Google ist für viele der Wunscharbeitgeber. Sie haben für den Konzern als Entwickler in New York gearbeitet. Warum haben Sie gekündigt?
Die Arbeit in der Forschungsabteilung war wirklich außergewöhnlich: Ich hatte unglaubliche Freiheiten und Möglichkeiten und habe projektübergreifend gearbeitet. Eine Superstelle, die ich auch gerne mitgenommen habe. Aber für mich war immer klar, dass ich wieder ein eigenes Unternehmen starten wollte, nachdem ich schon 1997 zum ersten Mal bei einem Startup von Anfang an dabei war.

Frahling und FinkWas war dann der Auslöser, es zehn Jahre später wieder zu versuchen?
Ich habe auf die richtige Idee gewartet, um wieder ins kalte Wasser zu springen. Und die hatte ich in dem Jahr: Eine Internetsuche für Übersetzungen. Die Frage war nur: Mache ich es für Google oder für mich selbst?

Und Google wollte die Idee nicht…?
Die habe ich gar nicht erst gefragt. Stattdessen habe ich mich mit meinem alten Bekannten Leonard Fink zusammengetan, mit dem ich schon während der Schulzeit Projekte entwickelt habe. Wir haben gleich losgelegt und über ein Jahr lang wie wild programmiert.

Wild?
(lacht) Wir hatten kein Büro, sondern haben zu Hause gearbeitet, meist bis tief in die Nacht – trotz Protesten meiner Freundin.

Gab es Phasen, in denen Sie sich zurück zu Google gewünscht haben?
Natürlich haben wir manchmal Zweifel gehabt, ob das alles wie geplant funktioniert. Aber oft genug waren wir auch begeistert und haben gedacht: Die Technologie ist genial!

Wie funktioniert Linguee denn genau?
Ähnlich wie eine Google-Suche. Allerdings durchsucht Linguee ausschließlich Dokumente, die es in mehreren Sprachen gibt. Nur solche Quellen also, bei denen irgendjemand schon Wörter, Sätze oder ganze Texte übersetzt hat. Und davon gibt es im Internet unzählige. Zum Beispiel auf den Internetseiten von Unternehmen oder Organisationen wie der Europäischen Union. Unser Algorithmus analysiert, welche dieser Quellen gut und weniger gut sind – Foreneinträge oder schlecht gestaltete Seiten etwa sind meist eher schlecht übersetzt.

Was passiert mit den Informationen, die Sie sammeln?
Die Ergebnisse kann bei Linguee.de jeder abrufen, der selber etwas übersetzen will…

…das kann ich doch auch bisher schon im Internet tun, zum Beispiel beim Online-Wörterbuch Leo.
Stimmt. Aber Linguee hilft Ihnen vielmehr als solche Wörterbücher. Unsere Seite listet die Übersetzungen im Zusammenhang auf und zeigt, welche am häufigsten verwendet werden. Außerdem lernt sie permanent dazu: Jeder kann die Suchergebnisse bewerten und sogar bearbeiten. So können wir noch viel besser vorhersagen, welche Übersetzungen gut oder schlecht sind.

Ist es denkbar, dass Linguee auch irgendwann Sätze vom Kirgisischen ins Peruanische übersetzt?
Theoretisch ja. Unsere Technologie ist sehr gut anpassbar und im Prinzip sprachenunabhängig. Wir haben mit Deutsch-Englisch angefangen und wollen Linguee jetzt nach und nach erweitern, zunächst um die Sprachen, die am weitesten verbreitet sind. Dazu schicken wir unseren Crawler, unser Suchprogramm, einfach ein paar Wochen durch das Netz. Wann wir bei Kirgisisch ankommen, kann ich allerdings nicht sagen.

Ohne Ihrem Crawler zunahe treten zu wollen: Aber bräuchten Sie nicht eine größere Redaktion, die die Ergebnisse sichtet?
Das stimmt. Wir wollen das Team natürlich jetzt sehr schnell sehr stark ausbauen, damit die Qualität noch besser wird und wir neue Sprachen erfassen können.

Und dazu brauchen Sie Geld?
Nicht nur dafür. Wir sind sehr weit in Gesprächen mit Business Angels, werden nun allerdings noch zusätzlich einen VC-Investor suchen, um schnell internationalisieren zu können. Schließlich ist die Technologie bisher weltweit einzigartig.

Und womit wollen Sie später selber Geld verdienen?
Vorerst durch Werbung: Wer will, kann bei uns Banner schalten.

Das gilt in diesen Zeiten als schwierig…
Ich habe erwartet, dass Sie das sagen würden – diesen Konter bekommen wir ständig zu hören. Aber zum einen können Werbekunden bei uns Werbung schalten, die zu den Benutzern passt – etwa so wie bei Google. Außerdem sprechen wir eine riesige Zielgruppe an: Jeden Tag gibt es allein in Deutschland fast 20 Millionen Anfragen bei Online-Wörterbüchern, meist von Akademikern oder Schreibtischarbeitern. Wir können die Werbung quasi in den Arbeitsalltag reinschalten.

Die meisten gehen aber bisher zu Leo, wenn sie nach Übersetzungen suchen. Was tun Sie, um die zum Wechseln zu bringen?
Wir wissen, wie wichtig die virale Verbreitung ist. Dabei setzen wir auf Qualität: Leo ist natürlich über Jahrzehnte gewachsen, aber viel statischer. Wir bieten die bessere und benutzerfreundlichere Suche und wollen auch kleine Zusatzprogramme anbieten, damit man unseren Dienst bequem in seinen Browser integrieren kann.

Bei vielen Web-Startups in Deutschland stellt man fest, dass es ähnliche Ideen schon in den USA gibt. Geben Sie es zu: An welchem Unternehmen aus dem Silicon Valley haben Sie sich orientiert?
Vielleicht liegt das daran, dass es in Deutschland seltener die Entwickler sind, die gründen, sondern viel öfter die Betriebswirte. Aber bei uns ist das anders: Wir haben uns an keinem amerikanischen Vorbild orientiert. Eine Suchmaschine für Übersetzungen gibt es im Internet bisher weltweit nicht. Deswegen wollen wir nun möglichst schnell international expandieren.

Und wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen Ihr alter Arbeitgeber Google Ihnen eines Tages für Linguee ein Übernahmeangebot macht?
Ach, die können uns gerne ansprechen. Aber wir haben Linguee nicht programmiert, um es zu verkaufen. Wir wollen das selber richtig groß machen.

Gereon Frahling, 32, ist Mitgründer und Geschäftsführer der Linguee GmbH in Köln. Vorher besetzte der promovierte Informatiker eine von weltweit zwei Postdoc-Stellen in der Forschungsabteilung von Google. In New York beriet er die Google-Softwareentwickler bei algorithmischen Problemen und betreute Doktoranden. Während seines Mathematikstudiums in Köln war Frahling von 1997 bis 2001 Entwickler beim Social-Bookmarking-Dienst „Oneview.de“.