs und Rom teilzunehmen.

Zu den Nominierten zählt das Start-up Töchter und Söhne, das Menschen im Pflegealltag unterstützen möchte. „Wir möchten vor allem denen helfen, die keine externen Dienstleister mit der Pflege ihrer Angehörigen beauftragen“, sagt Florian Caspari, Leiter des Produktmanagements. „Die Angehörigen sind Deutschlands größter Pflegedienst, werden gesellschaftlich aber kaum wahrgenommen“, so Caspari.

Deshalb bietet das Start-up beispielsweise Onlinekurse für Angehörige von Menschen mit Demenz an, um sie bei der Pflege zu unterstützen. Außerdem hat Töchter und Söhne ein Geschwisternetzwerk ins Leben gerufen, das Geschwister von Menschen mit Behinderung miteinander in Kontakt bringt und so einen Austausch ermöglicht.

Anfangs finanzierte sich das Start-up mit Eigenmitteln und Business Angels. Laut Caspari macht es in diesem Jahr Gewinn.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Vincent Zimmer von Kiron, einer Online-Universität für Flüchtlinge. Auch er ist mit seinem Team für den Public Value Award nominiert. An der Online-Uni beginnen die Studierenden mit Online-Kursen und entscheiden sich dann für einen Studiengang an einer Campus-Universität, um den Abschluss zu erhalten. „Wir haben eine digitale Lösung für Flüchtlinge entwickelt, die über Grenzen hinaus funktioniert“, sagt Zimmer. „Wir können unsere Kurse in allen möglichen Ländern anbieten und helfen somit nicht nur Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind.“

Auch Zimmer empfiehlt Gründern, die Idee des Gemeinwohls von Anfang an in sämtliche unternehmerische Strategien zu integrieren. „Es geht hierbei um Menschen“, sagt Zimmer, „da muss das Gemeinwohl im Mittelpunkt stehen.“