Meike Haagmans ist Stewardess und Gründerin. Das ist nicht immer leicht, aber sie würde niemals einen der beiden Jobs aufgeben.

Nicht jeder Gründer widmet sich seinem Start-up in Vollzeit: Meike Haagmans ist Flugbegleiterin und Gründerin. Zukünftig erzählt sie in einer Kolumne, wie sie es – neben ihrem Job – geschafft hat, den Reiseveranstalter Joventours aufzubauen. Außerdem bloggt sie über Erfahrungen und gibt damit anderen Nebenbei-Gründer wichtige Tipps.

Jeder von uns kennt sie: die wangenkneifenden Tanten von früher. Nachdem der erste Schmerz nachließ, folgte obligatorisch die Frage: „Was willst du denn werden, wenn du groß bist?“ Ich nehme heute an (und ich bin selbst zur wangenkneifenden Tante motiert), dass es sich bei dieser Frage um eine rhetorische handelt, denn die Antworten sind und waren doch immer ähnlich: „Lokomotivführer, Baggerfahrer oder Stewardess“.

Warum stellt man diese Fragen also Kindern, die oftmals noch nicht mal ihren eigenen Namen schreiben oder lesen können? Ist es die eigene Erinnerung an Traumberufe, die man sich nicht erfüllt hat? Würde die Frage so oft gestellt werden, wenn Antworten kämen wie „PHP Entwickler, Unternehmensberater oder KFZ Sachverständiger“? Vermutlich nicht, denn wir wüssten bereits, dass die Berufswelt ganz anders aussieht als in Kinderaugen. Und doch wollen wir immer wieder von Kindern hören, dass es Traumberufe gibt und träumen jedes Mal ein wenig mit.

Wo sind unsere Träume hin? Wir haben Sie hinter lange Arbeitstage, Meetings, Massanzüge, Terminstress, Karriere- und Erfolgsdruck versteckt. Aber ich bin mir sicher, sie sind noch da, denn sonst wären Erlebnisgutscheine von mydays oder JochenSchweizer nicht so erfolgreich. Wir sind heute sogar bereit für den Traumberuf aus der Kindheit Geld zu zahlen. Paradox.

Was wäre wenn, wir die Möglichkeit bekommen würden, an einem Tag in der Woche unserem Kindertraumberuf nachgehen zu können und dafür auch noch Geld bekämen? Jeden Freitag den Anzug gegen eine Uniform tauschen und einen ICE durch Deutschland mit 300 km zu steuern. Den Stratege für einen Tag an die Wand hängen und ganz operativ zu arbeiten. Würden wir das machen? Würden wir einfach mal dem Job fremdgehen? Nicht möglich? Oh doch: Ich tue es seit Jahren und liebe es!

Vor knapp vier Jahren habe ich den Reiseveranstalter jovenTOUR gegründet und beschäftige mich seitdem mit den ganz normalen Aufgaben einer Betriebswirtin: Ein- & Verkauf, Produktmanagement, Marketing, Personal, Finanzen und Bilanzen. Ein ganz normaler Bürojob, der sich aber selten an klassische Bürozeiten von neun bis 17 Uhr hält. Und doch nehme ich mir zwei Mal im Monat die Freiheit raus , das Büro zu verlassen, packe meinen Koffer, binde meine Haare zum Dutt, ziehe eine Uniform an und werde zur Stewardess. So wie ich es damals schon den Tanten prognostiziert habe.

An zwei langen Wochenenden im Monat gehe einfach meinem Job fremd und lebe den Beruf, der mich schon immer fasziniert hat. Während der Firmengründung war das Fliegen eine gute Möglichkeit, ein gesichertes Einkommen zu haben. Heute bietet mir das Fliegen die Möglichkeit, vom Gründeralltag Abstand gewinnen zu können.

Obwohl ich beide Berufe liebe und die Kombination sich gut vereinbaren lässt, wird mir immer wieder eine Frage gestellt: „Und wann hörst du mit dem Fliegen auf?“ Die Antwort ist: gar nicht. Ich möchte einfach keine Jobmonogamie leben.

Wer in Deutschland zwei Jobs nachgeht, wird automatisch in die sozial unteren Schichten gesteckt, denn ein Zweitjob gilt oftmals als reine Aufstockung des Mindestlohns. Wir vergessen dabei gerne, dass gerade die Spitzenverdiener in Deutschland eine Menge Nebenjobs haben: einen Sitz im Aufsichtsrat hier, eine Professur dort.

Ein großen Vorteil des Fremdgehens ist der Blick über den Tellerrand. Denn die verschiedene Berufe setzen verschiedene Sichtweisen voraus. In der einen Tätigkeit bin ich Arbeitgeber, in der anderen Arbeitnehmer. Ich kann sowohl den Rattenschwanz über eine Krankmeldung oder die Verkündung einer Schwangerschaft nachvollziehen, ärgere mich aber auch gleichzeitig über meinen abgelehnten Urlaubsantrag.

Ich bin mir bewusst, dass der Arbeitsalltag, den ich lebe, eine Ausnahme in Deutschland ist und ich sehe es als eine Art Privileg. Trotzdem bin ich überzeugt, dass Menschen viel produktiver und glücklicher im Beruf sein können, wenn sie von diesem einfach mal Abstand gewinnen könnten. Dabei denke ich nicht automatisch an einen Zweitjob – es kann auch ein ausgeprägtes Hobby oder die Familie sein.

Leider stehen deutsche Arbeitgeber Anfragen auf Teilzeit immer noch kritisch gegenüber. Teilzeit gilt als nicht produktiv. In einem Land, wo also schon der Antrag auf Elternzeit als Karrierekiller gesehen wird, das vermeintlich starke Geschlecht Angst hat, diesen einzureichen, wir aber alle angeblich die Work-Live-Balance leben, muss sich anscheinend noch einiges ändern.