Die Skepsis gegenüber der analogen Welt wächst. Dienstleister müssen sich darauf einstellen, sagt unsere Kolumnistin und Gründerin Meike Haagmans.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit dem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite Tipps für Nebenbei-Gründer.

Kurz vor dem Schließen der Flugzeugtür versuche ich den letzten Sonnenstrahl zu erhaschen. Dann ziehe ich die Bolzen rein, lege den Hebel um und drücke auf den Knopf des Durchsagegeräts, um die Begrüßungsansage abspielen zulassen. Ich blicke kurz in die Kabine. Wir stehen in Genf und der Anteil der Geschäftsreisenden auf dieser Strecke ist, wie üblich, hoch.

Vermutlich hören die Passagiere diese Ansage öfter, als ich, in meinen fünf Tagen Flugdienst im Monat. Es scheint auch nicht wirklich jemand zuzuhören. Ich drehe das Volumen etwas leiser, damit letzte Telefonate beendet und Emails geschlossen werden können. Die Fokussierung auf das Smartphone ist auf dieser Strecke sowieso immer sehr ausgeprägt.

Ding Dong – die Cockpitkollegen schalten sich auf die Ansage: „Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Leider hat uns die Verkehrszentrale auf Grund von Gewittern in Süddeutschland eine vorgegebene Startzeit zugewiesen … “ – erste Blicke lösen sind von den Smartphones und wandern in meine Richtung – „ … der sogenannte Slot beginnt in 2 Stunden – das bedeutet, wir müssen noch eine Stunde und 45 Minuten auf unserer Parkposition verweilen.“

Mit rollenden Augen lösen sich wieder alle Blicke von mir und wandern zurück auf die Smartphones. Es ist mucksmäuschenstill in der Flugzeugkabine – die Ruhe vor dem Sturm.

Jeder wird zum Experten

Und dann geht es los: Ding, Ding, Ding. 1C hat seinen Call Button gedrückt, 2 A auch, 3F steht direkt auf, 4D fängt wild an zu telefonieren, 5E winkt der Kollegin am Notausgang zu, 6B wedelt mit seiner Bordkarte für den Anschlussflug. Die Kabine wird zum Ameisenhaufen.

Ich beginne in der ersten Reihe: wie denn das sein könnte, hier scheine doch die Sonne. Der Sitznachbar schaltet sich ins Gespräch ein: sein Kollege, aus Amsterdam kommend, sei auch gerade gelandet und könne kein Gewitter sehen. Plötzlich hält mir der Hintermann sein Smartphone entgegen: der Wetterbericht für Süddeutschland sei doch gut.

Das Unverständnis für unsere Situation wächst und Akzeptanz ist nicht vorhanden. Jeder wird durch sein Smartphone zum Experten. Ich versuche mich in Geduld zu üben, aber in Reihe 5 angekommen, wird diese auf eine hart Probe gestellt: „Das ist doch wieder irgendein versteckter Pilotenstreik von Ihren überbezahlten Kollegen“. Ich gehe zurück in die Küche, atme kurz durch und nehme das Mikrophone in die Hand: „Meine Damen und Herren, ich kann Ihre Sorgen gut nachvollziehen, aber bitte schauen Sie doch bei Twitter – in München ist Gewitter“.

Erste Blicke treffen mich wieder und meine Kollegin fängt laut an zu lachen, 1C schließt sich an und auch der Rest des Fliegers kann sich das Schmunzeln nicht verkneifen.

Nächste Seite: Warum die Skepsis wächst