Alle reden über neue Finanzierungsrunden. Aber braucht man überhaupt Venture Capital, um ein Unternehmen zu gründen? Der dritte Teil unserer Serie über Start-up-Mythen.

Dieser Mythos verfügt sogar über ein eigenes Maskottchen, das passenderweise aus der Familie der Fabelwesen stammt: das Einhorn. Wer die einschlägigen Fachmedien über die Gründerszene verfolgt, könnte den Eindruck bekommen, dass unter den Unternehmern das Jagdfieber ausgebrochen ist. Denn es vergeht kaum ein Tag ohne einen Artikel rund um die Frage, welches Start-up dank der nächsten großen Finanzierungsrunde eine Milliardenbewertung erreicht und sich damit zum Club der sogenannten „Unicorns“ zählen darf.

Die Schlagzeilen über üppige Kapitalrunden zeichnen das Bild von Unternehmern, die nur dank externem Geld ihren Beruf ausüben können. Doch das Einhorn als solches frisst nicht nur Unmengen an Kapital, sondern ist auch höchst selten.

Denn die meisten Gründer investieren zunächst einmal ihr eigenes Geld in ihr Unternehmen. Der Deutsche Startup Monitor – eine jährliche Studie, die von der Prüfungsgesellschaft KPMG herausgegeben wird – hat im vorvergangenen Jahr 1224 deutsche Start-ups nach der Herkunft ihres Kapitals gefragt. 84 Prozent nutzen die eigenen Ersparnisse als Finanzierungsquelle, knapp ein Drittel bekommt Geld von Freunden oder der Familie. Eines von fünf Start-ups finanziert sich ausschließlich aus eigener Kapitalkraft. Die Finanzierung durch Venture Capital, Business Angels oder Inkubatoren dagegen ist rückläufig.

Interessant ist außerdem, wie gering der Finanzierungsbedarf bei Gründern ist. Knapp 30 Prozent kommen (bisher) mit weniger als 50.000 Euro externem Kapital aus. Bootstrapping, also die Finanzierung des eigenen Unternehmens ohne fremdes Geld, scheint das Gebot der Stunde zu sein. Dagegen sind es nur drei von 100 Start-ups, die mehr als zehn Millionen Euro Kapital eingesammelt haben.

„Zum reinen Gründen braucht man zu Beginn erstmal gar kein Kapital“, sagt Dietmar Grichnik, Professor für Entrepreneurship an der Schweizer Universität St. Gallen. Das große Geld brauche ein Start-up erst, wenn es stark wachsen möchte. Aber viele Unternehmerinnen und Unternehmer würden den Fehler machen, sich zu früh um Kapital zu kümmern. Zuerst sei es wichtig dafür zu sorgen, dass ihr Produkt überhaupt einen Markt findet.