Von Übergrößenmode bis zur elektronischen Patientenverfügung – der Leipziger Accelerator SpinLab fördert sechs neue Start-ups.

Von Katharina-Luise Kittler

Musik dröhnt aus den Lautsprechern, der Bass wummert in den Hallen einer ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei. Seit rund anderthalb Jahren begrüßt SpinLab – The HHL Accelerator hier die neuen Start-ups mit einer Party.

Bei Musik und Häppchen sollen die Jungunternehmer Leipzigs Gründerszene kennenlernen und mit potenziellen Investoren, Kunden und Partnern ins Gespräch kommen. Sechs Start-ups haben dort Anfang Oktober ihre Büroinseln bezogen. Dort präsentieren sie sich mit Infomaterial und schicken Bannern, die von den meterhohen Decken baumeln.

Der SpinLab-Accelerator entstand aus der HHL Leipzig Graduate School of Management und fördert Start-ups aus ganz Deutschland. 18 Unternehmen konnten bereits von einem Arbeitsplatz in der Baumwollspinnerei, Marketing-Training und Hilfe bei der Investorensuche profitieren. Laut Eric Weber, dem Direktor des SpinLabs, seien heute noch 15 Start-ups aktiv, die rund 70 Leute beschäftigen.

„Wir haben in den vergangenen Monaten gemerkt, dass unsere Auswahl auf sehr viel positive Resonanz gestoßen ist“, sagt Weber. Neben einem Arbeitsplatz auf dem modernen Industriegelände bietet das SpinLab ein großes Netzwerk und Hilfe beim Recruiting. „Das Recruiting wollen wir in der nächsten Zeit noch weiter ausbauen und den Start-ups dabei helfen, passendes Personal zu finden. Dabei soll uns künftig eine neue IT-Lösung unterstützen“, sagt Weber.

Eines der neuen Start-ups ist Dipat. Nach Angaben des Gründers Paul Brandenburg kann das System mithilfe eines Online-Fragebogens eine individuelle Patientenverfügung erstellen – ohne großen bürokratischen Aufwand, juristisch wasserdicht. Brandenburg ist freiberuflicher Allgemeinmediziner und Notarzt und hat Dipat vor allem gegründet, um sich und seinen Kollegen den Arbeitsalltag im Krankenhaus zu erleichtern. „Patientenverfügungen sind in sehr seltenen Fällen so geschrieben, dass sie uns Ärzten nützen“, sagt Brandenburg. „Es bringt nichts, zu einem Notar zu gehen und sich eine Patientenverfügung beglaubigen zu lassen, deren Vorlage aus dem Internet heruntergeladen wurde“, sagt Brandenburg. „Ich war als Arzt teilweise dazu gezwungen, Patienten in eine Welt von Schmerz und Elend zu schicken, weil die Patientenverfügung nicht aussagekräftig war.“

Daraus hat Brandenburg eine Geschäftsidee gemacht. Dabei will er vor allem bürokratische Hürden abbauen und den Menschen den Zugang zu einer Patientenverfügung erleichtern. „Die Leute füllen den Fragebogen online aus, wir können alle Bedürfnisse individuell erfassen“, sagt Brandenburg. Selbst Details wie bestimmte Arzneimittelgaben werden in die Verfügung mit aufgenommen. „Natürlich müssen wir trotzdem weiter versuchen, Ängste abzubauen, denn einige Nutzer begegnen unserem System noch mit Skepsis. Deshalb sind wir auch telefonisch erreichbar und können jederzeit helfen“, sagt Brandenburg. Gegründet hat Brandenburg Dipat aus eigenen finanziellen Mitteln. Aktuell erhofft sich das Team eine Finanzierungsrunde mithilfe des SpinLabs.

“Kleine Schwester von Berlin”

Da die Mieten in Leipzig immer noch relativ niedrig sind und sich die Gründerszene stetig vergrößert, zieht es viele junge Unternehmen in die sächsische Metropole. „Wir betrachten uns als kleine Schwester von Berlin“, sagt Eric Weber, Leiter des SpinLabs. „Wir sind nur eine Zugstunde entfernt und wir haben auch ein paar Berliner Start-ups in die Förderung aufgenommen.“ 6000 Euro bekommt jedes Start-up von der Stadt Leipzig, auch bei bürokratischen Aufgaben unterstützt die Stadtverwaltung.

Diese Vorteile will auch das Start-up Wundercurves nutzen, das eine Onlineplattform für Übergrößenmode gegründet hat. Seit einem halben Jahr vertreibt Wundercurves Mode online und steht aktuell vor dem Abschluss einer Finanzierungsrunde. „Wir sind sehr aufgeregt, dass wir uns dann auch der offiziellen Gründung unserer GmbH widmen können“, sagt eine der Gründerinnen Christiane Seitz.

Die Idee zu Wundercurves kam ihr, als sie mit einer Freundin einkaufen ging. „Wir waren genervt und frustriert, dass wir große Mühe hatten, Kleidungsstücke in unserer Größe zu finden, weil sie in den meisten Fällen immer ausverkauft war“, sagt Seitz. Sie trage Konfektionsgröße 42, ihre Freundin 44 oder 46 – und diese Größen seien sehr schnell vergriffen. „Shopping sollte eigentlich Spaß machen, aber in unserem Fall war es kein schönes Erlebnis. Das wollten wir ändern.“

Zusammen mit einem befreundeten Unternehmensberater gründeten sie Wundercurves. „Wir wollen, dass sich auch Frauen mit Übergröße beim Shoppen wohlfühlen“, sagt Stephan Schleuss. „Ich habe zwar wenig Ahnung von Mode, aber unterstütze die Idee, dass jede Frau ein Recht auf schöne und hochwertige Kleidung hat, unabhängig von ihrer Konfektionsgröße.“ In den nächsten sechs Monaten plant das Start-up vor allem Kooperationen mit Bloggerinnen und will sich weiter auf dem Markt etablieren.

So unterschiedlich wie Dipat und Wundercurves sind auch die anderen vier Start-ups, die das SpinLab im nächsten halben Jahr fördert. Ein Fahrradschloss aus Hightech-Materialien; eine intelligente Geldbörse, die das Handy aufladen kann; Softwarelösungen für Energiegroßverbraucher und ein neuer Cloud-Speicher.

Die Gründer von Wundercurves sind bereits begeistert von den ersten Tagen in Leipzig: „Wir können uns ständig mit den anderen Start-ups austauschen, obwohl wir ja alle sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle haben“, sagt Seitz. Denn die Herausforderungen sind sehr ähnlich: Investoren finden, das Produkt weiterentwickeln, Werbung machen.

In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob so viel Kreativität Erfolg hat.